Postchef Georg Pölzl verhandelt mit den Spitzen der Belegschaftsvertretung über ein neues Gehaltsschema für die Briefträger. Die Stechuhr und die Ausstattung der Briefträger mit GPS-Geräten ist angedacht. Die öffentliche Meinung dürfte er dabei hinter sich haben - "Die Briefträger sollen auch endlich was hackeln", dürfte die erste reflexartige Reaktion sein.
Im folgenden gewichtige Gründe dafür, warum nicht immer alles so einfach ist, wie es aussieht.
- Wenig kundenorieniert - Zustellfrequenz sinkt
Da die Personalkosten pro Jahr durch Biennalsprünge und KV-Erhöhungen um vier bis fünf Prozent automatisch steigen, müsse auch die Produktivität im gleichen Ausmaß steigen, argumentiert Post-Chef Pölzl. Aber Achtung: Auszubaden hätte das der Kunde, wie "Trend" berichtet. Briefe mit Economy-Tarif sollen nur mehr jeden zweiten bis fünften Tag zugestellt werden. Bislang wurden alle Adressen täglich angefahren. Künftig will die Post aber nur noch die Zustellung von Briefen der teureren Kategorie "Premium" am jeweils nächsten Tag garantieren. Das käme einer Halbierung der Zustellfrequenz gleich. Die genaue Arbeitszeiterfassung der Briefträger hat also vor allem einen Grund: Das Betreuungsgebiet (Rayon) des einzelnen Briefträgers soll massiv ausgeweitet werden. Mittelfristig könne so ein Einsparungspotenzial von 1000 Arbeitsplätzen entstehen, geht aus Berechnungen der Gewerkschaft hervor. Aber auch kleine Betriebe und sogar Handelsriesen wie "Spar" sind wenig begeistert davon, dass Massenaussendungen künftig nur mehr zwei Mal pro Woche zugestellt werden, wie "orf.at" berichtet. "Wir mussten teilweise unsere Aktionszeiten dem anpassen und wir waren gezwungen, einige organisatorische Veränderungen durchzuführen, weil die Post etwas unflexibler geworden ist", sagte Spar-Sprecherin Nicole Berkmann.
- Sozialer Rettungsanker Briefträger
In der anonymen Großstadt ist der Briefträger für viele ältere Menschen die letzte Ansprechperson. Er trägt nicht nur die Post aus, sondern erfüllt eine wichtige soziale Rolle in der Gemeinschaft. Eine geringere Zustellfrequenz würde sich hier spürbar auswirken. Am Land kam es bereits zu ganz anderen Problemen: Statt - wie bisher üblich - einen Tag kann es nun bis zu drei Tage dauern, bis die Menschen über Begräbnisfeierlichkeiten informiert werden. Die Folge: Trauergäste erschienen nicht zum Begräbnis, weil sie nicht rechtzeitig per Post informiert wurden. "Man kann sich in Wien nicht vorstellen, wie wichtig das Thema in Gemeinden genommen wird", sagt Gemeindebundpräsident Helmut Mödlhammer. In manchen Landgemeinden werden Begräbnisse bereits später angesetzt, um die längeren Postwege zu berücksichtigen. Mittlerweile gehen sogar wieder sogenannte "Zusager" von Haus zu Haus, um Menschen persönlich zum Begräbnis einzuladen. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Japan: Dort übernimmt der Postbote sogar soziale Aufgaben. Er klingelt auch an der Wohnungstür älterer Menschen. Meldet sich niemand, ruft er Hilfe.
- Stechuhr macht Briefträger nicht produktiver
Bisher gibt es bei der Post ein Jahres-Arbeitszeitmodell. Damit werden die - zum Beispiel witterungsbedingt - verschieden langen Arbeitszeiten ausgeglichen. Sollte die Stechuhr eingeführt werden, hätte das für die Kunden nicht unbedingt Vorteile. Vermutlich kommt die Post sogar später, weil der Briefträger keinen Anreiz mehr hat, rasch seinen Rayon abzuarbeiten. Interessant ist auch, dass die Deutsche Post im Jahr 2002 eine genaue Arbeitszeiterfassung ablehnte. Dort hatte eine solche die Gewerkschaft verdi gefordert. "Sobald die täglich vorgeschriebene Arbeitszeit nur um zehn Minuten überschritten wird, muss das dann bezahlt werden", sagte damals ein Gewerkschafter. Die Post legte sich daher angesichts der drohenden steigenden Personalkosten quer, weil sie "erhebliche Mehrkosten" befürchtete.
- Kontrolle ja, Bespitzelung nein
Wenn schon die Stechuhr für Briefträger eingeführt werden sollte, dann ist das Registrieren des Kommens und Gehens ausreichend. Die Briefträger sollen aber mit Handhelds mit GPS-Funktion ausgestattet werden. Die Postgewerkschaft wehrt sich gegen diese "elektronischen Fußfesseln" und warnt vor einem "Bespitzeln" der Mitarbeiter. Für eine GPS-Lösung ist jedenfalls eine Betriebsvereinbarung notwendig - denn es handelt sich laut Arbeitsverfassungsgesetz um die Einführung einer Kontrollmaßnahme, die die Menschenwürde "berührt" (mehr dazu...).
>>PRO: Warum die Stechuhr bei Briefträgern Zukunft hat
(phu)
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