Oslo: Ankläger zerpflücken Fantasien des Massenmörders

18.04.2012 | 18:08 |  Von unserem Korrespondenten HANNES GAMILLSCHEG (OSLO) (Die Presse)

Im Mordprozess gegen Anders Breivik spielt der Angeklagte eine zunehmend erbärmliche Rolle. Der norwegische Attentäter kann den Werdegang zum Terroristen nicht belegen, verfängt sich in Lügen und Widersprüchen.

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Im Mordprozess gegen den norwegischen Rechtsradikalen Anders Breivik spielt der Angeklagte eine zunehmend erbärmliche Rolle. „Dazu will ich mich nicht äußern“ und „das will ich nicht kommentieren“ waren am Mittwoch, Tag drei des Prozesses, seine häufigsten Phrasen, als Staatsanwältin Inga Beijer Engh ihn in stets freundlichem, aber insistierendem Ton über seinen Werdegang zum Terroristen befragte.

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Wenn er doch antwortete, verstrickte er sich in Widersprüche zu dem 1800-seitigen „Kompendium“, das er geschrieben hat, und zu seinen Aussagen vor der Polizei. In seinem Pamphlet habe er sich „pompös“ geäußert, relativierte er nun, und vor der Polizei „zu viel gesagt“. Als Inspiration konnte er nur „eine Person im Ausland“ nennen, die er „zufällig“ im Internet gefunden habe.

 

Diamantenschmuggler in Liberia

Engh konzentrierte sich auf Breiviks Reisen nach Liberia und London 2002, wo er in Kontakt mit einem angeblich wegen Kriegsverbrechen gesuchten „serbischen Freiheitshelden“ und dem Orden der „Tempelritter“ gekommen sein will. Von den „Knights Templar“ will er den Auftrag für sein Kompendium erhalten haben; dort hatte er neun der „brillantesten politischen und militärischen Taktiker in Europa“, unter ihnen einen „deutschen christlichen Atheisten“, als Gründungsmitglieder der Tempelritter genannt. Nun räumte er ein, dass er in London nur drei Gleichgesinnte getroffen habe.

In Liberia sei er teils als Unicef-Vertreter, teils als Diamantenhändler aufgetreten, um jenen Serben zu treffen, mit dem er „zufällig“ über Internet in Kontakt gekommen sei. Die Ankläger zeigten klar, dass sie alles für Schwindel halten: In Liberia habe er bloß mit Diamantenschmuggel Geld verdienen wollen, sei aber gescheitert. Ob es das Treffen in London gegeben habe, ließen sie dahingestellt. Doch den „Auftrag“, den er dort erhalten haben will, gebe es nur in seiner Fantasie.

Ziel seines „Werks“ sei es gewesen, eine Brücke zwischen „Nationalsozialisten, Nationalkonservativen und gläubigen Christen“ zu bauen, unter denen die „militanten Nationalisten“ der äußersten Rechten zu finden seien, behauptete Breivik. Er hatte die Tempelritter als „Netzwerk“ beschrieben. „Knights Templar“ sei für militante Nationalisten ein „Äquivalent von al-Qaida“, die Rechte in Europa habe viel von dieser zu lernen, al-Qaida sei ein „Role Model“. Auch sein Anschlag auf Utøya sei als Selbstmordaktion geplant gewesen.

Nun aber gab er an, er habe seit 2002 mit den Tempelrittern nur „minimalen Kontakt“ gehabt. Und Reisen ins Baltikum, die vorgeblich Treffen mit Rechtsradikalen dienten, waren nach Ansicht der Ankläger eher zur Eröffnung von Bankkonten für die Geldwäsche durch Breiviks zwielichtige Firmen zum Handel mit gefälschten akademischen Diplomen.

 

Kein Indiz für „Nasenbruch durch Moslem“

Auch auf Fragen nach Gründen für seine Radikalisierung gab Breivik nur vage Auskunft. Er erwähnte „persönliche Erlebnissen“ und das, was er „vom Hörensagen“ wusste. Er behauptete, von einem Moslem überfallen worden zu sein, der ihm die Nase brach. Als er eine kosmetische Nasenoperation durchführen ließ, fand der Arzt aber keine Spuren einer Fraktur. Nach seinen „historischen Studien“ befragt, die ihm die Augen geöffnet hätten, fiel ihm als Literaturhinweis nur „Wikipedia“ ein. In seinem Pamphlet hatte er den Kosovo-Krieg 1999 als Hauptgrund für die Gründung der Tempelritter genannt. Nun räumt er ein, dass ihn dieser Krieg wenig interessiert habe. Es habe ihn aber empört, dass die Nato die Serben angriff, „nur weil diese Moslems deportieren wollten“.

