US-Ökonom Rifkin: "Wir erleben die Endzeit des Öls"

Der Ökonom Jeremy Rifkin hält die EU für die Ideenfabrik der Welt und erklärt im Gespräch mit der "Presse", warum sie trotz Krise und Sparzwängen eine Billion Dollar in den Ausbau erneuerbarer Energien stecken sollte.

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(c) APA (HELMUT FOHRINGER)

Was Jeremy Rifkin zu verkaufen hat, ist nicht weniger als die Verheißung einer besseren Welt. Will sich die Realität in manchen Details seinen Visionen nicht beugen, drückt der Lehrende an der renommierten Wharton School of Business gern ein Auge zu. In Europas Führungsriege findet der Amerikaner immer wieder begeisterte Zuhörer. Dieser Tage lauschte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in Berlin den Ideen des Beraters der EU. Mögen Rifkins Prophezeiungen auch noch so düster sein, er kommt nie ohne Lösung im Gepäck. So macht ihm auch die europäische Schuldenkrise kaum Sorgen, denn mit Europa hat er Größeres vor. . .

 

Die Presse: Vor wenigen Jahren haben Sie die EU als führende Weltmacht gepriesen. Heute steckt der Kontinent in einer tiefen Schuldenkrise. Haben Sie sich geirrt?

Jeremy Rifkin: Wir haben die Weltwirtschaft 20 Jahre lang auf der amerikanischen Kaufkraft aufgebaut und dafür die Ersparnisse der zweiten industriellen Revolution aufgebraucht. Heute haben Private in den USA 14 Billionen Dollar Schulden. China hat unsere Waren produziert, die USA ist den Weg der Schulden gegangen und Europa ist uns in den Exzess gefolgt. Ich bin nicht naiv und kenne die Fehler der EU. Trotzdem ist und bleibt die EU die Ideenfabrik der Welt und der größte Konsumentenmarkt der Welt. Wir sprechen von 500 Millionen Verbrauchern in der EU und weiteren 500 Millionen in den benachbarten Mittelmeerländern.

 

Derzeit zittern viele aber um ihre gemeinsame Währung. Wie kann man den Euro retten?

Viele Regierungen sind in einer Zwickmühle. Die Finanzmärkte werden keine Ruhe geben, bis die Staaten ihre Ausgabenkürzungen durchsetzen. Wenn sie das machen, stockt die Wirtschaft. Das Problem ist, dass viele Politiker nicht verstehen, dass die europäische Finanzkrise und die Schuldenkrise nur Nachwehen des eigentlichen wirtschaftlichen Erdbebens vom Juli 2008 sind, als der Preis für ein Fass Rohöl über 147 Dollar stieg. Das ist die Wurzel des Problems.

Was hat der Ölpreis mit der Schuldenkrise zu tun?

Gemeinsam mit dem Ölpreis sind auch viele andere Produkte so teuer geworden, dass die Weltwirtschaft einfach dichtgemacht hat. Die Finanzkrise 60 Tage später war nur noch ein Nachbeben. Mit der starken Nachfrage aus China und Indien hat die Welt „peak oil per capita“ aber schon überschritten. Mehr Öl pro Kopf wird es nie wieder geben. Denn selbst wenn wir die acht Billionen Dollar ausgeben, um das restliche Erdöl aus der Erde zu saugen, wird die Bevölkerung schneller wachsen. Wir erleben die Endzeit des Öls, der fossilen Ära.

Derzeit sieht es eher nach Endzeit des Euro aus.

Die Eurozone wird nicht zerbrechen. Die EU wird alles tun, was nötig ist. Natürlich müssen die Staaten ihre Haushalte in Ordnung bringen. Gleichzeitig braucht Europa einen neuen Weg in die Zukunft. Die EU muss die dritte industrielle Revolution anführen.

Was ist das genau?

Die auf fossilen Rohstoffen basierende industrielle Infrastruktur ist alt und baufällig. Die dritte industrielle Revolution basiert auf der Verschmelzung von erneuerbaren Energien und dem Internet. Jedes Haus soll zu einem Kraftwerk werden, damit künftig Millionen Menschen erneuerbare Energie erzeugen und ein intelligentes Stromnetz über den ganzen Kontinent verteilen können.

Erneuerbare Energien reichen noch nicht mal für einen Bruchteil der Stromversorgung der EU. Außerdem setzen Konzerne auch hier stark auf zentrale Lösungen, weil sie effizienter sind.

Die EU rechnet damit, 2050 rund 80 Prozent der Energie aus erneuerbaren Energien zu holen. Ich sage: Es wird viel schneller gehen. Der Schlüssel sind die Speichertechnologien. Im Moment nützen wir drei von vier Kilowatt der produzierten erneuerbaren Energie nicht. Die EU muss eine Billion Dollar in den kommenden zehn Jahren investieren, um gemeinsam mit Unternehmen die Wasserstofftechnologie voranzutreiben, Brennstoffzellen zu entwickeln, Stromleitungen zu Kommunikationsstraßen auszubauen und eine Infrastruktur für strombasierten Verkehr zu schaffen. Das wird tausende Jobs bringen.

