Kronstorf: Wie Google eine Gemeinde verändert

Das geplante Datenzentrum der Internetfirma sorgt für einen Bauboom: Mittlerweile sind fünf Wohnprojekte in Planung. Billa baut eine neue Filiale, und es gibt Anfragen von etlichen andere Firmen.

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(c) AP (RENE TILLMANN)

Kronstorf. Die ersten Anzeichen von Google sieht man etwas außerhalb von Kronstorf, rechts neben der Bundesstraße auf dem Weg Richtung Steyr. Es sind kleine Buchen und Fichten, Eichen, Linden – Bäume eben. 13.000 insgesamt, wie Bürgermeister Christian Kolarik seit seiner ausgelassenen Hochzeitsfeier weiß, bei der die Anzahl eine der „Wissensfragen“ an das Brautpaar war. Wann aber Google selbst zu bauen beginnt, weiß auch Kolarik nicht.

„Nächstes Jahr wahrscheinlich“, mutmaßt der oberösterreichische Ortschef. Dann sei die Bundesstraße fertig ausgebaut, und die Bagger, Kräne, Lkw und am Ende die unzähligen Computer könnten kerzengerade in sechs Minuten von der Westautobahn über die verbreiterte B309 auf die Wiese gebracht werden, die derzeit noch unberührt in sattem Grün hinter Kronstorf liegt.

Seit 2008 bereitet sich der oberösterreichische Ort auf die Ankunft der Internetsuchmaschine vor. Damals wählte Google die 3148-Einwohner-Gemeinde als neuen Standort für ein Datenzentrum aus. Inoffizielle Baubeginne gab es schon mehrere, eingehalten wurde bisher keiner.

 

Fünf Wohnbauprojekte

Dass gebaut wird – irgendwann – ist klar. Nicht nur, weil man schon den Mischwald als „ökologischen Ausgleich“ für das Rechenzentrum gepflanzt hat, sondern auch wegen des Geldes, das man investierte: Allein 40 Millionen Euro bezahlten die Amerikaner für 75 Hektar Land.

Mit der Computeranlage will Google primär den Datenverkehr Richtung Osteuropa bewältigen. Kronstorf wählte man schließlich nicht seiner schönen Lage wegen aus, entscheidender waren die drei internationalen Glasfaserleitungen, die hier durchführen. Und auf dem nahen Staudamm werden die „G-Men“ auch nicht segeln gehen wie Dutzende Kronstorfer. Der ist deswegen interessant, weil das Ennskraftwerk die nötigen Megawatt für das Rechenzentrum liefern kann: Am Ende wird es fast so viel Strom verbrauchen wie ganz Kronstorf. Für die Gemeinde ist Google ein Glücksfall. Erst knapp bevor die Firma anklopfte, hatte man begonnen, ein Betriebsgelände zu erschließen, und das mit Bauchweh: Welche Firma sollte sich hier ansiedeln, und welche Steuergeschenke muss man dafür verteilen? Dann kam Google und kaufte das ganze Areal. „Ohne steuerliche Vergünstigungen“, wie der Bürgermeister betont.

Die Amerikaner hätten bei den Verhandlungen immer wieder betont, „gute Bürger“ sein zu wollen. Für Gutgläubige gemäß dem inoffiziellen Firmenmotto „Don't be evil“; für Skeptiker, weil man sich in der Vergangenheit mit bevorzugter Behandlung und der folgenden öffentlichen Diskussion die Finger verbrannte.

Als die erste verdeckte Anfrage kam, standen noch 14 europäische Länder als mögliche Standorte zur Auswahl. Bald reduzierte sich das Interesse auf Oberösterreich, nach ein paar Monaten war die Entscheidung fix.

Allein die Ankündigung, dass Google komme, genügte, um die kleine Gemeinde nachhaltig zu verändern. Jahrelang hatte man beispielsweise nach einem Bauträger gesucht, der ein paar Wohnungen errichtet. Vergeblich. Als die Google-Nachricht bekannt wurde, meldeten sich umgehend zwei. Mittlerweile sind fünf Wohnprojekte in Planung. Billa baut eine neue Filiale, und es gibt Anfragen von etlichen andere Firmen. „Die Fantasie in der Gemeinde blüht“, sagt Kolarik.

 

Englischkurs für Kinder

Das zeigt sich auch im Kindergarten. Seit vergangenem Jahr bietet man Englischkurse für die Kleinen an. Man hat eigens eine Kanadierin engagiert, damit die Kinder die Fremdsprache akzentfrei lernen. „Schadet nie, wenn man früh mit dem Erlernen einer Fremdsprache beginnt.“ Noch dazu, wenn bald ein großer Arbeitgeber im Ort Englisch spricht.

Das neue Selbstvertrauen spürt man, wenn man durch die Straßen geht. In der „Prä-Google-Ära“ war Kronstorf irgendein Ort in Österreich. „Jetzt reicht der Zusatz Google, damit man uns wo hintun kann und eine Assoziation herstellt.“ Googelt man Kronstorf, findet man 57.500 Einträge. Allein 34.500 davon stehen in Zusammenhang mit dem geplanten Google-Zentrum.

Wie ungeteilt die Freude über Google ist, kann man vor allem an einem Faktum erahnen: Es gibt keine Bürgerinitiative, die gegen den Bau des Datenzentrums auftritt. Bisher jedenfalls.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2010)

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