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Raiffeisen schließt geheime Vergleiche mit Gemeinden

20.06.2012 | 18:35 |  GEORG RENNER (Die Presse)

Die Gemeinde Karlstetten muss „nur“ 717.000 Euro, die Hälfte ihrer Spekulationsverluste, tragen. Den Rest übernimmt die RLB. Auch Niederösterreich soll sich indirekt beteiligen.

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Karlstetten. „Strengstes Stillschweigen“ lassen sich Politiker nur sehr, sehr ungern auferlegen. Genau dazu verpflichtet die 19 Gemeinderäte der niederösterreichischen Ortschaft Karlstetten aber ein Vergleich mit der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien (RLB), die bei einer Gemeinderatssitzung am Dienstagabend von der absoluten ÖVP-Mehrheit abgesegnet worden ist.

Die Vereinbarung, die der „Presse“ vorliegt, zwingt die Gemeinde im St. Pöltner Umland, der RLB bis 2017 in mehreren Tranchen 716.946 Euro zu überweisen – kein Zuckerschlecken für die 2078-Einwohner-Ortschaft, die im ordentlichen Haushalt 2010 gerade einmal 2,3 Millionen Euro Einnahmen aufweist. Dafür darf Karlstetten aus einem Vertrag aussteigen, der die Gemeinde noch viel teurer zu stehen kommen könnte.

Was war passiert? Karlstetten hat, wie viele andere Gemeinden auch, mit öffentlichen Geldern spekuliert – und verloren. 2005 hat die RLB der Gemeinde einen „EUR-CHF Resettable Swap“ vorgeschlagen – grob gesagt tauscht die Gemeinde damit Zinszahlungen für einen ihrer offenen Kredite gegen Zahlungen, die auf dem Euro-Franken-Wechselkurs basieren. Ein klassisches Spekulationsgeschäft – profitabel, solange der Euro besser steht als der Schweizer Franken.

 

RLB trägt Hälfte des Verlusts

„Ganz verstanden habe ich das Geschäft damals nicht“, gesteht ein Karlstettner Funktionär, der 2005 über den Abschluss zu befinden hatte – aber im Glauben, dass die Gemeinde jederzeit aussteigen könnte, stimmte er dann doch zu. Die wirtschaftliche Situation schien gut, der Gemeinderat beschloss den Swap Anfang 2006 einstimmig – der Euro-Franken-Wechselkurs stand damals bei 1:1,5.

Zunächst entwickelte sich das Geschäft gut, die Gemeinde lukrierte rund 70.000 Euro. Dann begann der Wechselkurs 2007 von einem Rekordniveau (1:1,7) abzustürzen: Heute steht er bei 1:1,2 – und Karlstetten schuldet der RLB 1,4 Mio. Euro. Wie es mit dem Swap, der planmäßig bis 2016 liefe, weitergeht, wagt angesichts „nicht vorhersehbarer Ereignisse“, wie es in dem Vergleich heißt, nicht einmal die RLB vorherzusagen.

Die Gemeinde fühlte sich über den Tisch gezogen: Ein schneller Ausstieg ohne Verlust war in dem Vertrag nämlich doch nicht vorgesehen. In der Folge wurde verhandelt, wie die Situation zu bereinigen sei – „auf höchster Ebene“, wie es Raiffeisen-Kommunalberater Christian Pelzmann im Karlstettner Gemeinderat formuliert. Das Ergebnis: jener Vergleich, dem der Gemeinderat am Dienstag zugestimmt hat. Die RLB übernimmt die Hälfte des Verlustes von 1,4 Mio. Euro – die andere, eben 716.946 Euro, die Gemeinde.

Politisch brisanter Teilaspekt: Wer die „höchste Ebene“ war, mit der der Vergleich ausverhandelt wurde, bleibt offen – dass das Land Niederösterreich involviert war, liegt aber nahe: Einerseits ist Karlstetten beileibe nicht die einzige Gemeinde, die wegen Spekulationsgeschäften mit der RLB über Kreuz ist: Deren Sprecher Peter Wesely bestätigt Bemühungen, mit 16 weiteren niederösterreichischen Gemeinden „individuelle Lösungen“ anzustreben. Von St. Pölten und Bruck an der Leitha sind sogar Klagen anhängig. Weitere Details könne man „aufgrund des Bankgeheimnisses“ aber nicht preisgeben, so Wesely zur „Presse“.

 

Land: Unterstützung auf Umwegen

Ein pikantes Detail kommt im Karlstettner Gemeinderat am Dienstagabend zur Sprache: Bürgermeister Anton Fischer (ÖVP) deutet an, dass das Land der Gemeinde in den kommenden Jahren 300.000 Euro an Bedarfszuweisungen in Aussicht gestellt habe, um den Schaden durch die Vergleichszahlung zu mildern. Bei einem Gespräch des Bürgermeisters und eines weiteren Gemeinderates im Büro des Finanzlandesrates Wolfgang Sobotkas (ÖVP) habe es eine entsprechende Zusage gegeben – freilich nur mündlich.

