Wien/Jaz. Wie Wettervorhersagen sind auch Konjunkturprognosen immer mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Wifo-Chef Karl Aiginger bediente sich anlässlich der Präsentation der jüngsten Prognose am Freitag daher einer entsprechenden Analogie: „Die unerwartet starke Schönwetterperiode ist am Abklingen. Da es noch keinen richtigen Sommer gab, ist der Herbst aber noch entfernt. Allerdings wird es nach dem Durchzug eines Gewitters nicht mehr ganz so warm sein.“ In Zahlen übersetzt heißt das, dass die beiden Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS für heuer zwar ihre Prognose für das BIP-Wachstum von 2,5 auf drei Prozent erhöhen. Für 2012 rechnen sie jedoch wieder mit einem deutlich langsameren Wachstum.
Dieser Rückgang werde bereits im zweiten Halbjahr 2011 zu spüren sein, so Aiginger weiter. Das Quartalswachstum werde sich im Vergleich mit dem ersten Halbjahr auf ein Viertel verringern. Als Grund dafür nennen die Ökonomen die anhaltende globale Unsicherheit. So seien die Schwellenländer Asiens und Südamerikas von hoher Inflation betroffen. In den USA und Europa bereite wiederum die ausufernde Verschuldungssituation der Staaten Sorgen.
Reallöhne sinken um 0,8 Prozent
Die Unternehmen üben sich daher in Investitionszurückhaltung: „Das Geld ist vorhanden, wird aber großteils für die Verbesserung der finanziellen Situation verwendet“, sagt Aiginger. Und auch das Konsumwachstum sei mit rund einem Prozent zu gering, um die Wirtschaft kräftig anzutreiben. Ein Grund dafür ist laut Wifo-Chef, dass wegen der von den Energiepreisen getriebenen Inflation die nominellen Lohnsteigerungen reale Lohnsenkungen bedeuten.
So werden die Arbeitnehmer heuer real und netto um 0,8 Prozent weniger verdienen als 2010. Daher ist laut Aiginger auch nicht Lohnzurückhaltung das richtige Rezept gegen die Inflation, sondern etwa mehr Energieeffizienz. Ein Punkt, in dem ihm IHS-Chef Bernhard Felderer heftig widerspricht: Die Inflation werde gerade dann „gefährlich, wenn es Zweitrundeneffekte gibt“, also über ständig steigende Löhne und Preise hochgeschaukelt wird.
Für das heimische Budgetdefizit erwarten die Wirtschaftsforscher heuer einen Rückgang auf 3,1 bis drei Prozent (von 4,6 Prozent im Jahr 2010). Grund dafür sind gesteigerte Steuereinnahmen aufgrund der besseren Konjuktur. „Im Rückblick hätte sich die Regierung bei den Sparmaßnahmen noch mehr ins Zeug legen können“, so die Ökonomen unisono. Dies war ja mit dem Argument, sonst das zarte Wachstumspflänzchen abzuwürgen, unterlassen worden.
„Das Defizit muss weiter zurückgefahren werden. Denn ein Land verliert mit einem hohen Budgetdefizit seine Handlungsfähigkeit. Und unser Spielraum ist schon eingeschränkt“, sagt Felderer. Die zu reformierenden Bereiche – Pensionen, Verwaltung, Gesundheitssystem, Schulen, Förderungen – seien hinlänglich bekannt. Das Vorbild Österreichs müsse Schweden sein, wo bereits seit Längerem eine Automatik die Pensionen an die steigende Lebenserwartung anpasst und sich die Regierung einen zweiprozentigen Budgetüberschuss zum Ziel gesetzt hat. „Und nicht nur ein Nulldefizit, das dann ohnehin nie erreicht wird“, so Felderer.
Tobin-Steuer: Wifo dafür, IHS dagegen
Dies sei umso wichtiger, als durch die Griechenland-Hilfe weitere Belastungen kommen werden. Dennoch befürworten die beiden Wirtschaftsforscher das Hilfspaket. „Die Folgen einer Staatspleite wären bürgerkriegsähnliche Zustände und noch höhere Folgekosten für die anderen EU-Staaten“, warnt Felderer. Auch ein „Haircut“, bei dem die Investoren auf einen Teil ihrer Schulden verzichten, wäre problematisch, da die Ratingagenturen das als Pleite werten würden.
Völlig uneinig sind sich IHS- und Wifo-Chef über die Finanzierung der Hilfskosten. Aiginger plädiert für eine Finanztransaktionssteuer. Laut Felderer besteht dann die Gefahr, dass sich Kapital für Firmen verteuert und in Folge noch weniger Investitionen getätigt werden – wodurch die Wettbewerbsfähigkeit sinkt. „Mit Kapitalbesteuerung darf man nicht schlampig umgehen“, so Felderer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2011)
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