Korruptionsaffäre: Der Telekom-Boss als gejagter Jäger

Der Druck auf Konzernchef Hannes Ametsreiter ist enorm. Ein dritter Vorstand wird ihn nicht entlasten, aber eine internationale Eingreiftruppe soll helfen.

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(c) REUTERS (LISI NIESNER)

Er hat vor mehr als einem Jahr die interne Revision in Stellung gebracht, nachdem Gerüchte über Zahlungen der Telekom Austria über den Lobbyisten Peter Hochegger an Politiker und Parteien für Schlagzeilen gesorgt haben. Vor vier Wochen, als der Telekom-Skandal richtig hochgegangen ist, hat er „lückenlose Aufklärung" angekündigt und gelobt, dass „jeder, der sich fehl verhalten hat, zur Verantwortung gezogen wird". Jetzt steht Telekom-Boss Hannes Ametsreiter selbst unter schwerem Druck. Vor der von Aufsichtsratschef Markus Beyrer einberufenen außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am Freitag wurde sogar über einen Abgang von Ametsreiter spekuliert.

Ametsreiter bleibt Konzernchef. Ihm zur Seite steht künftig nicht nur die hausinterne Taskforce, die schon etliche Scheingeschäfte der ehemaligen Telekom-Manager Rudolf Fischer und Gernot Schieszler mit dem Lobbyisten Peter Hochegger ans Tageslicht gebracht hat. Es wird ein Kontrollausschuss aus drei Aufsichtsräten gebildet, der sämtliche Aufräumarbeiten überwachen wird. Dieser wird eine unabhängige, international besetzte Truppe von Korruptionsjägern mit der Aufarbeitung sämtlicher Geschäfte und Zukäufe der Telekom in der letzten Dekade beauftragen. Außerdem wird unter der Vorstandsebene ein Compliance-Spezialist installiert, der auf die Einhaltung von Gesetzen und internen Regeln achten soll.

Die Bestellung eines dritten Vorstands, der Ametsreiter entlastet bzw. von ihm das operative Geschäft übernimmt, wie vor der Sitzung kolportiert, war dem Kontrollgremium offenbar zu „heiß". In dieser Konstellation wäre ein Abgang Ametsreiters nicht ausgeschlossen gewesen. Das wollte man in dem derzeitigen Chaos offenbar nicht riskieren. Zumal die Personalvertretung voll hinter dem Chef steht. „Das letzte, was wir jetzt brauchen, ist eine Personaldiskussion", sagte Betriebsratschef Walter Hotz der „Presse". Der Konzern befinde sich ohnedies in Aufruhr. Ein neues Management würde das Gegenteil der gewünschten Beruhigung bringen.

Telekom: Wer alles die Hand im Spiel hat(te)

Der Druck auf Ametsreiter von außen hält indes unvermindert an. Obzwar er beteuert, dass er nichts gewusst habe: weder von den Vorgängen rund um die Kursmanipulation, die 100 Managern in Summe neun Millionen Euro an Prämien gebracht hat, noch von den den dubiosen Honorarflüssen, die aus dem Konzern über Hochegger an Politiker und Parteien sowie andere Berater gegangen sein sollen.

Die Schatten der Vergangenheit kann Ametsreiter nicht ganz abschütteln. Kritiker gießen zudem Öl ins Feuer: Mit der sofortigen Rückzahlung des Bonus von 92.000 Euro, den Ametsreiter 2004 erhalten hat, nachdem per Manipulation die erforderliche Aktienkursmarke erreicht worden ist, sei es nicht getan. Es gehe um einen Neuanfang, um einen Schlussstrich unter die letzten zehn Jahre, fordern sie.

Ametsreiter war ab 2001 Marketing-Vorstand in der Handytochter Mobilkom, daneben hatte er diese Funktion ein Jahr (2005/06) auch bei der bulgarischen MobilTel inne. 2007 avancierte er zum Konzern-Marketing-Vorstand und folgte im April 2009 Boris Nemsic als Konzernchef nach. „Wenn jemand in einem System viele Jahre in gehobener Position tätig war, dann stellt sich die Frage, ob er der Richtige ist, dieses angeschlagene System aus der Krise zu führen", sagt SPÖ-Bundesgeschäftsführer Günther Kräuter zur „Presse". Die grüne Abgeordnete Gabriela Moser gibt Ametsreiter eine Chance: Er soll zeigen, dass er wirklich an einer umfassenden Aufarbeitung der Vergangenheit interessiert sei. Wenn das nicht geschehe, müsse er abgelöst werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2011)

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