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Die zehn besten Lügen der Wirtschaftspolitik

06.05.2010 | 17:57 |  Josef Urschitz (Die Presse)

Eine ganze Branche lebt recht gut davon, Nachrichten aus Wirtschaft und Politik mit dem richtigen „Spin“ zu versehen, der aber nicht immer mit der Realität übereinstimmen muss.

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Hier eine kleine Auswahl aus den derzeit gängigsten Flunkereien:

Lüge 1:
Österreich ist von der Griechenland-Krise vergleichsweise wenig betroffen.

Die Wahrheit: Allein Österreichs Banken halten knapp fünf Milliarden Euro an griechischen Staatsanleihen. Das „Exposure“ ist bezogen auf die Größe des Landes also deutlich größer als jenes des zehn Mal so großen Deutschland, dessen Banken mit 35 Milliarden engagiert sind.

 

Lüge 2: Die Griechenland-Hilfe ist „nur“ ein Kredit und kann durch die Zinsen zum Geschäft werden.

Die Wahrheit: Formell ist das so, in der Praxis erwartet aber niemand, dass dieses Geld je zurückkommt. Im Gegenteil: Es wird noch mehr „nachgeliefert“ werden müssen.

 

Lüge 3: Der Staat hat dem Knaben aus dem jüngsten Finanzministeriums-Inserat 23.900 Euro Schulden „umgehängt“.

Die Wahrheit: Wenn man schon Milchmädchen rechnen lässt, dann richtig: Der Kleine hat rechnerisch zwar tatsächlich so hohe Schulden, weil der Staat aber 20 Prozent seiner Schulden im Inland macht, hat der junge Mann auf Basis dieser Durchschnittsrechnung gleichzeitig auch eine Forderung von knapp 5000 Euro gegen den Staat. Das Problem ist nur: Seine Forderung kann er sich in die (erst schütter vorhandenen) Haare schmieren, die hält vermutlich seine Bank. Für die Schulden wird er mit seiner späteren Steuerleistung aber wohl geradestehen müssen.

 

Lüge 4: Der Euro unterliegt strengen Stabilitätskriterien und ist deshalb eine stabile Währung.

Die Wahrheit: In ihrer Not überlegt die Europäische Zentralbank gerade, ein absolutes Tabu zu brechen und Staatsanleihen direkt anzukaufen. Damit wird, bildlich gesprochen, die Notenpresse direkt angeworfen. Am Ende einer solchen Entwicklung steht immerhohe Inflation.

 

Lüge 5: Ohne neue Steuern lässt sich das Budget nicht sanieren.

Die Wahrheit: Österreich hat in vielen Bereichen strukturelle Probleme, das Sparpotenzial ist hier selbst bei vorsichtigster Betrachtung wesentlich höher als der Konsolidierungsbedarf des Staates. Es ist allerdings leichter, mittels Neideffekts („die Reichen bzw. die anderen sollen zahlen“) Steuererhöhungen in der Bevölkerung durchzubringen, als gegen die Großverschwender in den eigenen Reihen (beispielsweise die Landeshauptleute) vorzugehen.

 

Lüge 6: Es geht wieder aufwärts, die Budgetprobleme lassen sich durch Wachstum lösen.

Die Wahrheit: Die Eurozone hat (nicht ganz ohne Grund) das langsamste Wachstum aller Weltregionen. Das wird die kommenden Jahre so bleiben. Um Arbeitslosenraten zu verringern und positive Budgeteffekte zu erzielen, ist ein Realwachstum von 2,5 bis drei Prozent erforderlich. Das wird die Eurozone in den nächsten Jahren mit Sicherheit nicht sehen.

 

Lüge 7: Der mindestens fünf Milliarden Euro teure Koralmtunnel ist Teil der total wichtigen transeuropäischen „Baltisch-Adriatischen Verkehrsachse“ und muss deshalb gebaut werden.

Die Wahrheit: Diese Verkehrsachse existiert nur in den Planspielen einiger Universitätsprofessoren, aber nicht in der Praxis. Der Eisenbahn-Güterverkehr in Osteuropa ist in den vergangenen Jahren dramatisch geschrumpft, Personenverkehr zwischen Polen und Italien gibt es auf dieser Achse praktisch nicht. Nicht einmal in Österreich: Von Wien nach Italien verkehrt derzeit pro Tag ein einziger durchgehender Zug. Das Milliarden-Prestigeprojekt dient also ausschließlich der Fahrzeitverkürzung zwischen Klagenfurt und Graz und wird deshalb, wie Wifo-Chef Karl Aiginger diese Woche bei einem Hintergrundgespräch sagte, nicht einmal in die Nähe der Auslastung kommen.