Was er getan habe, habe prinzipiell jeder tun können, „man braucht nur das Rückgrat dazu“. Frauen hingegen seien für den militanten Kampf weniger brauchbar, nur „jede Zehnte“ sei dafür geeignet.

Hintergrund

Anders Breivik behauptete immer, er habe für die „Tempelritter“ gearbeitet, ein Netzwerk aus nationalkonservativen Militanten, das von Überfremdung und Islamisierung genug habe. Nun kann er nicht mehr erklären, wie dessen Struktur aussieht, hat auch sonst keine Beweise dafür. Die Tempelritter sind reine Fantasie, sagen die Ankläger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2012)

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144 Kommentare
 
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hat nicht che Guevarra ähnliche Ideen gehabt, als

er gemordet hat.
Allerdings war er auf der anderen Seite des Spektrums und deshalb gibt es einen Platz nach ihm benannt.

Beides üble Figuren, dass da keine falschen Ideen aufkommen: aber das Leben ist relativ und nur das Sterben ist absolut.

Re: hat nicht che Guevarra ähnliche Ideen gehabt, als

Das ist in meinen Augen eine absolut dumme und respektlose Aussage. Breivik hat im Rahmen des Rechts keine Gnade verdient.

Gast: F87
20.04.2012 15:43
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Utøya

Die Insel heisst auf Norwegisch "Utøya" und nicht Utöya! ...und das im Zeitalter der Globalisierung und des WWW. Norwegisch verwendet kein ö! oder ä oder ü sondern æ, ø oder å!

Re: Utøya

Genau darum geht es hier... wie man den Namen der Insel schreibt.

Armes Würstchen...

Wundert mich eigentlich dass er nicht zum Islam konvertiert ist, die hätten so einen Irren bei den Salafisten mit offenen Armen empfangen!

zurechnungsfähig?

ein interessanter aspekt, warum nach dem ersten gutachten, das breivik als psycho klassifizierte, die staatsanwalt ein neues gutachten in auftrag gab:

die ersten gutachter hatten diverse breivik-ausdrücke (zb sein geschwafel von den temple-knights u.a.m.) als die phantasiewelt eines gestörten menschen interpretiert. ihnen war nicht bewusst, dass es sich dabei um ausdrücke (schlüsselwörter, doppelbezeichnungen) aus der rechtsextremen szene handelt. x-fach nachzulesen in den foren und blogs, wo breivik sich herumgetrieben hat.

nein, breivik ist kein psycho. oder zumindest kein ärgerer als osama & co.
breivik ist ein stinknormaler politischer attentäter.

Antworten Gast: Horsty
20.04.2012 12:12
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Re: zurechnungsfähig?

Wäre es nicht auch denkbar, dass er ein, wie Sie sagen, "stinknormaler rechtsextremer", sehrwohl zugleich auch psychisch gestört ist? Ich würde die Grenze zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit nicht so scharf ziehen, und diese Grenze nicht an z.B. politischer Radikalität festmachen.

Anders gesagt: Dass es in der Welt unzählige vergleichbar radikal gesinnte und gewaltbereite Menschen wie Breivik gibt, heißt nicht gleich, dass diesem Phänomen keine psychische Störung zugrunde liege.

Man darf nicht vergessen, dass psychische Störungen im Allgemeinen keine seltenen sondern allgegenwärtige Phänomene sind - man beachte die Prävalenzangaben zu diversen psychischen Störungen, inklusive Schizophrenie (1%). An irgendeiner Form von Störung leidet fast jeder Mensch, und auch die schwerwiegenden Störungen (schizophrene Störungen, Persönlichkeitsstörungen) sind allgegenwärtig, zum Teil von der Häufigkeit her vergleichbar mit "Volkskrankheiten" wie Diabetes und Co.

Also halte ich es für falsch, zu argumentieren, Breivik sei vermutlich nicht psychisch krank, nur weil es von seiner Sorte unzählige andere gibt. Schwere psychische Störungen (z.B. Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen) sind keine ausgefallenen Raritäten, sondern ein allgegenwärtiges Phänomen.

Re: Re: zurechnungsfähig?

