Euro rutscht in Richtung "fairer Wechselkurs"

Gerüchte um eine bevorstehende Rückstufung Frankreichs und Italiens ließen am Dienstag den Euro neuerlich abstürzen. Als größeres Problem wird allerdings die europäische Schuldenkrise gesehen.

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(c) AP (MATTHIAS RIETSCHEL)

Wien/Frankfurt (red./ag). Wegen des Montagsfeiertags in den wichtigsten Finanzmärkten USA und Großbritannien schlägt die Aussage des französischen Haushaltsministers François Baroin, er mache sich Sorgen um das französische AAA-Kreditrating, mit einem Tag Verspätung auf die Märkte durch. Dafür aber um so heftiger: Der Euro fiel am Dienstag kurzzeitig von 1,2306 auf 1,2111 Dollar – und damit auf den tiefsten Stand seit vier Jahren. Und die europäischen Börsen, die die Baroin-Aussage am Montag noch ignoriert hatten, knickten deutlich ein.

Baroin hatte, wie berichtet, Sonntagabend erklärt, es werde für Frankreich schwer werden, sein Toprating zu behalten. Das sorgte für unbestätigte Gerüchte an den Finanzmärkten, wonach Frankreich sein AAA schon Ende dieser Woche verlieren könnte.

In den Gerüchten war auch die Rede davon, dass ebenso die italienische Staatsschuld abgewertet werden könnte. Italien hat (hinter Griechenland) die zweithöchste Verschuldung der Euroländer, ist aber bisher nicht in der ersten Reihe der Rückstufungskandidaten gestanden. Ein unerwarteter Anstieg der Arbeitslosenrate im April nährt nun die Befürchtung, dass sich die Wirtschaft schlechter als vorhergesagt entwickelt. Ein nicht geringer Teil der Schuldenreduzierungspläne der Eurostaaten basiert aber auf wieder anspringendem Wirtschaftswachstum.

Die zuletzt von mehreren Prognoseinstituten genährte Hoffnung auf eine bessere Konjunktur hat auch noch von einer anderen Seite einen Dämpfer erhalten: In China ist der Einkaufsmanagerindex überraschend stark gefallen. Das wird als Zeichen dafür gewertet, dass die anhaltende Krise in Europa nun auch die chinesische Wirtschaft, die als Lokomotive der Weltkonjunktur galt, zu bremsen beginnt. Dies könnte das Wachstum in ganz Asien dämpfen, hieß es. Auch diese Meldung trug dazu bei, dass die Finanzmärkte in Europa in die Knie gingen.

Devisenhändler meinten am Dienstag, der Euro bewege sich nun auf seinen „fairen“ Wechselkurs zum Dollar zu, habe ihn aber noch nicht erreicht. Mit knapp über 1,21 liegt der Kurs nun ziemlich genau in der Mitte zwischen dem Allzeittief aus dem Jahr 2000 (0,8230 Cent) und dem All Time High von Juli 2008 (1,6038 Dollar).

Experten waren davon ausgegangen, dass ein der Kaufkraft entsprechender Wechselkurs bei rund 1,20 Dollar liegen müsste. So gesehen hätte sich der Eurokurs jetzt normalisiert. Der Wechselkurs an sich macht den europäischen Währungspolitikern deshalb auch wenig Kopfzerbrechen.

 

Neue Milliarden-Abschreibungen

Größere Unruhe herrscht wegen der hinter dem Kursrückgang stehenden Probleme: Zu hohe Staatsverschuldung und eine ausgewachsene Bankenkrise. Die ist (obwohl die von vielen Risken befreiten Banken wieder Gewinne ausweisen) noch lange nicht vorbei: Nach Angaben der EZB werden die Banken der Eurozone 90 bis 105 Mrd. Euro abschreiben müssen. Sollten Staaten in ernstere Probleme kommen, wäre der Abschreibungsbedarf sogar noch deutlich höher.

An den europäischen Börsen standen deshalb am Dienstag besonders die Werte der Großbanken stark unter Druck. Betroffen waren vor allem französische Banktitel. Banken aus Frankreich halten sehr hohe Volumina an Staatsanleihen aus dem zurückgestuften Spanien und aus Italien.

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Kanada erhöht die Zinsen

Relativ unberührt von der globalen Krise zeigt sich Kanada: Wegen der überaus kräftigen Wirtschaftserholung im Land hat die kanadische Notenbank als erste große Zentralbank eine Leitzinserhöhung durchgeführt. Der Leitzinssatz wurde um 0,25 Prozentpunkte auf 0,5 Prozent erhöht. In der restlichen industrialisierten Welt dürften solche Schritte noch lange auf sich warten lassen: Die US-Notenbank wird frühestens Ende 2010 erhöhen, die Europäische Zentralbank nicht vor Mitte 2011.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2010)

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