Wien/Auer. Seinen Abschied hat sich Bernhard Felderer wohl anders vorgestellt. Zum letzten Mal saß der scheidende IHS-Chef am Donnerstag neben Wifo-Chef Karl Aiginger, um die Wachstumsaussichten des Landes zu präsentieren. Zwar waren sich beide Ökonomen weitgehend einig, viel Gutes hatten sie aber nicht zu berichten: So erwarten sie heuer mit 0,4 (Wifo) bis 0,8 Prozent (IHS) ein denkbar geringes Plus. Für 2013 revidierten beide Institute – allem Optimismus der Unternehmen zum Trotz – ihre bisherigen Prognosen sogar um 0,2 Prozentpunkte auf 1,4 (Wifo) bis 1,7 Prozent (IHS) nach unten.
Die Gründe dafür: einerseits das Konsolidierungspaket, das sich kurzfristig dämpfend auf die Wirtschaft auswirken werde. Andererseits die Schwellenländer China, Indien oder Brasilien, die als Motoren der Weltwirtschaft ausließen. Lediglich die USA – und in Europa am ehesten Deutschland – brächten positive Impulse. So dürfte die amerikanische Wirtschaft heuer schon wieder deutlich über zwei Prozent wachsen. Die Eurozone schrumpft hingegen um 0,2 Prozent.
OECD: USA hängen Europa ab
In eine ähnliche Richtung geht auch der interimistische Wirtschaftsbericht der OECD, der ebenfalls am Donnerstag präsentiert wurde. Das Wirtschaftswachstum der größten Industrienationen (G7) würde sich zwar langsam stabilisieren. Während die USA davon voll profitieren, bekomme Europa aber am wenigsten vom Aufschwung zu spüren.
„Der Euroraum hat es nur geschafft, ein klein wenig von den gefährlichen Klippen wegzukommen“, sagte OECD-Chefvolkswirt Pier Carlo Padoan. Innerhalb des Euroraums könnte die Entwicklung kaum unterschiedlicher sein. Während Griechenlands Wirtschaft in den vergangenen vier Jahren kumuliert etwa um 17 Prozent schrumpfte, wuchs die polnische um 13 Prozent, rechnete Aiginger vor. Das IHS rechnet mit einer Rezession in Griechenland, Portugal, Spanien, Ungarn, Slowenien und Kroatien. Wachstum gebe es vor allem in Deutschland und Polen.
Die Entwicklungen in den Nachbarländern gehen auch an Österreich nicht spurlos vorbei. So wird das Land 2013 zwar zum zwölften Mal in Folge deutlich schneller wachsen als die Eurozone (siehe Grafik). Doch die starke Verflechtung mit angeschlagenen Ländern wie Italien und Ungarn würde bereits heuer tiefe Spuren in der Exportbilanz hinterlassen. Anders als 2011 halten sich auch die Unternehmen bei ihren Investitionen zurück. Sie liegen derzeit auf dem Stand von 2000 und seien das größte Potenzial für mehr Wachstum sagte Aiginger. Der Inlandskonsum bleibt mit 0,7 bis 0,8 Prozent Plus stabil.
Daran dürfte sich wenig ändern, schließlich werde den Österreichern 2013 real weniger Lohn bleiben. Angst vor zu hoher Inflation haben beide Ökonomen jedoch nicht. 2013 werde die Marke bei zwei Prozent liegen. „Alle Befürchtungen, dass die höhere Geldmenge zu Inflation führen wird, haben sich nicht bestätigt“, sagte Felderer.
Die OECD wiederholte am Donnerstag ihre Forderung an die EZB, die lockere Geldpolitik nicht zu beenden und die Zinsen weiter zu senken. Es reiche nicht, Staatshaushalte zu sanieren, Europa brauche Wachstum. Länder mit besseren Finanzen sollten nicht allzu drastisch sparen.
Felderer: „Werde den Mund nicht halten“
Österreich könne nicht gemeint sein, waren sich Aiginger und Felderer einig. In völliger Harmonie wollten die beiden Ökonomen ihre letzte Doppelconference letztlich aber nicht beenden: Griechenland brauche mehr Geld für Wachstum und Österreich einen guten Ersatz, sollte die Finanztransaktionssteuer scheitern, forderte Aiginger seinen Kollegen heraus. Der ließ sich nicht lange bitten: Die Finanztransaktionssteuer sei „von Anfang an ein großer Fehler“ gewesen, sagte Felderer. Und Griechenland brauche nicht Geld, sondern Strukturreformen. „Was bringt es, Milliarden dorthin zu schicken, wenn das Land auf der anderen Seite die Körperschaftsteuer verdoppelt? Wer soll da investieren?“
Wer den Schlagabtausch der beiden Ökonomen künftig vermissen wird, den konnte Felderer beruhigen: „Glauben Sie nicht, dass ich jetzt den Mund halte.“

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