 

Lüge 8: Es ist egal, ob ein Unternehmen öffentliche oder private Eigentümer hat.

Die Wahrheit: Am Rande der Skylink-Affäre am Wiener Flughafen wurde bekannt, dass der Vorstand dieses zur Hälfte (20 Prozent Wien, 20 Prozent Niederösterreich, zehn Prozent Betriebsrat) in politischem Einfluss stehenden börsenotierten Unternehmens vor Vorstandssitzungen nach Parteien getrennte „Fraktionssitzungen“ unter Beiziehung von Landesparteisekretären abhält. Einmal ehrlich: Möchten Sie Aktien eines Unternehmens halten, dessen Geschäftspolitik von Provinz-Parteiapparatschiks vorgegeben wird?

 

Lüge 9: Agrarsubventionen dienen dazu, die klein strukturierte Landwirtschaft am Leben zu erhalten.

Die Wahrheit: Die Aktualisierung der Transparenzdatenbank zeigt: 80 Prozent der Agrarförderung gehen an die (Raiffeisen-dominierte) Lebensmittelindustrie, an große Gutshöfe und an Polit-„Nebenerwerbsbauern“ à la Gebrüder Scheuch. Gerade einmal ein Fünftel fließt dorthin, wo es wirklich gebraucht wird: zu den Kleinen.

Das ist auch der Grund, warum die Agrarförderung das breitflächige „Bauernsterben“ der vergangenen Jahrzehnte ganz klar nicht verhindern konnte.

 

Lüge 10: Die Banken sind saniert und machen wieder hohe Gewinne.

Die Wahrheit: Interessant ist nicht, was in den Bankbilanzen steht, sondern das, was man darin nicht findet: den ausgelagerten Schrott in den außerbilanziellen Zweckgesellschaften von Zypern bis Dublin. Der Inhalt solcher „Special Purpose Entities“ könnte der Grund dafür sein, warum es manche mit Fusionen gar so eilig haben.


josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2010)

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85 Kommentare
 
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Gast: insider
18.05.2010 10:51
0 0

lüge 7.1

sehr geehrter herr urschitz!
die angeführte lüge 7 mag in der sache durchaus unterschiedliche betrachtungswinkel zulassen, die pontebanna-achse ist alles andere als unumstritten. das aber der bau des koralmtunnels, also des bergmännischen bauwerks selbst, 5 mrd euro kosten soll ist ebenso korrekt wie die erde eine scheibe ist. wenn man andere, wahrscheinlich durchaus berechtigt, öffentlich der lüge bezichtigt ist man gut beraten, es selbst mit den fakten überaus genau zu nehmen. trotzdem danke für ihre wichtige, richtige und mutige positionierung in einer zeit der massenverblödung!

hoxworth
15.05.2010 18:55
0 0

das ist es

was ich an der presse so mag! artikel wie die vom hrn. urschitz, der immer wieder durch bestechende klarheit und detailierte kenntnis der fakten herausragt und standards in der medienlandschaft setzt. österreich bräuchte viel mehr journalisten dieses formats und zuschnitts, kombiniert mit bedingungsloser objektivität. danke!

Gast: rudi
11.05.2010 23:32
2 0

gratulation

wieder mal die presse- nicht? die einzige nicht korumpierbare.

Gast: urgestein
11.05.2010 13:58
2 1

Wahrheitsliebender

lieber josef urschitz,

lassen sie sich umarmen. endlich die wahrheit,
es ist wahrlich wie weihnachten.
hoffe, sie bekommen keine grösseren probleme,
wäre nicht verwunderlich.

Gast: Jack the debitor
10.05.2010 19:09
0 0

Die wichtigste Wahrheit allerdings ist:


Letztendlich gab und gibt der Sparer den falschen Bankern das Geld (siehe Sparrate). Für diesen Fehler, so will es die Theorie, muss er bezahlen. Und das wird er.


Gast: banksterschreck
10.05.2010 18:06
1 1

Danke

Ich schliesse mich den Anderen an und sage einfach nur DANKE!
DANKE für einen Journalisten der endlich einmal die Wahrheit sagt.

