Telekom: Wenn Paradekonzerne abstürzen

Der Skandal um mutmaßlich erschwindelte Managerboni erschüttert Österreich. Ähnliche Affären im Ausland brachten mitunter eine neue Unternehmenskultur - wie beim Siemens-Konzern oder beim Lkw-Hersteller MAN.

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(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)

Wien. Der PR-Profi Peter Hochegger dürfte nicht die Idealbesetzung als Krisenberater sein. Spielt doch der einstige Intimus von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Beschuldigte in der Buwog-Affäre auch eine Schlüsselrolle in den Malversationen, die die Telekom Austria erschüttern. „Schockiert“ ist nicht nur Telekom-Chef Hannes Ametsreiter. Die Vorgänge, die das Image des Vorzeigekonzerns des schwarz-blauen Privatisierungskurses zerkratzt haben, gehen wie Schockwellen durch die heimische Wirtschaftsszene.

Dass sich eine Gruppe von Managern durch Manipulation des Aktienkurses um neun Millionen Euro bereichert – diese Vorgangsweise sucht nicht nur hierzulande ihresgleichen. Als würde das nicht schon reichen, hat die „Taskforce“ der Telekom herausgefunden, dass Hochegger mit den Telekom-Managern Rudolf Fischer und Gernot Schieszler eine „Firma in der Firma“ betrieben hat: Sie haben jahrelang Projekte über neun Millionen Euro abgerechnet, ohne plausible Gegenleistungen zu liefern.

 

„Rekord“-Skandal bei Siemens

Die Telekom ist nicht der erste und einzige Konzern, bei dem Justiz und Unternehmen selbst einen Augiasstall von dubiosen Geschäften und Geldflüssen auskehren müssen. Ähnlich spektakuläre Fälle im Ausland könnten helfen, den richtigen „Besen“ zu finden.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, Anzeigen, interne Ermittlungen: Was bei der Telekom zurzeit das Geschehen bestimmt, hat der deutsche Siemens-Konzern bereits hinter sich. Bei den Münchnern ging es zwar nicht um erschwindelte Managerboni, dafür sorgte der Paradekonzern für den größten Korruptionsskandal in der Geschichte Deutschlands. Mit unglaublichen 1,3 Milliarden Euro bestachen Siemens-Vertreter weltweit über Jahre hinweg Einkäufer privater Firmen, Beamte und politische Entscheidungsträger. Und wie bei der heimischen Telekom war die Konzernführung in die Vorgänge entweder eingeweiht oder unternahm trotz hartnäckiger Gerüchte nichts dagegen.

 

Anstoß von außen notwendig

Ins Rollen gebracht wurde die Aufarbeitung erst durch eine Großrazzia der Münchner Staatsanwaltschaft 2006. Damals durchsuchten 200 Beamte rund 30 Büros und Wohnungen von Siemens-Mitarbeitern. Was in den folgenden Monaten ans Tageslicht kam, versetzte Ermittler und Öffentlichkeit ins Staunen. So erfüllten Siemens-Verkäufer im Austausch für Auftragsvergaben sprichwörtlich jeden Wunsch. Einem nigerianischen Staatssekretär wurde beispielsweise die künstliche Befruchtung seiner Frau in New York bezahlt, andere Entscheidungsträger in Dritte-Welt-Ländern wurden mit teuren Medikamenten versorgt, für die der Siemens-Betriebsarzt eigens Rezepte ausgestellt hatte. Und in vielen Fällen floss einfach Geld.

Konsequenzen zog das Unternehmen erst, nachdem der juristische und öffentliche Druck zu groß geworden war. Mitte 2007 legten Siemens-Chef Klaus Kleinfeld und sein Vorgänger und damaliger Aufsichtsratspräsident Heinrich von Pierer ihre Ämter nieder. Anders als mehrere Siemensianer im mittleren Management mussten sie sich aber nie vor Gericht verantworten. Pierer zahlte 2009 zwar fünf Millionen Euro an Siemens, Schuldeingeständnis wäre dies aber keines gewesen, sagte er.

