"Wichtig ist, sich vom Öl zu verabschieden"

Die Zukunft der Energie seien synthetische Kraftstoffe aus Ökostrom, so die Energie-Expertin Kemfert im "Presse"-Interview, das im Rahmen der ASPO-Konferenz in Wien geführt wurde.

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(c) EPA (Wei Leung)

Die Presse: Sie haben 2008 gesagt, der Ölpreis werde binnen zwei Jahren auf 200 Dollar je Fass steigen. Deutsche Medien nannten Sie daraufhin die „200-Dollar-Kassandra“ und kritisierten, dass Sie zur allgemeinen Verunsicherung beigetragen hätten. Kurz danach lag der Ölpreis auf 40 Dollar. War es richtig, diese Zahl zu nennen?

Claudia Kemfert: Diese Zahl habe ich nie explizit genannt. Ein Journalist hat mich gefragt, ob ich ausschließen könne, dass der Preis jemals auf 200 Dollar steigt. Und ich habe die Antwort gegeben, dass man nichts ausschließen könne. Man kann den Ölpreis nicht prognostizieren, da die Einflussfaktoren zu zahlreich sind. Die ausschlaggebende Größe ist derzeit die Nachfrage aus Ländern wie China und Indien.

Wie entscheidend ist der Ölpreis überhaupt noch? 2008 gab es bei dem Wert von 100 Dollar einen großen Aufschrei. Inzwischen leben wir ganz gut mit einem Preis auf diesem Niveau.

Wissenschaftlich kann man nicht nachweisen, dass es einen bestimmten „Kipppunkt“ gibt, bei dessen Überschreiten die Weltwirtschaft in eine Rezession abgleitet. Die westlichen Industriestaaten werden ständig effizienter im Umgang mit Energie, weshalb sie einen höheren Ölpreis wirtschaftlich nicht mehr so stark spüren. Grundsätzlich ist ein steigender Ölpreis jedoch Gift für die Volkswirtschaft.

Angesichts steigender Nachfrage ist Peak Oil, also der Höchststand der Ölproduktion, ein umstrittenes Thema. Laut Club of Rome hätte dieser spätestens Mitte der 1990er sein sollen. Inzwischen nennen sie kein konkretes Datum mehr. Wird es überhaupt einen Peak Oil geben?

Es wird ihn geben, denn auf regionaler Ebene gibt es ihn schon heute. Doch auch wenn er erreicht ist, haben wir noch für Jahrzehnte Öl zur Verfügung. Derzeit steigt die Förderung sogar noch, dank des sogenannten unkonventionellen Öls, etwa aus Ölsanden oder der Tiefsee. Der Preis dafür ist jedoch auch eine höhere Umweltverschmutzung, da diese unkonventionellen Lagerstätten schwieriger auszubeuten sind. Die Frage ist, ob die Gesellschaft das wirklich will. Es ist daher irrelevant, wann der Peak Oil sein wird. Und es ist auch irrelevant, wie hoch der Ölpreis dann sein wird. Wichtig ist, sparsam mit Energie umzugehen und sich vom Öl zu verabschieden.

Öl wird vor allem für Treibstoff gebraucht. Die Hoffnung im Verkehr liegt auf der Elektromobilität. Für diese braucht man jedoch Strom. Und bei der Stromproduktion will etwa Deutschland jetzt aus der Atomkraft aussteigen. Dies schürt nun Ängste vor Blackouts. Wie hoch schätzen Sie diese Gefahr ein?

Diese Gefahr ist sehr gering. Denn die E- Mobilität wird nur einen sehr kleinen Beitrag liefern, der sich vor allem auf die Städte konzentriert. Daher wird auch die Stromnachfrage nur sehr gering zunehmen. Für Transporte über längere Distanzen oder den Schwer- und Flugverkehr brauchen wir andere Alternativen. Neue Kraftstoffe, die mit den bestehenden Motoren genutzt werden können. Das könnten Biokraftstoffe sein. Diese werden aber einen ähnlich kleinen Beitrag wie die E-Mobilität liefern. Interessanter ist da „Power to Gas“, was in Deutschland derzeit sehr stark erforscht wird. Mittels überschüssigen Stroms aus Solar- oder Windkraftwerken wird dabei aus CO2 und Wasser künstliches Erdgas erzeugt.

Ist das auch die Lösung für den volatil anfallenden Strom aus Solar- und Windkraftwerken? Zu Pfingsten produzierten die deutschen Solarkraftwerke ja so viel Strom wie 22 AKW. Kurz darauf war es wieder deutlich weniger.

Ich halte von dieser Technologie sehr viel. So ist es in Zeiten großer Stromüberschüsse ja auch preiswert, aus Strom Gas zu machen, weil es an den Strombörsen dann oft negative Strompreise gibt.

Preiswert ist so eine Sache. Weil ja etwa der Solarstrom zuvor hoch subventioniert wurde.

Heute ist es noch nicht wirtschaftlich. Aber die Fotovoltaik sinkt in ihren Kosten massiv und wird zwischen 2020 und 2030 wettbewerbsfähig werden – dann ist Solarstrom billiger als heutiger Strom aus Kohlekraftwerken. Und dann hat es auch ökonomisch Sinn, aus der Überschussproduktion synthetische Kraftstoffe herzustellen.

Die Erneuerbaren werden stark gefördert – auf nationaler Ebene. Daher stehen etwa in Bayern riesige Fotovoltaikkraftwerke, obwohl es in Süditalien viel mehr Sonne gibt. Hat das Sinn?

Ja es hat auch ökonomisch Sinn, weil dadurch eine große Solarindustrie in Deutschland aufgebaut wurde. Allein 2010 wurden dort 40.000 neue Jobs geschaffen. Gleichzeitig haben sich die Kosten in der Fotovoltaik in den vergangenen zwei Jahren halbiert.

Ist das Konzept, mittels Subventionen eine Industrie aufzubauen, nicht gescheitert? Die deutschen Solarfirmen haben heute große Probleme.

Das Wachstum war so groß, dass es zu einer Marktbereinigung kommen musste. In China gibt es natürlich Kostenvorteile. Wenn wir in Deutschland jedoch innovative Technologien anbieten, dann werden wir einen Großteil der geschaffenen Jobs auch erhalten.

Auf einen Blick

Claudia Kemfert leitet seit 2004 die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Zusätzlich hat sie eine Professur für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Norbert Röttgen, der CDU-Spitzenkandidat von Nordrhein-Westfalen, wollte sie nach einem Wahlsieg zur Energieministerin des Landes machen. Die CDU verlor jedoch die Wahl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2012)

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