Die Presse: Wie fühlen Sie sich nun als „echter" Chef der ÖBB?
Roman Hebenstreit: Ich bin nicht der Chef der ÖBB. Da haben wir einen Vorstandsvorsitzenden, der ist der Chef. Ich bin aber froh, dass die Zustimmung sehr hoch war. Ich habe 100 Prozent Bestätigung erhalten.
Sie gelten deshalb als inoffizieller ÖBB-Chef, weil kaum ein anderer Betriebsrat mächtiger ist als jener der ÖBB.
Natürlich haben wir Einfluss. Und den werden wir auch weiterhin nützen. Wir vertreten eine riesige Belegschaft mit rund 42.000 Beschäftigten. Der Betrieb ist, wie es klassisch heißt, gut organisiert. Insofern wird die Belegschaftsvertretung hoffentlich immer eine Rolle spielen.
Der Belegschaft wird nachgesagt, bei der Bahn notwendige Reformen zu blockieren.
Das stimmt absolut nicht. Wir erledigen das Geschäft des Betriebsrates und dabei die Reformarbeit tagtäglich. Reformen bestehen ja nicht aus dem, was die Politik entscheidet. Reformen sind laufende Veränderungen bei Entlohnungsmodellen oder Arbeitszeitvereinbarungen. Die derzeitige Strategie, den Güterverkehr oder Nebenbahnen radikal zurückzufahren, sehen wir sehr kritisch. Wir sagen aber nicht, dass es keine Schritte geben darf, wenn sie begründbar sind.
Ein solcher Schritt wäre laut ÖBB-Chef Christian Kern die flächendeckende Abschaffung der Pragmatisierung. Ihr Vorgänger Wilhelm Haberzettl nannte das eine „Kriegserklärung".
Ich verstehe diese Forderung auch nicht. Ein Beispiel: Ich war jüngst bei einer Gerichtsverhandlung, wo es um fahrlässige Tötung ging, nachdem ein Verschubmitarbeiter einer kleinen Privatbahn ums Leben kam. Ein junger Lokführer ohne Pragmatisierung wurde dabei vom Richter gefragt, warum er damals ohne entsprechende Einschulung gefahren ist. Er antwortete, dass ihm sein Chef mit der Kündigung gedroht habe. Wir haben in Österreich oft sehr starre Arbeitszeitgesetze. Nur im Verkehr, wo es gefährlich ist, gibt es viel Flexibilität.
Das heißt, auch Lkw-Fahrer und Busfahrer sollten pragmatisiert werden?
Tun wir das mal nicht als Beamtentum und Pragmatisierung verteufeln. Aber ein erhöhter Kündigungsschutz würde helfen, die Mitarbeiter vor solchen Übergriffen zu schützen.
Unter den mehr als 42.000 ÖBB-Mitarbeitern gibt es genügend Büroangestellte oder Leute, die in Werkstätten arbeiten. Wozu brauchen die den erhöhten Kündigungsschutz?
Er ist seit 1995 bei Neuverträgen ja bereits abgeschafft.
Zwei Drittel aller Eisenbahner haben ihn noch. Hintergrund der Diskussion ist beispielsweise, dass die Schweizer SBB mit 27.000 Mitarbeitern auskommt und die ÖBB 42.000 brauchen.
Das hängt mit der Struktur des Unternehmens und des dortigen Verkehrs zusammen. Bei uns erfüllt etwa die ÖBB-Infrastruktur zum Teil Aufgaben der Behörde. In der Schweiz sind diese Mitarbeiter beim Staat angestellt.
Das macht niemals die Differenz von 16.000 aus. Verschiedenste Verkehrsexperten bescheinigen, dass die Schweizer auch für die gleiche Tätigkeit mit weniger Mitarbeitern auskommen.
Wo sehen Sie überzählige Mitarbeiter? Ich frage das immer. Natürlich gibt es Umstrukturierungen. Diese werden auch laufend durchgeführt und die Mitarbeiter woanders eingesetzt. Wir machen aber nach wie vor in den meisten Bereichen viele Überstunden. Ich sehe nirgendwo einen dramatischen Personalüberhang. Zudem liegen wir bei den Löhnen deutlich unter den Schweizern. Der Parameter beim Personal ist die Produktivität. Und bei dieser sind wir im internationalen Vergleich im oberen Bereich.
Sollte der Parameter nicht die Personalkosten sein, die mit 2,4 Mrd. Euro pro Jahr nahezu gleich hoch wie der Marktumsatz sind? Das wäre alles kein Problem, wenn die Steuerzahler nicht pro Jahr Milliarden für die Bahn zahlen müssten.
Eine Menge Geld kostet uns der Ausbau der Infrastruktur. Das ist eine Entscheidung der Politik, die zu akzeptieren ist. Hoffentlich ist es eine vernünftige Entscheidung, so stark in die Bahn zu investieren. Aber wäre es der richtige Weg zu sagen: Der ÖBB gebe ich keinen Cent mehr und dafür akzeptiere ich Milliardenkosten in Form von Staus und Strafzahlungen für das Nichterreichen der Klimaziele?
Die Infrastrukturpolitik ist ein Thema, die Effizienz des Betriebes ein anderes. Im Schnitt gehen Eisenbahner mit knapp 54 Jahren in Pension, ASVG-Versicherte liegen bei über 58. Wie erklären Sie das den Österreichern, die den ÖBB-Pensionisten jährlich 1,7 Mrd. Euro zuschießen?
Wir hatten in den vergangenen zehn Jahren vier Pensionsreformen. Das Pensionsantrittsalter bei den ÖBB steigt daher sukzessive. Das wird jetzt radikal durchgezogen. Der Wilhelm Haberzettl wird mit 58 in Pension gehen können, ich werde jedenfalls bis 62 arbeiten. Man muss aber schon sagen, dass viele Eisenbahner mit 55 Jahren den unregelmäßigen Schichtdienst einfach nicht mehr schaffen. Die Frage ist, wie man Arbeitsbedingungen schafft, um diese Menschen im Unternehmen zu halten. Die Kultur der ÖBB-Manager der vergangenen Jahre war, diese Mitarbeiter zu pensionieren.
Eisenbahner sind mit 17 Tagen im Jahr aber auch öfter krank als ASVG-Versicherte mit zwölf Tagen. Macht die Bahn ihre Mitarbeiter krank?
Das hängt mit der Berechnung der Krankenstände zusammen. Bei der ASVG sind Kurzkrankenstände von bis zu drei Tagen nicht eingerechnet. Bei den ÖBB wird zudem das Wochenende beim Krankenstand mitgerechnet. Wir haben beim Schichtdienst sogar geringere Krankenstände als in der Industrie.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2011)
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