Mit gutem Grund: Der Einsatz von Bedarfszuweisungen zum Ausgleich von Spekulationsverlusten ist illegal. Weswegen der Bürgermeister in der Sitzung (und gegenüber der „Presse“) offiziell betont, es gebe „keinen Zusammenhang zwischen dem Geschäft und den Bedarfszuweisungen“. Die Zuweisungen würden für Bauprojekte der Gemeinde in Aussicht gestellt. Der Zwischenruf eines Funktionärs „Also ein rechtlicher Umweg“ bleibt aber unwidersprochen.

Ungewohnt verschwiegen gibt sich zu dem Thema übrigens auch eine andere Stelle: Eine „Presse“-Anfrage in Sobotkas Büro blieb am Mittwoch unbeantwortet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2012)

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18 Kommentare
Gast: wina
26.06.2012 17:12
0 0

klassisch

Wenn die schwarze RLB die schwarzen Gemeinden zu Spekulationsgeschäften "überredet", ist das gelinde gesagt, seltsam, wenn nicht mehr als verantwortungslos. Aber... der "freie Wettbewerb" findet in Österreich dort statt, wo ganz gemütlich öffentliche Geld abgezockt werden können. und der schwarze Landeskaiser nickt dazu...

Raiffeisen

Na, wenn das kein Schuldeingständnis der Raba ist?
ich bin dafür, dass der Raiffeisenkonzern zerschlagen wird!

Die Aufgaben einer Gemeinde:

1) Schwimmbad – privatisieren
2) Straßenerhaltung – privatisieren
3) Kindergarten – privatisieren
4) Müllabfuhr – privatisieren
5) Wasserversorgung – privatisieren
6) Kanalisation – privatisieren

Noch verbleibende Aufgabe: Auswahl und Überwachung der Privatfirmen sollte von wechselnden Gruppen von ausgelosten Gemeindebürgern (inklusive Fachleute für das jeweilige Gebiet) übernommen werden, um Korruption zu verhindern.
Öffentliche Kosten für die Gemeindebürger: EUR 0,--
Notwendige Steuern: EUR 0,--

Bürgermeister

können maximal Grabreden halten. Geldpolitisch sollten die Gemeinden, bis auf Kleinigkeiten, entmündigt werden. Und Gemeinden, die sparen belohnt und nicht bestraft werden.

1 0

Minderbemittelt oder verantwortlich?

Sitzen im Gemeinderat von Karlstetten Minderbemittelte oder sonst entmündigte Personen? Wenn nein - wovon ich ausgehe -dann sind sie verantwortlich für den Abschluss eines Rechtsgeschäftes. So einfach ist das.


Bravo!!

„Ganz verstanden habe ich das Geschäft damals nicht"
Braucht kein weiteres Kommentar...

Gast: Vereintes Österreich
21.06.2012 11:47
0 0

Ist nun Niederösterreich das ''Griechenland'' der Bundesländer?


Gast: Wirtschaftler
21.06.2012 10:57
0 0

Bankkundenberatung ???????

Wenn normalerweise im Wirtsschaftsleben Probleme auftauchen zwischen den Firmen( wie z.B. Lieferant fällt aus, Konkurse tauchen auf, usw.), setzt man sich zusammen, läßt sich von Experten beraten und versucht einen Kompromiß zu finden. Und zwar schon dann, wenn diese ersten Anzeichen auftauchen. So etwas nennt man seriöse Kundenberatung.
Ich habe hier aber den Verdacht, dass die Bank die Gemeinde einfach im Regen stehen gelassen und nix gesagt hat, wie man diese aufziehende Situation bereinigen könnte zum Vorteil des Kunden( man möchte sich normalerweise den Kunden langfristig ja erhalten).
Dass man hier nicht eingegriffen hat, legt den Verdacht auf schnelle Abzocke nahe. Schnell verdienen am depperten Kunden, wenn es brenzlig wird, schnell abdampfen und den Schwarzen Peter den anderen zuschieben.
Das nennt man Wirtschaftspolitik a la Österreich !!!

Gast: Keine.
21.06.2012 09:56
0 0

Keine

Keine offentliche Einrichtung sollte nicht-öffentliche Verträge schliessen dürfen!!! (Soweit nicht ein speziell und einzeln vom Parlament festgestelltes Schutzinteresse vorliegt)

Gast: LegendIn
21.06.2012 09:29
1 0

Das sind also die "bösen Spekulanten", welche die europäische Schuldenkrise verursacht haben!