Ist das so wichtig? Gewiß hat jeder von uns seine kleineren oder größeren Neuröschen, aber die Frage m.E. weniger, inwieweit Breivik eine solche Krankheit hatte und möglicherweise unter ihr gelitten hat, sondern ob er imstande war, die Folgen und die Gesetzeswidrigkeit seines Handlens klar zu erkennen. In seinem Prozeß scheint er trotz seines verqueren Weltbildes zu schlüssigem Denken und logischen Aussagen imstande sein, also hatte der Richter offenbar sehr recht, wenn er dem ersten Gutachten mißtraute. Interessant wäre es aber zu wissen, wie oft solche Fälle von Gutachtern entschieden werden, die mit der Materie nicht vertraut sind, z.B. rechtsextreme Schlüsselwörter nicht erkennen.

Antworten Antworten Antworten Gast: Horsty
20.04.2012 12:59
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Re: Re: Re: zurechnungsfähig?

Da muss ich widersprechen.

1. Dass Breivik, wie Sie schreiben, schlüssig denken und logisch aussagen kann, und die Folgen seiner Tat einschätzen kann, bedeutet nicht unbedingt, dass er zurechnungsfähig ist. Die im Raum stehende psychiatrische Diagnose einer wahnhaften Störung würde bedeuten, dass Breivik zwar schlüssig denken kann, dass allerdings seine Wahrnehmungen und Entscheidungen nur im Kontext seiner persönlichen, wahnhaften Realität schlüssig sind. Menschen, die unter wahnhaften Störungen leiden, denken nicht wirr und unlogisch - sie sind lediglich von einer für Gesunde offensichtlich nicht realen Sache überzeugt. Dass eine solche Störung, sollte sie vorliegen, Breiviks Zurechnungsfähigkeit beeinträchtigt, dürfte klar sein. Soviel zum Thema "mit der Materie vertraut sein".

2. Dass Breiviks Gedankenwelt sich rechtsextremer Ideen, und wie Sie schreiben, rechtsextremer Schlüsselwörter bedient, schließt nicht aus, dass er dies eventuell im Rahmen einer wahnhaften Gedankenwelt tut. Dass jemand an einem Wahn leidet, bedeutet ja nicht, dass er sich nicht bestehender (z.B. rechtsradikaler) Ideen bedienen könnte bei der wahnhaften Konstruktion seiner Ideen.

Was ich sagen will, ist, dass Wahn und Rechtsradikalismus einander in diesem Fall nicht ausschließen!

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Re: Re: Re: Re: zurechnungsfähig?

Nach Ihrer Definition verschwimmt aber irgendwie der Unterschied zwischen "wahnhaft" und "normal". Vor allem sind Wahrnehmungen und Entscheidungen meistens nur im Kontext der persönlichen Sichtweise schlüssig.
Breivik war dazu bereit, Menschen zur Durchsetzung seiner wirren Ideen zu töten. Das ist aber in Wirklichkeit höchst rational - aber eben mörderisch. Es ist nichts weiter als die konsequente Anwendung des Utilitarismus.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Horsty
20.04.2012 15:47
2 0

Re: Re: Re: Re: Re: zurechnungsfähig?

Ja, man könnte seine Vorgehensweise als höchst rational bezeichnen. Doch, wie bereits gesagt, steht das nicht im Widerspruch zum Vorliegen einer wahnhaften Störung. Wer an einem Wahn leidet, denkt nicht irrational, sondern rational, aber in Bezug auf eine innere Realität, die aus psychopathologischen Gründen krankhaft verfälscht ist. Die Grenze zum Gesunden ist dabei tatsächlich nicht einfach zu ziehen (z.B. jeder, der verliebt ist, ist theorethisch "wahnhaft" von der Vorzüglichkeit seines/seiner Angebeteten überzeugt). Ein typischer Wahn im psychopathologischen Sinne, wie er z.B. typischerweise bei paranoider Schizophrenie vorliegt, erfüllt jedoch klar definierte Kriterien: subjektive Gewissheit, Unkorrigierbarkeit durch zwingende Schlüsse, Unmöglichkeit des Inhaltes.

Sollte sich herausstellen, dass Breivik sich z.B. aufgrund einer paranoiden Schizophrenie in einer real nicht existierenden Rolle und Situation sieht, so wäre sein Handeln zwar nicht minder konsequent und menschenverachtend, aber dennoch das Produkt einer psychosozial und genetisch bedingten Erkrankung.