Gast: Ludwig v. Mises
10.05.2010 16:12
2 1

Danke

Der Artikel ist derzeit im deutschsprachigem
Raum ein Einzelfall.
Schön, dass es noch Journalisten gibt die
ihre Aufgabe Ernst nehmen.

Gast: Trashkiller
10.05.2010 14:23
1 0

DANKE!

HERR Urschitz! Endlich mal ein Journalist mit Eiern^^.

navy
10.05.2010 06:05
0 0

Europa

Alles ist Betrug, was die Politik von sich gibt! Die sogenannten Experten, entpuppten sich als Betrüger und SChaum Schläger und hinzu kommt das Milliarden schwere Kosovo Abenteuer, mit der Albaner Mafia.

Gast: atross
09.05.2010 13:12
1 0

wie Weihnachten

Mein Gott, wie tief ist die europäische Medienkultur schon gesunken, dass wir uns über einen Artikel, indem einmal nicht gelogen wird, freuen wie aufs Christkind.

Weiter so!

Gast: Peter
09.05.2010 12:51
1 0

Guter Artikel!

Danke!

roger
09.05.2010 11:51
2 0

Danke

Journalisten wie Sie braucht das Land, und keine Hofberichterstatter, die nur in der Lage sind, die APA-Vorgabe per Paste & Copy zu verbreiten. Ich hoffe, das ist nicht der letzte Artikel, den Sie schreiben durften.

periskop
09.05.2010 10:43
0 0

Es war höchste Zeit...

...die Lügen, die da überall kolportiert werden, zusammenzufassen! Mir würden noch ein paar einfallen, aber die wichtigsten hat Urschitz an den Pranger gestellt!

Zu den Agrarförderungen wäre noch zu ergänzen: Der ganze Agrarsektor könnte so nicht existieren, wenn er auf den freien Markt angewiesen wäre. Daher müssen auch die Großbetriebe künstlich am Leben erhalten werden, ohne Subventionen wären sie - und damit der größte Teil der landwirtschaftlichen Produktion - sofort pleite!
So zu tun, als ob die Förderungen nur für Kleinbetriebe da wären, ist völlig unrealistisch!

Gast: Don Quichote
08.05.2010 18:10
4 0

So ...

... stelle ich mir verantwortungsbewußten Journalismus vor. Mag sein, daß nicht alles so ganz stimmt, wie es hier publiziert wird. Aber auch wenn es nur zu 80% stimmt, ist es immer noch genug. Wie ich die Usancen in Österreichs Journaille kenne, steht der mutige Redakteur dieses Artikels wohl schon bei seinem Chef, um seine Kündigung entgegenzunehmen.

6 0

Hoffentlich behält Josef Urschitz ...

... noch lange seinen Schreibtisch und seinen Beruf, den er bewundernswert vital und aufrichtig mit Leben erfüllt. Was in den gleichgeschalteten Medien unserer Zeit, die keine unabhängig denkenden Köpfe in ihren Reihen wünschen, eine wohltuende Ausnahme ist.

Zu oft müssen wir erleben, was Grimmelshausen schon in seinem "Simplicius Simplicissimus" beschrieb: "Wer die Wahrheit geigt, dem schlägt man die Fiedel auf den Kopf."
Seit dem 17. Jahrhundert scheint sich nicht allzuviel verändert zu haben, was die Freiheit des Wortes angeht.

Alles Gute, Herr Urschitz, und vielen Dank für Ihren Mut. Bleiben Sie uns bitte erhalten!


SIMO
08.05.2010 12:37
4 0

Mutig

...... es gibt doch noch ganz wenige Journalisten, welche das, was der beobachtende Bürger ohnehin sieht, auch veröffentlicht niederschreiben. Es ist das Debakel unserer Politiker, dass sie den Mut nicht mehr haben, 1.) die Wahrheit zu denken, 2.) die entsprechenden (griechischen) (Spar)Massnahmen auch im Inland zu setzen, 3.) eventuell auch die Wahrheit auszusprechen, und so 4.) wenigstens ein österreichisches Rettungsboot aus der EU-Titanic abzuseilen, um nicht mitsamt der EU und dem EURO unterzugehen. Den Eisberg haben wir schon längst gerammt.

