Wien/Höll. In Deutschland sind die Zinsen für Staatsanleihen auf den niedrigsten Wert seit hundert Jahren gesunken. Bei fünfjährigen Anleihen geben sich Anleger mittlerweile mit einer Zinssatz von 0,686 Prozent zufrieden, bei zehnjährigen Papieren sind es 1,795 Prozent. Aus Furcht vor einem Wiederaufflammen der europäischen Schuldenkrise flüchten Investoren in Wertpapiere, die als besonders sicher gelten und bei denen keine Ausfälle zu erwarten sind. Gefährdet sind vor allem Portugal und Spanien.
Es ist nicht auszuschließen, dass es in beiden Ländern zu einem Schuldenschnitt wie in Griechenland kommen wird. Die Zinsen für zehnjährige portugiesische Anleihen sind auf 11,8 Prozent geklettert – einen so hohen Wert kann sich die Regierung in Lissabon kaum noch leisten.
Österreich als sicherer Hafen
Neben Deutschland gehört auch Österreich zu den Gewinnern der Krise. Die Bundesfinanzierungsagentur, die für das Schuldenmanagement des Staates zuständig ist, hat gerade eine fünfjährige Anleihe verkauft. Der Zinssatz lag bei 1,73 Prozent. Auch bei zehnjährigen Papieren liegen die Renditen mit 2,7 Prozent auf einem Rekordtief (siehe Grafik).
Laut Raiffeisen-Analyst Valentin Hofstätter zahlte Österreich noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg bei der Geldaufnahme so wenig Zinsen: „Für die Zeit vor dem Krieg habe ich zu wenig Informationen.“ Die Bundesfinanzierungsagentur und die Nationalbank konnten am Mittwoch bei Staatsanleihen nur Vergleichsdaten bis zum Jahr 1985 vorlegen. Für frühere Erhebungen müsse man im Archiv nachsehen, heißt es. Doch auch Nationalbank-Chef Ewald Nowotny betont, dass sich der Bund noch nie so billig refinanziert habe.
Das überrascht ein wenig. Denn Österreich verlor Mitte Jänner von der Ratingagentur Standard & Poor's die höchste Bonitätsstufe, das Triple-A-Rating. Begründet wurde dies mit den hohen Staatsschulden und den Risken der österreichischen Banken in Osteuropa.
300 Mio. Euro weniger Zinsen
Doch im Vergleich zu Portugal und Spanien gilt Österreich immer noch als sicherer Hafen. Allein im Vorjahr ersparte sich die Bundesfinanzierungsagentur wegen der starken Nachfrage nach österreichischen Anleihen 300 Mio. Euro.
Ursprünglich hat man 2011 mit Zinszahlungen von 7,5 Mrd. Euro gerechnet, geworden sind es dann 7,2 Mrd. Euro. Bank Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer geht davon aus, dass der Zinsvorteil auch heuer bei einem dreistelligen Millionenbetrag liegen wird.
Negative Realzinsen für Anleger
Sollte sich aber in Südeuropa die Lage zuspitzen und in Portugal oder in Spanien ein Schuldenschnitt bevorstehen, werden die Belastungen für die Steuerzahler in Österreich und Deutschland um ein Vielfaches höher sein als die jetzige Zinsersparnis. Allein zur Rettung Griechenlands musste Österreich mit Milliardenbeträgen einspringen.
Die niedrigen Renditen für deutsche und österreichische Anleihen bedeuten für Anleger, die auf Nummer sicher gehen wollen, nichts Gutes.
Denn sie müssen negative Realzinsen in Kauf neben. Berücksichtigt man die Inflationsrate und die Kapitalertragsteuer werden Anleihen von guten Eurostaaten zum Verlustgeschäft.
Ähnliches gilt für Anleihen von Unternehmen, die über ein gutes Rating verfügen. Die Renditen von fünfjährigen Bonds des Chemiekonzerns BASF sind beispielsweise auf 1,7 Prozent gefallen.
Sparer zahlen die Zeche
Damit geraten vor allem Lebensversicherungen und Pensionskassen unter Druck. Denn diese investieren vorwiegend in deutsche und österreichische Anleihen. Für sie wird es schwieriger, vernünftige Erträge zu erzielen.
Auch bei Sparbüchern erzielt man abzüglich der Inflationsrate einen Verlust. Selbst bei den Topangeboten von Direktbanken und bei langen Bindefristen bleibt unterm Strich kaum noch etwas übrig. Stefan Bruckbauer geht davon aus, dass dieser Zustand noch länger anhalten wird. Er hält es für möglich, dass die durchschnittliche Realverzinsung von Anleihen guter Eurostaaten auch in den nächsten zehn Jahren negativ sein wird.
„Wer höhere Erträge haben will, muss ein größeres Risiko eingehen – und etwa Aktien kaufen“, sagt Bruckbauer.
Für die Staaten sind negative Realzinsen aber ein bequemes Mittel, um ihre Schulden loszuwerden. Auf diese Weise haben sich Deutschland und die USA nach dem Zweiten Weltkrieg saniert. 1945 sind in den USA die Staatsschulden auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts explodiert. Über negative Realzinsen ist dieser Wert zehn Jahre später auf die Hälfte gesunken.
Viele Experten gehen davon aus, dass dies auch jetzt der wahrscheinlichste Weg aus der Schuldenkrise sein wird.
Die Zeche zahlen Sparer, Inhaber von Lebensversicherungen und Pensionskassen durch Minizinsen und wesentlich höhere Inflationsraten.
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