Der neue Siemens-Chef Peter Löscher machte die Aufarbeitung des Skandals zur Chefsache. Compliance-Beauftragte, die auf die Einhaltung von Gesetzen und internen Regeln achten sollen, wurden in jeder Abteilung installiert. Antikorruptionsschulungen für Mitarbeiter stehen seither auf der Tagesordnung. Rund 2,5 Milliarden Euro hat Siemens bereits für Aufklärung, Strafen und Prävention ausgegeben. Intern wird zwar mitunter kritisiert, dass nun das Pendel zu heftig in die andere Richtung ausschlage – das Konzept scheint jedoch aufzugehen. So machte Siemens im Juni selbst publik, dass drei Mitarbeiter in Kuwait Beamte schmieren wollten. Die Affäre wurde intern aufgedeckt, die Staatsanwaltschaft wurde informiert, die betroffenen Mitarbeiter wurden entlassen.

 

MAN wollte unter den Teppich kehren

Ähnlich die Situation beim deutschen Lkw-Hersteller MAN: Auch dort wurden mittels „Provisionen“ in Millionenhöhe die Verkäufe in Ländern wie Kasachstan angekurbelt. Intern waren Hinweise darauf seit Jahren bekannt, und mehrere Beteiligte wurden sogar gefeuert. Eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft machte die MAN-Spitze aber nicht. Das Thema sollte nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Die Folge war, dass der Skandal – etwas verzögert – mit einem noch viel lauteren Knall ans Tageslicht kam.

Hausdurchsuchungen, Anzeigen, Rücktritte von Managern. Bei MAN wiederholten sich die Erfahrungen von Siemens. Obwohl ihm juristisch keine Schuld nachgewiesen werden konnte, nahm MAN-Chef Hakan Samuelsson wenige Monate nach Bekanntwerden der Affäre seinen Hut. Auch andere Manager verloren ihre Jobs. Vor Gericht gab es für die meisten kein großes Nachspiel. MAN einigte sich mit der Staatsanwaltschaft auf die Zahlung von 150 Millionen Euro, dafür wurden viele nicht aufgearbeitete Fälle zu den Akten gelegt.

Verschärfte Compliance-Regeln sollen auch bei dem Lkw-Hersteller eine Wiederholung der Vorgänge verhindern. Zusätzlich will sich das Unternehmen am Ex-Vorstand schadlos halten. So wird von Samuelsson Schadenersatz in Höhe von 237 Millionen Euro verlangt. Selbst für einen Spitzenmanager ein unmöglich zu bezahlender Betrag.

 

Piëch als Scharfmacher

Als Scharfmacher kristallisierte sich MAN-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch heraus. Just Piëch war in den VW-Skandal rund um Lustreisen auf Konzernkosten für Betriebsräte verwickelt, der im Jahr 2005 aufflog. Demnach machte sich der Autokonzern den mächtigen Betriebsratschef Klaus Volkert mittels Managergehalt und Finanzierung brasilianischer Edelprostituierter, die nach Deutschland eingeflogen wurden, gefügig.

Der damalige Personalvorstand Peter Hartz musste gehen. Da dieser sämtliche Schuld auf sich nahm, perlte die Affäre an Piëch ab – auch wenn viele nicht glauben wollen, dass der langjährige Vorstands- und Aufsichtsratschef von nichts gewusst haben soll. Vor Gericht kam auch Hartz dank Zahlung von 576.000 Euro mit einer Bewährungsstrafe davon. Ins Gefängnis musste letztlich nur Ex-Betriebsratschef Volkert.

Zurück zur Telekom: Scharfe Compliance-Regeln sieht auch Ametsreiter als Waffe gegen künftigen Missbrauch. „Lückenlose Aufklärung“ und Schadensminimierung sieht er als weitere Maßnahmen. Und er erwartet einen „kurzen Prozess“, bei dem die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Ametsreiter zahlt seinen Bonus von 92.000 Euro freiwillig zurück. Sein damaliger Vorstandskollege Boris Nemsic hat ebensolches angekündigt. Von Nemsic, Fischer, Heinz Sundt und Stefano Colombo fordert die Telekom die Boni zurück. Außerdem klagt sie Fischer, Schieszler und den in die Kursaffäre involvierten Josef Trimmel auf Schadenersatz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2011)

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