Die Presse: Sie waren früher ein engagierter Kämpfer der Umweltbewegung und gelten heute als heftiger Kritiker des Kyoto-Abkommens. Was ist denn so schlecht daran?
Bjorn Lomborg: Die Klimaschutz-Maßnahmen zur Erreichung des Kyoto-Ziels bremsen das Wachstum und kosten die Weltwirtschaft 150 Mrd. Dollar jährlich für den Rest dieses Jahrhunderts. Positive Wirkungen wird es kaum geben, weil Kyoto die Erderwärmung nur unwesentlich verzögert. Statt 2,1 Grad wird der Temperaturanstieg durch Kyoto bis zum Jahr 2100 "nur" 1,9 Grad betragen. Die Erwärmung wird um genau sechs Jahre verzögert.
Die Politiker scheinen das nicht zu glauben.
Lomborg: In der Demokratie sind für Politiker nur jene Themen wichtig, die die Mehrheit für wichtig hält. Es gibt jede Menge alarmierende Medienberichte über den Klimawandel, aber man hört kaum etwas über andere Probleme und gar nichts über die Kosten. Es gibt lohnendere Themen für unsere Besorgnis. Themen, wo zu viel günstigeren Konditionen echte Fortschritte erzielbar sind.
Welche Themen sind das?
Lomborg: Etwa der Kampf gegen Aids, gegen Malaria und für sauberes Trinkwasser. Das wichtigste Umweltproblem der Industriestaaten ist nicht CO2, sondern die Luftverschmutzung durch Feinstaub. Der Einbau von Partikelfiltern in Dieselautos bringt konkrete Gesundheitsvorteile für Menschen. Statt dessen wird gerne über die krebserregende Wirkung von Pestiziden debattiert. Pestizide bewirken in den USA pro Jahr 20 Tote, die Luftverschmutzung führt 110.000 vorgezogene Todesfälle herbei.
Ihr kritischer Ansatz könnte Ausrede sein, um bald nichts mehr gegen Umweltprobleme zu tun. Dann wären Sie ein bequemes Feigenblatt für mangelnden Veränderungswillen.
Lomborg: Diese Gefahr besteht immer. Doch das Ziel von seriöser Forschung muss sein, die Welt anhand von nachvollziehbaren Zahlen zu verstehen. Und wenn man belegt, dass es möglich ist, mit sehr viel geringeren Kosten sehr viel mehr Gutes zu tun, ist das nicht unbedingt ein Aufruf zur Untätigkeit.
Jenes Geld, das Sie durch die Abkehr von Kyoto sparen, steht nicht automatisch für die Malariabekämpfung bereit.
Lomborg: Das stimmt. Ich sage nur, dass wir unser Geld zu sehr auf den Klimawandel konzentrieren, anstatt es woanders effizienter auszugeben.
Wie lange wird Erdöl noch der Motor der Weltwirtschaft sein?
Lomborg: Noch sehr lange. Das Erdöl geht schon seit meiner Kindheit dauernd aus. Das Erstaunliche ist nur, dass man immer noch mehr Reserven findet. 1920 gab es eine Vorhersage, wonach das Öl nur mehr für eine Dekade reicht. Bezieht man Schieferöl-Vorräte ein, dann stehen fossile Brennstoffe noch für 5000 Jahre zur Verfügung. Natürlich werden wir trotzdem irgendwann aufhören, sie zu verwenden. Die Steinzeit ging ja auch nicht zu Ende, weil es keine Steine mehr gab, sondern weil man bessere Technologien zur Verfügung hatte.
Wo wäre denn anzusetzen?
Lomborg: Der beste Weg zum Klimaschutz ist nicht Kyoto, sondern das Investieren in die Erforschung von Energie-Technologien, die kein CO2 emittieren. Das können erneuerbare Energieträger sein - die sind meine Favoriten -, aber auch Atomkraft oder Kernfusion. Wird die Solartechnik um 30 Prozent effizienter nutzbar, dann wird diese Energie ab 2020 schon so billig, dass sie auf breiter Basis fossile Energieträger ersetzt. Das hat einen Klima-Effekt, wie er durch Kyoto erst in 300 Jahren bewirkt werden könnte.
Österreich verzichtet auf die Nutzung der Atomkraft. Ein Fehler?
Lomborg: Eine schwierige Frage. Das Grundproblem ist, dass Atomkraft auf jeden Fall teurer als die fossile Energienutzung ist und daher keinen Ausweg aus der Energiekrise bietet. Die meisten Energieformen werden billiger. Auch fossile, und Erneuerbare werden sogar sehr viel billiger. Nuklearenergie hat diese Entwicklung nicht, also ist es kein gutes Investment. Außerdem besteht ein Großteil des wachsenden Energiebedarfs in der Dritten Welt, in China und Indien. Ich bin mir nicht sicher, ob ich im Iran und ähnlichen Ländern neue AKW haben will.
Ihr Vorwurf, es würden durch falsche Prioritätensetzung jährlich 60.000 "statistische Morde" passieren, steht der Panikmache mancher Umweltschützer um nichts nach.
Lomborg: Ich stütze mich auf Fakten. Eine Harvard-Studie belegt, dass die USA jährlich 21 Mrd. Dollar für Maßnahmen zur Rettung von Menschenleben ausgeben. Mit diesem Geld werden 60.000 Menschen vor dem Tod bewahrt, obwohl man mit derselben Summe 120.000 Menschen retten könnte - etwa durch Gesundheitsvorsorge, Mammografie-Screenings und Ähnliches.
Wer ist dieses Mordes schuldig?
Lomborg: Wir alle sind schuldig. In dem Sinn, dass wir weniger Gutes tun, als wir tun könnten. Weil wir um Dinge besorgt sind, die im Fernsehen gut ausschauen, die starke Lobbies haben, die in den Medien groß abgebildet werden. In Dänemark gab es gigantische Anstrengungen im Kampf gegen BSE. Statistisch gesehen ist es aber weniger gefährlich, ein Leben lang Fleisch zu essen, als einen einzigen Meter Rad zu fahren.

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