Das Land NÖ springt ein, hat es doch selbst eine Milliarde an Wohnbaugeldern grandios "angelegt".

Österreich ist eine Bananen... äh... Marillenrepublik und besteht aus 9 Marillen-Herzogtümern und 2000 Marillen-Gemeinden, in welchen jeweils weichmarillige Landeshäuptlinge und BürgermeisterInnen regieren.

Landesgesetzgebungen sofort ERSATZLOS abschaffen!

Gemeinden sofort auf vormalige Gerichtsbezirk-Größe zusammenlegen und mit der Verwaltungseinheit Bezirkshauptmannschaft fusionieren!

Und sofortiger AMTSVERLUST mit lebenslänglichem Amtsverbot für alle Spekulanten, egal ob sie Gemeindegelder oder Landes-Wohnbaugelder verspekulieren!

Damit ist zwar nicht ausgeschlossen, dass es weiterhin geistig minderbemittelte "Lokalpolitiker" an die Spitze der Verwaltung schaffen, jedoch würde zumindest deren Anzahl wesentlich beschränkt.

Dieser österreichische Sumpf der pseudo-föderalistischen Selbstverzwergung ist mittlerweile unerträglich geworden!

Gast: Spekulieren ist super
21.06.2012 08:36
1 0

Erinnert mich an die Stadt Linz!

Da haben doch auch Politiker so rund 400 Mille verspekuliert, oder?

Im Nachhinein hat keiner nichts gewusst, war übrigens die rote Reichshälfte!

Auf Anzeigen, Wiedergutmachungen und dergleichen wartet der Steuerzahler schon länger. Oder hat man gedacht, die dummen Wähler vergessen das eh alles?

Oder hat man gedacht, die dummen Wähler vergessen das eh alles?

Hat man gedacht und denkt man weiterhin. Und man hat damit auch völlig recht.
Seien wir mal realistisch: Die paar Hanseln, denen´s nicht wurscht ist (d.h. Sie und ich und noch ein paar weitere) fallen bei keiner Wahl ins Gewicht und sind somit vernachlässigbar.
Einfach vor der Wahl dann ein paar Geschenke versprechen (Rechnung ergeht an unsere Kinder), und alles passt wieder.

was nicht nur in dem zusammenenhang höchst verwunderlich ist:

wie weit die "solidarität" und der politische kadavergehorsam der ordentlich wirtschaftenden gemeinden mit diesen unbedarften (fehl-) spekulanten und tw. selbst verschuldet hochdefizitären kommunen ("abgangsgemeinden") geht.
denn eines ist klar: die jährlichen BZ-mittel sind in der höhe insgesamt klar definiert, was die einen vom land - offensichtlich als "belohnung" für ihre unfähigkeit zum haushaltsausgleich - bekommen, das fehlt natürlich allen anderen. jahr für jahr.

Gast: Reflector
20.06.2012 22:07
5 0

Früher erschoss man sich


Heute mauschelt man das auf Kosten Anderer aus.

Spekulieren, keine Ahnung haben was man unterschreibt, andere Verschulden und dann wenn es schief geht zu Papa gehen und um Zuwendungen betteln.

Jeder Dieb ist damit ehrenhafter, denn er trägt zumindest das persönliche Risiko der Strafe.

Elendigliche Waschlappen, die Behandlung mit einem nassen Fetzen wäre das Mindeste was hier zu tun wäre!

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fiese bank aber auch!

"Zunächst entwickelte sich das Geschäft gut, die Gemeinde lukrierte rund 70.000 Euro. Dann begann der Wechselkurs 2007 von einem Rekordniveau (1:1,7) abzustürzen. (...) Die Gemeinde fühlte sich über den Tisch gezogen: Ein schneller Ausstieg ohne Verlust war in dem Vertrag nämlich doch nicht vorgesehen."

mit spekulation gewinnen ist suuuuper, aber wenn man verliert schiebt man es auf die bank. wenn jeder nur das macht, wo man sich auskennt, passiert so etwas nicht.

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Re: fiese bank aber auch!

die gemeinde! ist fies!
die schwarzen verspekulieren sich, die bank macht einen vergleich, das land schiesst zu, es gilt die unschuldsvermutung, und der steuerzahler bekommt die rechnung....

wunderbar wie einig sich die schwarzen bei solchen dingen sind....

es gilt die unschuldsvermutung....

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Re: Re: fiese bank aber auch!

Richtig. Man hat ja auch in Linz gesehen, wie sie das machen - die Schwarzen !

Gast: Martin_S
20.06.2012 20:40
4 0

Also wohlgemerkt und allen

ins Stammbuch geschrieben:
"Die Politiker verzocken das Geld, das Ihnen nicht gehört" und nicht die Banken!

Hobbyökonom