Feiertag in Wien: Einkaufen ja, arbeiten nein

Österreich diskutiert über Ladenöffnung an Sonn- und Feiertagen. Die Geschäfte mit Sondergenehmigung sind voll, die meisten Kunden nur "ausnahmsweise" hier. Mit den Angestellten wollen sie nicht tauschen.

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(c) Teresa Zoetl

Wien. Der Eingang in die Welt des Kapitalismus liegt mitten im Bahnhof Wien-Praterstern. Zu finden ist er zwischen zwei Supermarkttüren, und wer es wagt hindurchzugehen, findet sich in einer grellen und bunten Welt wieder. Während auf Wiens Straßen kaum Autos fahren, die U-Bahn-Stationen verlassen sind und aus den Kirchen die Chöre klingen, drängen sich hier auf engstem Raum mehrere hundert Menschen zusammen. Mit Einkaufswagen und Rucksäcken ausgerüstet stehen sie da und haben ein gemeinsames Ziel: möglichst rasch einkaufen zu gehen. Und das an einem Feiertag.

Es ist erst wenige Wochen her, dass die regelmäßig wiederkehrende Debatte um eine Ausweitung der Ladenöffnungszeiten auf Sonn- und Feiertage wieder aufflackerte. Auslöser war Richard Lugner, der in Wien ein Einkaufszentrum betreibt und eine Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof gegen das Sonntagsöffnungsverbot einbrachte. Kurz darauf bekundete auch Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner seine Sympathie zum Thema. Mehr hat es nicht gebraucht. Mitterlehner wurde von den Landeshauptleuten – in deren Entscheidungsbereich die Ladenschlusszeiten fallen – zurückgepfiffen. Geöffnete Supermärkte am Sonntag? Flächendeckend? Das sei keine gute Idee.

Quälende Menschenmassen

Im Billa am Praterstern, einem der wenigen Supermärkte, die sonn- und feiertags geöffnet haben, funktioniert der Einkauf jedenfalls gut. So viele Menschen kommen, dass der Markt seine Pforten zeitweise sperren muss. Dann bildet sich eine Schlange vor dem Eingang, bis die nächsten zehn Personen hinein dürfen. Heute hat der Lehrer Guido P. seinen Weg hierher gefunden. „Ich bin nur zufällig da“, sagt er, während er einen Wagen mit Milch, Joghurt und Schinken vor sich herschiebt. Der Vater dreier Kinder hat gestern vergessen einzukaufen. Jetzt quält er sich zwischen den Wartenden hindurch, auf der Suche nach der richtigen Marmelade. Denn schon um elf Uhr ist das Geschäft regelrecht überfüllt. Am Eingang gibt es kein Durchkommen, an der Wursttheke hat sich eine meterlange Schlange gebildet. Trotz der sieben Mitarbeiter dahinter. Guido P. stört das Gedränge nicht, trotzdem wünscht er sich mehr offene Supermärkte am Sonntag. „Ich habe das schon oft schmerzlich vermisst“, sagt der 43-Jährige. Auch weil der Familienvater weit anreisen musste. Vom vierten Bezirk bis zum Praterstern ist er geradelt. Danach geht es wieder zurück.

Tatsächlich haben die Wiener nicht allzu viele Möglichkeiten, am Sonntag einkaufen zu gehen. Meist haben nur Läden an Schlüsselstellen wie Bahnhöfen oder Krankenhäusern geöffnet. Im AKH ist daher der Spar-Markt eine begehrte Anlaufstelle. „Ich habe es gestern nach der Arbeit einfach nicht mehr geschafft“, rechtfertigt Laborleiterin Julia F. ihren Einkauf. Die 32-Jährige muss öfters bis nach 20Uhr arbeiten, jetzt ist sie froh, dass sie es nachholen kann. Für eine allgemeine Sonntagsöffnung von Supermärkten ist sie dennoch nicht. „Aus Solidarität zu den Arbeitern“, sagt sie. Denn: „Ich glaube nicht, dass der Aufwand genügend abgegolten wird.“

Doppelte Bezahlung

Die Verkäuferin im OK-Markt, der erst vor knapp drei Monaten in der U-Bahn-Station Schottentor seine Pforten geöffnet hat, ist anderer Meinung. „Ich verdiene an einem Feiertag doch viel mehr Geld“, sagt sie, „und wo ist denn der Unterschied, ob ich an einem Sonntag oder an einem Montag arbeite? Für mich sind alle Tage gleich.“ Wie ernst ihr diese Aussage ist, zeigt ihre Vorgeschichte. Die junge Frau hat extra eine andere Handelskette verlassen, um in den Genuss von Sonntags- und Feiertagsdiensten zu kommen. Denn laut Gesetz müssen diese doppelt bezahlt werden. Eine Tatsache, die auch die Mitarbeiter im Billa am Praterstern gerne in Anspruch nehmen.

Als Kundin hat sich dort mittlerweile auch Bianca S. auf der Suche nach Aufschnitt eingefunden. Die 32-jährige Mutter eines Sohnes ist selbst mit einem Supermarktleiter verheiratet und verfolgt die Öffnungszeitendebatte mit Grauen. „Wenn jetzt am Sonntag auch noch geöffnet wird, dann würde mein Mann unseren Sohn überhaupt nicht mehr sehen“, sagt sie. Dass sie heute da sei, sei eine Ausnahme. Eine Antwort, die die meisten Kunden geben, wenn man sie darauf anspricht. Am Sonntag einkaufen gehen? „Als Kunde ja, als Angestellter nein“, fasst ein junger Mann die Debatte zusammen. Und überhaupt sind die meisten sowieso nur „ausnahmsweise“ hier. So wie Lehrer Guido P., der nach drei extra Runden die Marmelade gefunden hat. Schnell geht er weiter, zur Kassa und dann hinaus auf die verlassenen Straßen der Stadt.

Auf einen Blick

Ladenöffnungszeiten: In Österreich wird erneut über die Ladenöffnung an Sonn- und Feiertagen diskutiert. Ins Rollen brachte die Affäre Richard Lugner, der eine Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof einbrachte. Auch Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner zieht eine Erweiterung in Erwägung. Um die Sonntagsruhe für Geschäfte wird schon seit Jahren immer wieder gestritten. Auf der einen Seite stehen Gewerkschaft, Kirche und die Länder, die sich gegen eine generelle Sonntagsöffnung aussprechen, auf der anderen Seite einzelne Unternehmer, die sich im Zuge der Liberalisierung mehr Umsatz erwarten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2011)

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