Berlakovich: 100 Prozent Energie "made in Austria"

Österreich kann sich 2050 mit "grüner" Energie selbst versorgen. „Wir haben keine Alternative“, sagt Umweltminister Berlakovich. Der Preis dafür ist unklar.

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(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Wien/Auer. „Wir haben keine Alternative.“ Mit diesen dramatischen Worten und ernster Miene trat Umweltminister Niki Berlakovich (ÖVP) am Mittwoch vor die versammelte Presse. Die steigenden Ölpreise, die wachsende Abhängigkeit von Energielieferungen aus dem Ausland, der erwartete Anstieg des Energiebedarfs und nicht zuletzt der Klimaschutz – all das zwinge Österreich zu handeln. Zum Glück hatte der Minister gleich einen Aktionsplan parat: „Die Antwort lautet Energieautarkie.“ Ob die komplette Umstellung der Energieversorgung auf Wind, Sonne, Wasser und andere erneuerbare Energieformen möglich ist, war lange nicht erforscht. Bis gestern. Ein Team rund um Universitätsprofessor Wolfgang Streicher erstellte im Auftrag des Ministeriums eine Machbarkeitsstudie zu Österreichs Energieautarkie.

 

Enorme Einsparungen im Verkehr nötig

Bis 2050, so die Vorgabe an die Wissenschaftler, sollte Österreich seinen gesamten Energiebedarf für Strom, Wärme und Verkehr ohne Atomenergie, Erdöl und Erdgas bestreiten können. 100 Prozent Energie „made in Austria“, lautete die Losung. Und siehe da: „Ein energieautarkes Österreich ist möglich“, stellt der Umweltminister freudig fest. Nicht nur in Mustergemeinden wie dem burgenländischen Güssing, ganz Österreich könne theoretisch auf Energielieferungen aus dem Ausland verzichten (von Stromtausch mit Nachbarländern abgesehen).

Schaffbar ist das laut Studienautor Streicher aber nur, wenn der Energiebedarf bis 2050 entweder gar nicht mehr steigt – dieses Szenario kann getrost als utopisch ausgeklammert werden – oder wenn er sich um nur um 0,8 Prozent im Jahr erhöht. Weltweit erwartet die IEA freilich einen weitaus rascheren Anstieg des Energiebedarfs.

Um das vorgegebene Ziel zu erreichen, müsste etwa der Energiebedarf 2050 im Verkehr um 70 Prozent unter jenem des Jahres 2008 liegen. Erst dann könne innerhalb Österreichs ausreichend Ersatz für Benzin und Diesel gefunden werden. Derzeit deckt der Verkehr fast 90 Prozent seines Energiebedarfs über Erdöl. Bei Gebäuden sieht die Studie 50 Prozent geringere Energiekosten vor, was vor allem durch thermische Sanierung und geringeren Stromverbrauch der Haushalte erreicht werden soll. Der Restbedarf könne über Solarthermie und mit Wärmepumpen gedeckt werden. Die Industrie müsse 35 Prozent Energie einsparen und auf Solarthermie, „grünen“ Strom und Biomasse umsatteln.

Einen tieferen Blick ins Zahlenwerk der Studie ließ das Ministerium trotz Nachfrage (noch) nicht zu. Potenziale, so viel wurde verraten, sehen die Autoren in nahezu bei allen erneuerbaren Energien. Entsprechend laut klatschten die Branchenvertreter dem Vorschlag des Ministers auch Beifall.

 

Keine Kostenschätzung für Energieautarkie

„Ich will Österreich in Richtung Energieautarkie führen“, setzte Berlakovich nach. Wie er das politisch umsetzen möchte, ob das mehr oder weniger Förderungen bedeutet und wie viel das letztendlich kosten werde, steht allerdings noch in den Sternen. So soll Anfang April zunächst einmal eine Expertenkommission eingesetzt werden, die nach Antworten auf die offenen Fragen suchen soll.

Der Studienautor Wolfgang Streicher gibt einen Vorgeschmack: Fotovoltaik sei zwar billiger geworden, aus Kosten-Nutzen-Überlegungen hierzulande aber immer noch zu teuer. Windenergie sei in Österreich in den vergangenen Jahren hingegen „vernachlässigt“ worden. Dieses Beispiel zeige nach seiner Ansicht „den einfachsten Weg, um die Entwicklung einer Industrie für erneuerbare Energien zu zerstören“. Zuerst würden hohe Förderungen gewährt und dann plötzlich für einige Jahre ausgesetzt. In dem Moment, in dem sie wieder anlaufen würden, hätte ein Teil der Betriebe bereits aufgegeben.

Derzeit deckt Österreich gut 30 Prozent seines gesamten Energiebedarfs über erneuerbare Energieträger. Bis 2020 muss der Anteil der erneuerbaren am Energiemix laut EU-Vorgabe auf 34 Prozent steigern.

Auf einen Blick

Österreich kann bis 2050 energieautark werden. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die vom Umweltministerium in Auftrag gegeben wurde. Österreich könne sich zu hundert Prozent mit erneuerbarer Energie aus dem Inland versorgen – zumindest wenn der Bedarf nicht stark steigt.

2010 erhöhte sich der Anteil
erneuerbarer Energieträger von 28 auf 30,1 Prozent. Bis 2020 muss Österreich laut EU-Vorgabe den Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix auf 34 Prozent steigern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2011)

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