Ihre Lösung für die Schuldenkrise ist, eine Billion Euro in das Energiesystems zu stecken?

Es geht um den Umbau des gesamten Wirtschaftsmodells, dafür ist neue Infrastruktur nötig. Das Geld ist vorhanden, selbst in den schlechtesten Zeiten wird investiert. Die Frage ist nur: Investiere ich in Technologien, die im Sterben liegen, oder in die Zukunft? Natürlich wird der Staat auch etwas zahlen müssen. Das war auch bei der ersten und zweiten industriellen Revolution so. Die Eisenbahnnetze, Telegrafen und Autobahnen hat auch nicht der Markt allein gebaut, sondern immer gemeinsam mit dem Staat.

Für Steuerzahler und Konsumenten wird das teuer werden. Die Kosten der Energiegewinnung sind bei alternativen Energieträgern noch erheblich höher als bei fossilen Brennstoffen.

Wind ist heute in vielen Regionen schon absolut wettbewerbsfähig. Bei der Fotovoltaik fallen die Preise drastisch. Mit der Technologieentwicklung werden die erneuerbaren Energieträger schnell extrem billig werden.

Ohne Möglichkeit, Ökostrom zu vertretbaren Kosten zu speichern, bleibt das Utopie. Die Wasserstoffrevolution lässt auch auf sich warten.

Die Speicherung ist noch ein Schwachpunkt, weil wir erst jetzt beginnen, in großem Maßstab daran zu arbeiten. Davor war es einfach nicht nötig, weil der Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix zu klein war.

Sie schicken die EU allein in die grüne Zukunft. Welchen Sinn hat es, wenn die EU das Weltklima retten will, während China gar nicht daran denken kann, auf fossile Energie zu verzichten?

Wenn man daran glaubt, dass die Ära der fossilen Energien irgendwann zu Ende geht, gibt es keinen Plan B. Europa weist den Weg in die Zukunft, wir arbeiten aber auch mit Schwellenländern und den BRIC-Staaten zusammen. Zugegeben: Indien ist eine Demokratie, da ist es einfacher als in China.

Wie bewerten Sie den Atomausstieg in Deutschland? Für die geplante CO2-Reduktion Europas ist das doch ein Rückschlag.

Nuklearenergie ist aus einem wirtschaftlichen Blickwinkel tot. Die Technologie ist in den Achtzigern zurückgekommen, weil man glaubte, die Atommeiler könnten zur Klimarettung beitragen. Aber die Atomkraft macht so einen kleinen Anteil am Energiemix aus, dass sie kaum Einfluss darauf nehmen kann. Man müsste alle zwei Jahre 300 neue AKW bauen und das für 60 Jahre lang, um einen entscheidenden Einfluss zu haben. Zudem ist das Problem der Endlagerung ungelöst.

In dem dezentralen Energiesystem, das Sie entwerfen, kommen große Energiekonzerne kaum vor. Werden die Big Player das Geschäft tatsächlich den Kleinen überlassen?

Die Netze der großen Versorger sind alt, Öl und Gas immer teurer zu fördern, das ist kein zukunftsweisender Weg. Viele Konzerne wollen ihre zentralisierten Ideen aber noch nicht aufgeben. Zu einem gewissen Teil sind solche Projekte, wie etwa Desertec, auch willkommen. Letztlich sage ich den Konzernführern aber immer: Künftig werden Millionen Menschen selbst Energie erzeugen, das müsst ihr nicht mehr tun. Eure neue Mission ist es, das Energie-Internet zu managen, Unternehmen dabei zu helfen, weniger Energie zu verbrauchen, statt nur Elektronen zu verkaufen. Der Schlüssel für unternehmerischen Erfolg liegt in den kommenden dreißig Jahren nicht in den Arbeitskosten, sondern in den Energiekosten.

Auf einen Blick

Der Ökonom Jeremy Rifkin (66) ist Gründer der Foundation on Economic Trends. Es gibt kaum ein brennendes Thema, das er in den vergangenen 30 Jahren nicht aufgegriffen hatte: Er warnte vor dem Ende der Arbeit, verzögerte die ersten Gentests am Menschen, ließ Europa zur globalen Supermacht aufsteigen und begrub das Ölzeitalter. Alle zwei Jahre schüttelt der Amerikaner einen neuen Bestseller aus dem Ärmel. 1989 wurde er vom „Time Magazin“ zum „meistgehassten Mann der Wissenschaft“ gekürt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2011)

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