Wien (gau). Damit hatte niemand gerechnet: Wenn es so weitergeht, dürfte die Zahl der Arbeitslosen im Jahresschnitt nicht wachsen, sondern sinken. Seit März geht in Österreich die Zahl jener, die einen Job suchen, zurück – und zwar Monat für Monat stärker. Im Juli sank sie um neun Prozent gegenüber dem Juli des Vorjahres, auf knapp 212.000 Personen. Nach der nationalen Definition sank die Arbeitslosenquote damit um 0,6 Punkte auf 5,7 Prozent.
Was aber relevanter ist: Zum zweiten Mal in Folge geht die Arbeitslosigkeit auch dann zurück, wenn man die Schulungsteilnehmer dazuzählt. Weil sich mehr Menschen in Schulungen befinden, ist der Rückgang auf dieser Basis geringer, liegt aber immerhin bei fünf Prozent. Bei den Sektoren stechen Metall- und Elektroberufe heraus, bei denen die Arbeitslosigkeit sogar um 28Prozent zurückging. Bei den Bundesländern gibt es große Unterschiede. Spitzenreiter sind Salzburg und Steiermark, das Schlusslicht bildet Wien. Die Zahl der offenen Stellen ist um 30 Prozent auf über 35.000 gestiegen.
Die Aktivbeschäftigung ist nach Schätzung des Arbeitsministeriums um 48.000 gewachsen. Das ist der kräftigste Anstieg seit den Zeiten der Hochkonjunktur – für Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) der Beweis dafür, dass „sich die Betriebe dem Strukturwandel gestellt haben“.
Keine Entwarnung
Woher aber kommt das unverhoffte „Jobwunder“, wo doch die Wachstumsraten der Volkswirtschaft bisher so verhalten geblieben sind wie befürchtet? AMS-Chef Herbert Buchinger geht davon aus, dass sich immer noch viele Personen, die sich sonst in Aufschwungphasen auf den Arbeitsmarkt wagen, aus Skepsis über die Zukunft zurückhalten. Dabei geht es vor allem um Studenten und Hausfrauen. Die weiterhin ungewisse Situation färbt auch auf die Unternehmen ab: Sie nehmen zwar neue Mitarbeiter auf, aber vor allem Leiharbeiter und Teilzeitkräfte.
Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) will deshalb auch keine Entwarnung geben: „Wir haben auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor mit den Auswirkungen der Krise zu kämpfen.“ Immer noch sind weit mehr Menschen arbeitslos als vor der Krise – und zwar über 54.000 im Vergleich zum Juli 2008. AK-Präsident Herbert Tumpel will sich der Euphorie erst recht nicht anschließen: „Das ist ein gutes Zeichen, aber mehr nicht.“
Erst am Freitag hatte die EU-Statistikbehörde Eurostat hierzulande für patriotischen Jubel gesorgt: Österreich ist auf der Basis der Juni-Zahlen das EU-Land mit der geringsten Arbeitslosigkeit. Der Wermutstropfen dabei ist die sehr niedrige Beschäftigungsquote Älterer. In dieser Disziplin liegt Österreich weit abgeschlagen auf Platz 18 von 27. Grund dafür ist die hohe Zahl an Frühpensionen.
Dass die Alpenrepublik bei der allgemeinen Beschäftigungsquote dennoch auf dem guten vierten Platz liegt, verdankt sie dem Umstand, dass immer noch der größte Teil der Jungen eine Beschäftigung sucht und findet. AK-Tumpel weist darauf hin, dass dies nicht so bleiben muss: Er erinnert an 150.000 Jugendliche, die „keinen oder nur einen Pflichtschulabschluss oder ihre Berufsausbildung abgebrochen haben.“ Für sie gäbe es einen „akuten Qualifizierungsbedarf“, den AMS und Firmen nicht allein abdecken können – weshalb er Reformen im Schulwesen einfordert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2010)
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