Wien. Die Moskauer Alfa Group, einer der größten privaten Industrie- und Finanzkonzerne Russlands, will in Österreich den Direktbankenmarkt aufrollen. Gegründet wurde die Gruppe vom Oligarchen Michail Fridman, einem der einflussreichsten Wirtschaftstycoons Russlands. Gelockt wird mit Kampfkonditionen. Für täglich fällige Spareinlagen zahlen die Russen in Österreich Zinsen von 1,75 Prozent pro Jahr. Damit gehören sie zu den fünf besten Anbietern. Bei ING DiBa, der größten Direktbank des Landes, gibt es 1,6 Prozent.
Die Alfa Group ist in Österreich über ihre holländische Tochter „Amsterdam Trade Bank“ (ATB) tätig. Wie bei einer Direktbank üblich, werden die Geschäfte über das Internet abgewickelt.
Seit Kurzem hat die ATB eine eigene Österreich-Homepage. Wer bei der Hotline anruft, wird nach Amsterdam verbunden. „Selbstverständlich ist die AT Bank eine sichere und zuverlässige Bank“, so ein Sprecher zur „Presse“. Für österreichische Anleger gelte die niederländische Einlagensicherung. Demnach sind pro Person bis zu 100.000 Euro abgesichert.
10.000 Kunden als Ziel
In Holland und in Deutschland wurden bereits Einlagen von rund zwei Mrd. Euro eingesammelt. Bis Jahresende möchte das Institut in Österreich 10.000 Kunden gewinnen. „Die Entscheidung, nach Österreich zu expandieren, wurde vollständig eigenständig vom Vorstand in Amsterdam getroffen“, erklärt der Sprecher. Chef der ATB ist mit Martin Czurda ein Österreicher.
Die Alfa Group ist nicht der einzige Moskauer Konzern, der Österreich entdeckt. Die Sberbank, der größte staatliche Finanzkonzern Russlands, verhandelt über die Übernahme von „Volksbanken International“, der Osteuropa-Tochter des Volksbanken-Spitzeninstituts ÖVAG. Hinter den Kulissen wird über den Preis gestritten. Dem Vernehmen nach will die Sberbank nur 600 Mio. Euro zahlen, die ÖVAG fordert jedoch mehr. Dennoch soll der Deal voraussichtlich Ende August über die Bühne gehen. Auch die VTB Bank, die zweitgrößte Bank Russlands, geht in Österreich auf Kundenfang. Das Institut hat in Wien die Zentrale für Westeuropa errichtet. Bis 2013 soll die Österreich-Tochter von VTB das Geschäftsvolumen von 7,5 Mrd. auf zwölf Mrd. Euro ausbauen. Von der Wiener Niederlassung wird der Markt in Deutschland bearbeitet, wo VTB seit Kurzem auch im Direktbankgeschäft tätig ist.
Weltweit werden für Banken Spareinlagen immer wichtiger, um Kreditgeschäfte zu refinanzieren. Für die Geldaufnahme an den Kapitalmärkten müssen die Institute meist höhere Zinsen zahlen als dies bei Spareinlagen der Fall ist. Die russischen Finanzkonzerne wollen im Ausland im Regelfall sowohl im Spar- und im Kreditgeschäft zulegen. Die Expansion erfolgt nicht direkt über Moskau, sondern über Niederlassungen in der Europäischen Union. Dies hat den Vorteil, dass nicht die russische Einlagensicherung, sondern das System eines EU-Landes gilt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2011)
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