Wiener Hochfinanz im Sog der Madoff-Affäre

Auch die früheren Bank-Austria-Manager Randa, Hemetsberger und weitere Prominente werden in der Klage des Madoff-Masseverwalters als Beschuldigte angeführt. Die Angeklagten bestreiten alle Vorwürfe.

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(c) REUTERS (BRENDAN MCDERMID)

Wien. In der Milliardenklage, die jetzt im Internet abrufbar ist, zählt der Madoff-Masseverwalter Irving Picard auf 155 Seiten detailliert die Geldflüsse zwischen der Bank Austria, der früheren Wiener Bank Medici und den Firmen von Madoff auf. Die Liste der Beschuldigten liest sich wie ein Who's who der Wiener Hochfinanz: Gerhard Randa (Exchef der Bank Austria), die früheren BA-Vorstände Willi Hemetsberger, Friedrich Kadrnoska und Werner Kretschmer, Ex-Börse-Chef Stefan Zapotocky, Verkehrsbüro-Vorstand Harald Nograsek (beide arbeiteten früher für die Bank Austria) und Sonja Kohn von der Bank Medici. Picard erklärt ausführlich, was jeder Personen vorgeworfen wird. Diese bestreiten alle Anschuldigungen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Picard glaubt nicht, dass die beim New Yorker Betrüger Bernard Madoff angelegten Gelder einfach verschwunden sind. Der Schaden wird auf 65 Mrd. Dollar geschätzt; bislang konnte der Masseverwalter erst 2,6 Mrd. Dollar eintreiben. Picard beschreibt, wie Milliarden über ein Labyrinth von Fonds in Österreich, Italien und Gibraltar geflossen sind. Anbei die Vorwürfe im Detail:
Die von Sonja Kohn gegründete Bank Medici soll eine der größten Vertriebsstellen von Madoff-Fonds in Europa gewesen sein. Das Institut soll laut Picard keine eigene Bankinfrastruktur gehabt haben. Sie sei de facto eine Filiale der Bank Austria gewesen. Die Konten und Portfolios sollen von der Bank Austria verwaltet worden sein.

 

War Kohn Opfer oder Komplizin?

In der Klage heißt es: „Über 20 Jahre hat Kohn ein riesiges illegales System gelenkt und ihre besondere Beziehungen zu Madoff ausgenutzt.“ Laut Picard gab es eine geheime Vereinbarung über „Kickback“-Zahlungen von Madoff-Firmen an Kohn. Das Geld soll nicht immer direkt an Kohn ausbezahlt worden sein, sondern über spezielle Gesellschaften, die in der Klage angeführt werden.

Picard spricht in diesem Zusammenhang von „Schmiergeld“. Madoff soll sogar einen eigenen Mitarbeiter für die Abwicklung dieser Zahlungen beschäftigt haben. Ohne Kohns „illegales System“ hätte Madoffs Schneeballsystem nie so lange funktioniert. Von den Zuflüssen für die Fonds seien 9,1 Mrd. Dollar Kohn zuzurechnen.
Neben Medici verkaufte auch die Bank Austria Madoff-Fonds. Sie kassierte dafür hohe Provisionen. Kohn und die früheren Bank-Austria-Manager Zapotocky, Hemetsberger, Radel-Leszczynski hätten sich mehrmals im Jahr mit Madoff in New York getroffen, um über die Fonds zu sprechen.
Einen Monat bevor Madoff seinen Betrug gestand, soll Kohn den Herald Fund angewiesen haben, 536 Mio. US-Dollar von Madoffs Firma abzuheben. Rund um das Geständnis von Madoff soll es laut Picard eine Reihe weiterer verdächtiger Zahlungen gegeben haben. Diese sind aufgelistet. Der Madoff-Masseverwalter erhebt den Vorwurf, dass sich Kohn und ihre Familie bereichert haben.

 

Bank Austria half beim Medici-Aufbau

Ein wichtiger von Kohn geleiteter Madoff-Fonds soll auf den Cayman Islands seinen Sitz gehabt haben. Die Bank Austria stellte dafür auf den Cayman Islands ihre Büros zur Verfügung.
Ohne Mithilfe der Bank Austria hätte Kohn nicht ihre Aktivitäten entfalten können. Laut der Klage sei Kohn 1984 von den USA nach Österreich zurückgekehrt, um europäische Investoren für Madoff zu gewinnen. Dabei soll sie mit Ex-Bank-Austria-Chef Gerhard Randa zusammengearbeitet haben, heißt es in der Klage. Gemeinsam mit Randa und einem weiteren Bank-Austria-Manager hätte sie über Investmentmöglichkeiten für osteuropäische Anleger diskutiert. Randa war damals dabei, die Expansion der Bank Austria nach Osteuropa zu forcieren. Also seien Zapotocky, der Randa und Kohn miteinander bekannt gemacht habe, und die Bankerin zu Madoff nach New York geflogen. Dort wurde vereinbart, dass die Bank Austria Madoff-Fonds vertreibt.

Kohns Anwalt bestreitet alle Vorwürfe. Die Bank Austria kündigte an, „mit aller Vehemenz gegen die Klage vorzugehen“. Das Institut sei Opfer und nicht Täter. Ex-Justizminister und Anwalt Dieter Böhmdorfer, der Madoff-Geschädigte vertritt, sieht das anders: „Die Klage in den USA zeigt, dass die Bank Austria aktiv in das Madoff-System eingebunden war.“ Die Bank Austria habe für den Verkauf von Madoff-Fonds Provisionen kassiert. Sie sei als Prospektkontrolleur verpflichtet gewesen, die Verwendung der Gelder zu kontrollieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2010)

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