cerberus
08.05.2010 09:59
8 0

Eine längst fällige Demaskierung

hohler Phrasen, die nur benutzt wurden, um die Bevölkerung zu belügen. Längst sind die Politker Sklaven der Banken und agieren als deren Marionetten. UBP agiert ebenso wie der Nationalbankdirektor als Beschwichtigungshofrat, obwohl beide wissen müssen, daß sie damit die Österreicher belügen.
Die EZB wird Staatsanleihen aufkaufen und somit ein Dogma brechen. Hyperinflation mit anschliessender Währungsreform wird zur Quasienteignung der Sparer führen. Mit Demokratie und Wahrung der Interessen der Österreich - worauf die Politiker von UHBP abwärts vereidigt wurden, hat dieses Szenario allerdings absolut nichts mehr zu tun!
Danke Herr Urschitz - sie besitzen nicht nur den nötigen Durchblick, sondern auch die Zivilcourage, diese Fakten aufzuzeigen!

Gast: volkswirt
08.05.2010 09:49
6 0

Chapeau!

Endlich sagt einmal ein Journalist, was Sache ist! Das ist bei uns leider die absolute Rarität.
Vom BP abwärts wird die Bevölkerung mit Unwarheiten überhäuft. Das böse Erwachen wird auch für diese Herrschaften unvermeidlich sein. Leider muß die Bevölkerung die Rechnung für etwas bezahlen, was sie nicht bestellt und - im Falle Griechenlands und weiter zu erwartenden Subventionsflüsse - auch nicht konsumiert hat.

Gast: Denker
08.05.2010 09:40
1 0

Lüge 8

Lüge 8: Nach Parteien getrennte Fraktionssitzungen im Vorstand.
Das "wurde bekannt" bei Skylink?
Mag sein, dass es jetzt erst "bekannt" wurde.
Geben tut es das schon seit Jahrzehnten bei staatlichen und kommunalen "Unternehmungen", wo Rot und Schwarz beteiligt sind.

Gast: Rumpex Lumpex
07.05.2010 22:29
3 0

Lüge Nr. 7

So stimmt das nicht!

Der Koralmtunnel war kein Planspiel "einiger Universitätsprofessoren", sondern ein Prestigeprojekt Jörg Haiders.

Das ändert nichts an dessen vollkommener Unnötigkeit, aber: die "bösen linken" Professoren haben diesen Tunnel nicht gewollt, sondern im Gegenteil, davor gewarnt.

Warum wird das nicht auch gesagt?

Will man nicht wahrhaben, dass auch die "rechte Reichshälfte" nicht wirtschaften kann?

Gast: Niki
07.05.2010 20:04
3 0

bitte keine Verwirrspiele, Herr Urschitz

nachdem sich die Leser ja bereits mit der Tatsache der "gekauften Medien" abgefunden haben und die Berichte in den Zeitungen nur den gewünschten Mainstream wiedergeben, ist ihr Artikel "befremdlich ehrlich". Sollten einige Journalisten doch tatsächlich erkennen, daß sie mitverantwortlich für die politische Misere in Österreich sind? Aber: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer....

buer
07.05.2010 19:50
7 0

10 Lügen

Super aufbereitet!!! Gratuliere!!!

birgit
07.05.2010 16:51
9 0

Gratulation!

Sehr, sehr mutig. Vorallem Lüge 9 unterstreicht dies.
Journalismus der gebraucht wird.

Gast: jurist
07.05.2010 16:35
0 1

Korrektur zu 10.

Off-balance Sheet Geschäfte mit Special Purpose Enteties (SPE) müssen seit dem Unternehmensrechts-Änderungsgesetz 2008 im Anhang zur Bilanz erläutert werden.

Diese bösen SPE sind nichts weiter als Gesellschaften, die nur zu einem bestimmten Zweck errichtet wurden. Sie werden etwa häufig bei Joint Ventures zur Expansion in fremde Märkte gegründet. Dient dies etwa der reinen Verlustverlagerung, kann man das im Jahresabschluss ersehen!

Ein wenig Recherche zahlt sich aus!

Gast: ASVG-Skalve
07.05.2010 16:30
7 0

wenigstens Urschitz

getraut sich die Dinge beim Namen zu nennen. BRAVO !!!

Gast: Susi
07.05.2010 15:04
9 0

Pfff. Ganz schön mutig, sowas zu drucken.

Natürlich ist das alles wahr. Es ist auch das, was sich die meisten Öserreicher hinter vorgehaltener Hand erzählen. Aber schwarz auf weiß? In einer Zeitung? Hochachtung!

 
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