Wien/Auer. Deutschland krempelt im Kampf um knappe Rohstoffe die Ärmel hoch: Kanzlerin Angela Merkel schließt milliardenschwere Rohstoffabkommen mit Ländern wie der Mongolei oder Kasachstan, Außenminister Guido Westerwelle will die Rohstoffinteressen seines Landes notfalls gar mit Waffengewalt sichern. Menschenrechtsexperten quittieren die neue Strategie mit Buhrufen. Die deutsche Industrie hingegen jubelt über den unverhofften Rohstoffschatz. Sie dürfen nun seltene Erden, die in der Elektronikindustrie dringend benötigt werden, im Wert von drei Mrd. Euro aus der kasachischen Steppe holen und verringern so ihre Abhängigkeit vom Quasimonopolisten China.
Bis zu 300 Prozent Preisanstieg
Am Donnerstag forderten auch Österreichs Industriebetriebe ein engagierteres Vorgehen in Sachen „Rohstoffdiplomatie“ von der heimischen Staatsspitze ein. Das heiße einerseits, die EU in ihrem härteren Vorgehen gegen protektionistische Tendenzen in China zu unterstützen, und andererseits, selbst den Abschluss bilateraler Abkommen zu forcieren. In den vergangenen zwanzig Jahren seien die Kosten für Rohstoffe um bis zu 300 Prozent gestiegen, schreibt die Industriellenvereinigung (IV) in einem Strategiepapier (siehe Grafik). Damit machen Rohstoffe bereits 40 bis 60 Prozent der gesamten Kosten in der Industrie aus.
Die Unternehmen fürchten um einen fairen Zugang zu Ressourcen. Denn bei vielen Rohstoffen ist nicht nur Österreich, sondern die ganze EU abhängig von Lieferungen aus dem Ausland (siehe Tabelle). Und auch dort klopfen Europas Länder selten als Erste um Metalle an. Meist ist ihnen das rohstoffhungrige China, das erst 2010 zum weltgrößten Energieverbraucher wurde, einen Schritt voraus. Die kommunistische Führung des Landes sichert Rohstoffe rund um die Welt, schützt ihre eigenen Ressourcen aber mit Exportquoten und -zöllen. Konzerne müssten 30 bis 40 Prozent mehr als chinesische Mitbewerber bezahlen, wenn sie chinesisches Magnesit importieren wollen, sagt RHI-Chef Manfred Hödl. Erst in der Vorwoche erhielt Chinas restriktive Exportpolitik einen ersten Dämpfer: Die Welthandelsorganisation bestätigte ein früheres Urteil, wonach Ausfuhrbeschränkungen bei Metallen illegal seien.
Recycling: 93 Prozent verwertbar
Die IV macht aber auch Vorschläge, wie Österreich innerhalb der Landesgrenzen gegen den drohenden Rohstoffmangel vorgehen könnte: An vorderster Stelle steht dabei der schonendere Umgang mit Ressourcen. In einem zweiten Schritt geht es aber darum, vorhandene Schätze im Land zu heben.
Einerseits aus dem Boden: Hier kritisieren die Unternehmen vor allem Beschränkungen im Abbau, meist verursacht durch zunehmende Besiedlung oder Naturschutzregelungen. EU-weit sind etwa 17 Prozent aller Flächen Natura-2000-Gebiete. Die Firmen wünschen vielmehr einen steuerlichen Anreiz für die Exploration.
Andererseits aus dem Abfall: Der Elektroschrott der Industrieländer sei hier eine riesige Fundgrube, sagt Saubermacher-Chef Hans Roth. Nur sieben Prozent des Mülls, den sein Unternehmen verarbeite, landeten auf der Deponie.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)


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