Psychostress kostet 3,3 Milliarden im Jahr

Eine Studie im Auftrag der AK sieht psychische Krankheiten als Folge von arbeitsbedingtem Stress auf dem Vormarsch. Die AK fordert den verpflichtenden Einsatz von Arbeitspsychologen. Die Wirtschaft ist dagegen.

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Psychostress kostet 3,3 Milliarden im Jahr – Reuters

Wien/hie. Kundenkontakt kann nervig sein – und im Extremfall auch zu ernsthaften psychischen Problemen führen. Zwei Drittel der Beschäftigten in Österreich arbeiten heute im Dienstleistungssektor – und dort gebe es eben andere Probleme als in der Produktion, wo vor 20 Jahren noch die Hälfte der Beschäftigten tätig waren, sagte Arbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel anlässlich einer Studienpräsentation zum Thema. Bereits unfreundliche Kunden, mit denen man am Arbeitsplatz regelmäßig Kontakt habe, könnten eine Ursache für psychischen Stress sein. Arbeitsplatzbedingte psychische Beschwerden und Krankheiten befänden sich daher auf dem Vormarsch. Besonders betroffen seien Jobs im Gesundheits-, Sozial- und Unterrichtswesen, so eine Studie, die das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung und die Donau-Universität Krems im Auftrag der AK erstellt haben.

Während die Zahl der Krankenstände wegen Arbeitsunfällen seit 1995 um 30 Prozent zurückgegangen sei, seien zunehmend psychische Probleme der Grund für Krankenstände: Seit 1991, so die AK, hätten sich die Krankenstandstage als Folge von Schlafstörungen, Angstzuständen, Depressionen, Niedergeschlagenheit, Erschöpfung und ähnlichen Symptomen verdreifacht. Neun Millionen arbeitsbedingte Krankenstandstage fallen in Summe pro Jahr an. Personen, die keinen psychischen Belastungen ausgesetzt sind, verzeichnen laut Studie im Schnitt jedoch nur 0,8 Tage im Jahr. Bei jenen mit psychischen Belastungen waren es indes 3,3 Tage pro Jahr. Laut dem Österreichischen Fehlzeitenreport haben außerdem bereits 32 Prozent der Neuzugänge in die krankheitsbedingte Frühpension psychische Erkrankungen.

Studie: „Teamarbeit bedeutet Stress“

Ein Grund dafür seien mangelnde Anerkennung und fehlende soziale Unterstützung im Beruf, so die Autoren. Beschäftigte, die nur einen niedrigen Handlungs- und Entscheidungsfreiraum im Job hätten, empfänden tendenziell mehr Stress. Auch mangelnde Aufstiegschancen seien ein Grund für psychische Beschwerden.

Die Kostudienautorin Gudrun Biffl nennt aber noch einen anderen Grund – den Wegfall von Hierarchien: „Menschen müssen heute mehr in Teams zusammenarbeiten. Und Teamarbeit bedeutet Stress.“ Man werde zunehmend als Team bewertet und nicht mehr als Individuum. „Da können sich leicht Eifersüchteleien ergeben. Jeder will sich in den Vordergrund schieben, aber das geht dann nicht mehr so einfach“, so Biffl. Psychische Erkrankungen kosten den Staat und die Wirtschaft etwa 3,3 Milliarden Euro im Jahr, so die Studie: Sie ergeben sich aus den medizinischen Betreuungskosten und den Kosten, die den Unternehmen durch die Ausfälle der Mitarbeiter entstehen.

Die AK fordert, dass die Betreuung durch Arbeitspsychologen in Firmen mit bis zu 50 Beschäftigten ausgeweitet wird. Unternehmen sollten auch verpflichtet werden, Arbeits- und Organisationspsychologen zur Vorbeugung einzusetzen. Derzeit sind im Arbeitnehmerschutzgesetz nur Arbeitsmediziner verankert. Jeder Betrieb muss pro Arbeitnehmer 1,2 bis 1,5 Stunden nachweisen. Laut AK würden 500 Arbeitspsychologen gebraucht, die die Unternehmen 46 Mio. Euro kosten würden.

Wirtschaft verteidigt sich

Die heimischen Wirtschaftsvertreter halten davon nichts. „Nicht jeder Betrieb braucht zwingend psychologische Betreuung, weshalb wir gegen den verpflichtenden Einsatz von Arbeitspsychologen sind. Das Know-how des Arbeitsmediziners reicht völlig aus“, so Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit in der Wirtschaftskammer. Dass es mehr Krankenstände wegen psychischer Erkrankungen gebe, habe vielfältige Ursachen und könne nicht nur auf das Arbeitsumfeld zurückgeführt werden: Sie reichten vom Arbeitsplatz über das familiäre zum gesellschaftlichen Umfeld. Auch das Freizeitverhalten würde schnelllebiger, echte Ruhezeiten würden kürzer.

Paul Jiménez vom Berufsverband Österreichischer Psychologen (BÖP) gibt der Wirtschaftskammer in diesem Punkt recht: „Man kann das nicht der Wirtschaft allein vorwerfen. Wir sind als Gesellschaft schneller geworden und verursachen so diese Probleme mit.“ Der BÖP unterstützt die Forderung der AK nach der verpflichtenden Verankerung von Arbeitspsychologen im Arbeitnehmerschutzgesetz trotzdem: „Irgendwo muss man anfangen“, so Jiménez.

Auf einen Blick

Arbeitsbedingter Stress erzeugt zunehmend psychische Probleme, so die Arbeiterkammer. Laut einer Studie, die die AK beim Wifo und der Donau-Uni Krems in Auftrag gegeben hat, kostet das den Staat und die Unternehmen 3,3 Mrd. Euro im Jahr. Besonders betroffen seien Menschen mit Jobs im Gesundheits-, Sozial- und Unterrichtswesen. Seit 1991 hätten sich die Krankenstandstage infolge psychischer Beschwerden verdreifacht.

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