Ich weiß, dass die Grenze zwischen Fanatismus und Wahn nicht einfach zu ziehen ist, aber die Unterscheidung ist dennoch enorm wichtig. Immerhin geht es um die Frage nach der Ursache von Leid. Es kann nicht reichen, auf jedes Verbrechen zu reagieren mit "eh klar, das ist einfach einer von diesen bösen Unmenschen". Ich glaube im 21. Jahrhundert kann man sowas differenzierter analysieren.

Gast: Bobby
20.04.2012 01:26
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Presse als Unterhaltungsmedium

Dieser Artikel liest sich wie ein Auszug aus einem Kriminalroman, voller oberflächlicher Dramatisierungen. Das Thema Breivik ist doch ernsthaft betrachtet schon dramatisch genug, und ich finde es geschmacklos, daraus eine unterhaltsame "Gerichtssaal-Story" á la Hollywood zu machen - über den packenden Kampf zwischen einer heldenhaften Richterin und einem Bösewicht.

Wer sich von solchen Stories fesseln und unterhalten lässt, der sollte lieber die Sendung Richterin Salesch schauen.

Antworten Gast: Bobby
20.04.2012 12:15
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Re: Presse als Unterhaltungsmedium

Anmerkung:
Ich habe den Kommentar zum Artikel mit dem Titel

"Breivik-Prozess: Ich wollte nicht 69, sondern alle töten"

verfasst. Leider erscheint mein Kommentar auch unter anderen Artikeln zum Thema Breivik. Bitte darum, meinen Kommentar nur im Zusammenhang mit dem oben genannten Artikel zu verstehen!

Re:

Dies wird durch die kleine Anmerkung "Zum Artikel: ..." direkt über Ihrem ersten Kommentar für jeden ersichtlich.

Gast: Breitling
20.04.2012 00:05
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Theorie

Ich würde mit dem Lächerlichmachen sehr vorsichtig sein. Ich denke, dass die Staatsanwaltschaft sich auf sehr dünnes Eis begiebt. Ihn als Dummkopf hinstellen zu wollen halte ich als ausgesprochen gefährlich. Sollte er am Ende in der Rolle des Verlierers dastehen, würden ihm noch mehr Sympathien entgegen fliegen. Selbst wenn er rhetorisch niedergeprügelt werden sollte, würde das eine breite Masse spüren. Also, wenn das der Plan ist, dann seid lieber vorsichtig. Ich denke, dass diese Methode am Ende den eisamen Buben zu nutze kommt.
Kein Podium wäre besser gewesen.

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Re: Theorie

Das Kalkül besteht wahrscheinlich darin, Breivik nicht als furchterregendes Monster darzustellen sondern als kompletten Versager, der zwar große Töne spuckt, in seinem Leben aber nichts auf die Reihe gebracht hat. Das ist wahrscheinlich auch die beste Strategie, um Nachahmungstäter zu verhindern. Denn die möchten eben nicht als die Loser wahrgenommen werden, die sie nun einmal sind.

Re: Theorie

aber wie sonst als 'dummkopf' soll man jemand bezeichnen, der an die bei breivik als motivation dienende ideologie der rechtsextremen glaubt?
irgendwas intelligentes kann ich daran jedenfalls nicht erkennen.

Gast: Flugsimulator
19.04.2012 23:53
0 2

Werden Ego-Shooter jetzt verboten?

und das Waffenverkauf muss verboten werden.

Gast: yoshi1
19.04.2012 21:42
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Liebe Presse.

"Gegenüber Staatsanwältin Inga Bejer Engh zieht Anders Breivik zusehends den Kürzeren."

Ernsthaft? Ich hoffe für euch, dass ihr das in der morgigen Ausgabe nicht so abdruckt. Erfahrene, hochdekorierte Staatsanwältin zerreißt einen wahnhaften, geständigen Massenmörder in der Luft. Wahrhaft beeindruckend. Hat Norwegen das wirklich nötig?

Gast: radius
19.04.2012 19:38
6 1

Ein brutaler Mörder zieht vor der Staatsanwältin den Kürzeren.

Was ist denn das für eine blödsinnige Formulierung. Das wollen wir hoffen, dass das Kürzere ziehen keine Kunst sein wird.

Gast: gast352
19.04.2012 18:30
1 12

am besten

World of Warcraft und Call of Duty weltweit verbieten!