Haben Lehrlinge weniger Zukunft?

Österreich ist stolz auf seine allseits gelobte duale Berufsausbildung. Nun zeigt eine Studie die Kehrseite: Im höheren Alter verlieren die hoch spezialisierten Ex-Lehrlinge leichter ihren Job.

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(c) AP (Eckehard Schulz)

Berlin/Wien. Es gibt noch Dinge, von denen die Österreicher überzeugt sind, sie könnten stolz darauf sein. Dazu zählt die duale Berufsausbildung: Dass junge Menschen nicht nur in der Schule, sondern auch in Betrieben für einen speziellen Job ausgebildet werden, erleichtert ihnen den Einstieg ins Berufsleben und sorgt dafür, dass die Jugendarbeitslosigkeit hierzulande weit niedriger ist als in den meisten anderen Industriestaaten. Ein schöner Erfolg, für den es auch oft Lob aus Brüssel oder von der OECD zu ernten gibt. Das Modell wird zur Nachahmung empfohlen, zumal es in dieser Form bisher nur in den deutschsprachigen Ländern und in Dänemark existiert.

Sollten also alle Staaten Österreichs Beispiel eilig folgen? So selbstverständlich ist das nicht. Die USA etwa haben ganz bewusst die engere Berufsausbildung aufgegeben und setzten auf den Erwerb allgemeiner Fähigkeiten, die in vielen Berufen nützlich sein können. Eine internationale Studie unter Leitung des deutschen ifo-Instituts zeigt nun, dass es auch dafür gute Gründe gibt. Denn die glänzende Medaille hat eine dunkle Kehrseite: Wer eine Berufsausbildung absolviert, ist in älteren Jahren stärker von Arbeitslosigkeit bedroht als jene, die eine eher allgemeine Bildung genossen haben.

 

Zu starke Spezialisierung

Ganz besonders gilt das für das duale System der Lehrlingsausbildung. Denn die Betriebe schneidern sich ihre Mitarbeiter oft auf einen ganz bestimmten Einsatzbereich zurecht. Diesen Job meistern sie dann souverän, von anderen Dingen aber haben sie wenig Ahnung. Wenn sie Pech haben, machen neue Technologien oder Strukturen die Fertigkeiten später überflüssig – zum Beispiel, weil ihr Konzern bestimmte Produktionen nach Osteuropa oder China verlagert.

Welche Kenntnisse aber in 20 oder 30 Jahren noch gebraucht werden, ist kaum vorauszusagen. Länder, in denen die Ausbildung weniger berufsspezifisch erfolgt, sind aus dieser Sicht besser auf einen raschen Wandel eingestellt. Für die Studie wurden Daten von 15.000 Arbeitnehmern aus 18 Ländern ausgewertet. Österreich zählt nicht dazu, sehr wohl aber Deutschland und die Schweiz. In Deutschland ist nur ein Drittel der Männer mit Lehrabschluss über 55 Jahre noch beschäftigt; bei Männern mit Matura oder BHS-Abschluss sind es drei Viertel.

Die Systeme der Nachbarn sind mit dem österreichischen „sehr vergleichbar“, wie Studien-Koautor Ludger Wößmann bestätigt. Übrigens haben die Forscher andere Einflussfaktoren, wie ein späteres Hochschulstudium oder freiwillige Frühpensionierungen „kontrolliert“. Damit werden, soweit möglich, äquivalente Faktoren verglichen. Welcher Effekt auf die dual Ausgebildeten überwiegt aber nun, der positive in jungen Jahren oder der negative später? Dazu haben die Autoren das durchschnittliche Lebenseinkommen verglichen, bei dem auch die mögliche Nichtbeschäftigung eingerechnet ist. Die Ergebnisse in den „Lehrlingsländern“ sind gemischt: In Deutschland und Dänemark ergibt sich ein negativer Saldo, in der Schweiz aber „rechnet“ sich die Lehre.

 

Opfer des Wandels

Wie aber wäre es in Österreich? Ein Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz betrifft die Zahl der Lehrberufe: Während die Deutschen mit 360 Ausbildungsgängen besonders spezialisiert sind, kommen die Schweizer mit deutlich weniger aus – und Österreich liegt in der Mitte.

Helmut Hofer, Arbeitsmarkt-Experte am Institut für Höhere Studien (IHS), sieht Österreich „eher beim Schweizer Beispiel“, was den Effekt der Lehre betrifft. Zudem sei die Bereitschaft von Lehrabsolventen, die Branche zu wechseln, hierzulande relativ hoch.

Die Studienautoren erklären das freundlichere Fazit für die Eidgenossen aber lieber mit der wirtschaftlichen Dynamik: Seit 1970 ist die Schweizer Wirtschaft deutlich schwächer gewachsen als die deutsche. Und in Volkswirtschaften, die sich weniger rasch entwickeln, sei die Gefahr geringer, dass eine zu starke Spezialisierung später den Job kostet. Sollte diese These stimmen, wäre das duale System für Österreich auf Dauer noch schlechter geeignet als für Deutschland. Denn beim Wachstum lag Österreich auf lange Sicht klar vor beiden Nachbarn.

Noch scheint es sich freilich zu bewähren: Die Arbeitslosigkeit lag 2010 für Lehrabsolventen bei 3,6 Prozent und damit deutlich niedriger als bei jenen, die eine AHS oder eine BHS abgeschlossen haben (mit 5,2 und vier Prozent). Ob es aber die richtige Antwort für eine Zukunft ist, in der sich vieles noch rascher und stärker ändern wird als in der Vergangenheit – diese kritische Frage wirft die internationale Studie jedenfalls auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)

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