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Gentechnik: Auftrieb für Frankensteins umkämpftes Korn

07.06.2010 | 18:41 | MATTHIAS AUER (Die Presse)

Die EU dürfte den Anbau von Genpflanzen erleichtern und damit Konzernen wie Monsanto die Tür öffnen, für seine Kritiker ist Monsanto ein moderner Frankenstein, der die Wissenschaft missbraucht.

Wien. Kommt die Bastion der Gentechnikgegner in der EU zu Fall? Brüssel plant, den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen (GVO) zu erleichtern und der jahrelangen Blockade ein Ende zu setzen. Während im Vorjahr weltweit 134 Mio. Hektar Land für den Anbau von Genmais und -soja genutzt wurden, waren es in Europa gerade einmal 100.000 Hektar.

Mit dem Plan macht die Kommission den Weg frei für umstrittene Konzerne wie den US-Agrarriesen Monsanto, die ihr Geld mit gentechnisch verändertem Saatgut verdienen. Für seine Kritiker ist Monsanto ein moderner Frankenstein, der die Wissenschaft missbraucht, um Nahrung zu erzeugen, die Gesundheit und Umwelt schadet und der mit hohen Lizenzforderungen indische Bauern in den Selbstmord treibt. Die Geschichte von Monsanto, dem Erzeuger des berüchtigten US-Entlaubungsmittels „Agent Orange“ im Vietnamkrieg, passt nur zu gut ins Bild der Umweltschützer.

Für seine Anhänger verkörpert Monsanto die Zukunft der Landwirtschaft, die Lösung der Hungerkrisen in Afrika. Auch Hugh Grant, seit 2003 an der Spitze des Konzerns, sieht in der Gentechnik den einzigen Weg, um den Ertrag „weltweit bis 2050 zu verdoppeln“. Seine Bewunderer sind breit gestreut. Selbst Josette Sheeran, Kopf des UN-World-Food-Programms outete sich als Anhängerin von Monsantos Ambitionen in Afrika.

Bekannt war der frühere Chemiekonzern, der erst 2000 ins Agrargeschäft eingestiegen ist, vor allem für Roundup, das beliebteste Unkrautmittel der USA. Heute macht der Konzern nur noch einen Bruchteil seiner 11,7 Mrd. Dollar (978 Mio. Euro) Umsatz mit der einstigen Cashcow. Den Rest steuern Lizenzen für Saatgut bei.

 

Forscher zweifeln

Um das Korn in Indien, Brasilien und den USA um den siebenfachen Preis verkaufen zu können, muss der Konzern seine beste Karte ausspielen: das Versprechen von höherem Ertrag. Bis 2030 will Grant den Ertrag bei Soja und Mais verdoppeln, bei einem Drittel weniger Wasser- und Energiebedarf.

Forscher sind skeptisch. Zu oft ist der Konzern über seine eigenen Versprechen gestolpert. So warten die Länder Afrikas immer noch auf eine Pflanze, die gegen Dürre beständig ist. 2013 soll es so weit sein, sagt Grant. Vielleicht. Bis dahin müssen sich die Bauern damit begnügen, Monsanto-Körner zu kaufen, die „Roundup-Ready“, also resistent gegen den Unkrautvernichter Roundup sind. Im Vorjahr haben das 83 Prozent aller Sojabauern und 84 Prozent aller Baumwollpflanzer in den USA getan.

Knapp eine Mrd. Dollar steckt Monsanto jährlich in Forschung. 100 Mio. Dollar kostet die Entwicklung eines genmodifizierten Saatguts. Wenig befriedigend freilich, wenn dann etwa die EU bei der Zulassung auf der Bremse steht. In Europa ist bisher nur die Genmaissorte Mon810 von Monsanto erlaubt. Das könnte sich nun ändern. EU-Staaten, die sich für Gentechnik ausgesprochen haben, etwa Spanien, dürften die Gensaat demnach bald großflächig ausstreuen. Staaten wie Österreich, die den Anbau verboten haben, dürfen angeblich auch daran festhalten.

Auch abseits der Gentechnik wird Monsanto mit Kritik eingedeckt. Der Konzern zwinge Bauern in die Abhängigkeit, weil sie jährlich Lizenzen bezahlen müssen, auch wenn sie keine neuen Monsanto-Körner kaufen, so der Vorwurf. Wer das nicht macht, bekommt Besuch von der „Saatpolizei“ und wird mit Klagen eingedeckt (siehe unten).

Tatsächlich dominiert Monsanto 65 Prozent des Weltmarkts für gentechnisch verändertes Soja. Nicht nur Umweltschützer und Konkurrenten wie Syngenta oder BASF, auch die US-Justiz hat den Konzern daher seit Jahresbeginn im Auge. Kein anderes Unternehmen besitzt mehr Patente im Agrarbereich. Behörden befürchten, Monsanto könnte seine Marktmacht ausnutzen, um die Forschung zu verzögern und die Preise für Spritzmittel und Saatgut anzuheben.

Monsanto gibt sich auf den Druck kuschelweich. 2014 läuft das Patent für Monsantos Gensoja aus. Eine Weltpremiere. Der Konzern hat versprochen, die Entwicklung von Roundup-Ready-Nachfolgern nicht zu verzögern und das Patent freizugeben. Allerdings dauern Entwicklung, Test und Zulassung vier Jahre. Um 2014 am Markt zu sein, müsste die Konkurrenz also heute schon einen Bestand anbauen. Das verbietet Monsanto in seinen Lizenzbedingungen und verlängert so sein Quasimonopol um Jahre.


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