Wien. Im Bioladen von Othmar Holzinger in Wien-Neubau ist die Erdbeersaison beinahe schon gelaufen: Seine Lieferanten aus dem burgenländischen Wiesen haben geliefert wie in den Jahren zuvor. Die süßen Früchte wurden im Laden auch zu Smoothies und Erdbeer-Schoko-Törtchen verarbeitet, die Preise waren auf Vorjahresniveau.
Nicht ganz so reibungslos erfolgten die Lieferungen an andere Händler: Etwa zwei Kilo Erdbeeren kann Biohändler Herbert Haupt seinen Kunden pro Woche anbieten. Seine Lieferanten aus dem Burgenland und der Steiermark büßten bis zu 80 Prozent ihrer Ernte ein. In der Steiermark haben den Obstbauern drei aufeinanderfolgende Frostwellen im Mai, zu Ostern und am vergangenen Sonntag stark zugesetzt. Die Hälfte der Ernte (von im Vorjahr zwei Mio. Kilogramm) könnte im schlimmsten Fall vernichtet sein. Auch Marillen, Zwetschken, Äpfel und Birnen dürften Ernteschäden davongetragen haben, sagt Wolfgang Mazelle, Obstbauexperte in der steirischen Landwirtschaftskammer. Der späte Frost in der Nacht zum 18. Mai bescherte auch den burgenländischen Bauern Ernteausfälle bei 29 bis 75 Prozent der Anbaufläche, heißt es aus der Landwirtschaftskammer Österreich. Die Schäden infolge des Frosts sind jedoch nirgends so stark wie in Teilen Niederösterreichs, sagt Ferdinand Lembacher von der niederösterreichischen Kammer.
Etikettenschwindel bei Standln
Und am ärgsten erwischte es die Erdbeerfelder. Von 470 Hektar Anbaufläche in Niederösterreich seien 400 Hektar „deutlich geschädigt“; das reiche vom Verlust der Hälfte der Ernte bis zum Totalausfall. Leichte Preiserhöhungen für den Großhandel seien möglich. Der Konsument dürfte davon aber wenig spüren, denn der Spielraum sei – durch die Konkurrenz internationaler Produzenten, etwa aus Italien oder Spanien – begrenzt: „Viele Kunden sind bereit, einen Aufpreis für heimische Erdbeeren zu bezahlen“, sagt Lembacher. „Sie zahlen aber nicht das Dreifache.“
Trotz der teils massiven Ernteeinbußen gibt es in Lebensmittelgeschäften und am Straßenrand Erdbeeren, Marillen und Kirschen in Hülle und Fülle. Wer seine Erdbeeren und Marillen bei Standln am Straßenrand kauft, erhält normalerweise Produkte aus der Region. Doch auch hier lohnt ein genauer Blick aufs Etikett, wie die Prüfergebnisse staatlicher Lebensmittelinspektoren nahelegen.
Unter den Erdbeeren und Kirschen etwa, die an Verkaufstischen im Burgenland angeboten wurden, befanden sich auch Früchte aus dem Ausland. Der „Schmäh“ dabei: Die Anbieter – nicht immer Bauern aus der Region, sondern mitunter auch gewerbliche Betriebe – werben nicht explizit mit „Erdbeeren aus Wiesen“ oder „Kirschen aus Donnerskirchen“ –, sondern lassen die Herkunftsbezeichnung unter den Tisch fallen.
So stehen neben „Kirschen aus Donnerskirchen“ möglicherweise Erdbeeren aus Spanien, heißt es aus der burgenländischen Landesregierung. Sehen sich die Lebensmittelinspektoren des Landes die Ware genauer an, müssten sie laut EU-Recht auf den Verpackungen Ursprungsland, Gewicht und Qualitätsklasse finden. In einigen wenigen Fällen wurde dagegen verstoßen, wie zuletzt eine stichprobenartige Kontrolle von 29 Obstständen zeigte: Zwei erhielten eine Anzeige wegen grober Verstöße gegen die Kennzeichnungspflicht, zwei eine kostenpflichtige Nachkontrolle.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)
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