Die Presse: Wie legen Sie Ihr Geld an?
Erwin Hameseder: Ich bin ein sehr konservativ denkender Mensch, insbesondere wenn es um Veranlagungen geht. Ich nehme in Kauf, dass man derzeit für sichere Geldanlagen relativ wenig Zinsen bekommt. In Wahrheit verliert man gegenüber der Inflationsrate etwas. Ich halte daneben noch einige Aktien, aber nur von großen und bekannten Unternehmen.
Als Nachfolger von Christian Konrad sind Sie einer der mächtigsten Manager Österreichs. Was bedeutet Macht für Sie?
Macht ist etwas, was verliehen wird. Ich bin ein Teamplayer, aber in letzter Konsequenz werde ich die notwendigen Entscheidungen treffen.
Wie politisch ist Raiffeisen? Sind Sie ÖVP-Mitglied?
Ich habe noch nie einen Kunden oder einen Mitarbeiter gefragt, welcher Partei er angehört. Das wäre völlig absurd. Ich persönlich habe eine klare politische Einstellung, zu der stehe ich. Ich bin ÖVP-Mitglied.
Unterstützt Raiffeisen primär die ÖVP?
Nein, wir haben sehr viele Engagements, bei denen nicht nach der politischen Farbenlehre vorgegangen wird. Raiffeisen ist eine Organisation, die gesellschaftlich etwas bewegen möchte. Wir sind offen, aber nicht für alle. Für ganz links und ganz rechts haben wir null Verständnis.
Was möchte Raiffeisen bewegen?
Wir haben in Österreich knapp zwei Millionen Mitglieder. In Niederösterreich haben wir einen Marktanteil von über 40 Prozent. Von uns wird ein gesellschaftliches Engagement erwartet. Wir haben alle Entscheidungsstrukturen in Österreich. Uns ist es auch ein Anliegen, dass Forschung und Entwicklung in Österreich vorangetrieben werden.
Kritiker sagen, ohne Raiffeisen geht überhaupt nichts. Gerade im landwirtschaftlichen Bereich soll es monopolähnliche Strukturen geben.
Das sehe ich überhaupt nicht so. Raiffeisen ist sehr dezentral aufgebaut und wird nach demokratischen Grundsätzen und dem Subsidiaritätsprinzip geführt. Die Vorstände unserer Beteiligungen sind sehr autark. Aber wir haben natürlich eine gemeinsame Strategie.
Konrad galt als autoritär, manche hatten Angst. Wie ist Ihr Führungsstil?
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das gilt für mich ebenso, wie es für meinen Vorgänger Christian Konrad galt. Ich drücke mich nicht vor Entscheidungen.
Die Industriebeteiligungen der Raiffeisen-Holding erwirtschafteten 2011 einen Umsatz von 22,6 Mrd. Euro. Wie hoch wird der Umsatz in drei bis vier Jahren sein?
Wir werden bei einer konservativen Schätzung auf 25 bis 26 Milliarden Euro kommen. Der Nettogewinn soll von zuletzt 143 Millionen Euro in drei bis vier Jahren auf 350 Millionen Euro steigen.
Werden Sie in neue Geschäftsfelder einsteigen?
Nein, wir werden in die Tiefe gehen. Wir wollen mit dem Kapital, das wir jetzt zur Verfügung haben, unsere Unternehmen bestmöglich unterstützen.
Denken Sie über Börsengänge von Raiffeisen-Firmen nach?
Der Bereich erneuerbare Energie wäre in einigen Jahren ein möglicher Kandidat. Und auch die Leipnik-Lundenburger Invest, die von Josef Pröll geführt wird.
Planen Sie Zukäufe im Medienbereich?
Der Medienbereich ist für uns ein strategisches Investment, das wir nicht aufgeben. Die Wettbewerbsgesetze machen es uns sehr schwer, hier Zukäufe zu tätigen. Aber ich schließe es trotzdem nicht aus.
Wie zufrieden sind Sie mit der Mediaprint, der Druck- und Vertriebsgesellschaft von „Krone“ und „Kurier“?
Hier sind wir sehr unglücklich mit der Entwicklung auf der Gesellschafterebene. Wir wollen dazu beitragen, dass sich das Verhältnis zwischen der Westdeutschen Allgemeinen und der Familie Dichand bessert. Wir sind hier der mitleidende Dritte.
Ihr größtes Sorgenkind ist die Epamedia (Plakate, Außenwerbung). Diese ist ein Sanierungsfall. Wie läuft der Verkaufsprozess?
Die Epamedia ist die einzige Firma, von der wir uns eventuell trennen. Wir mussten schmerzliche Abschreibungen – vor allem in Ungarn – verkraften. Uns liegen über zehn Angebote vor.
Wie geht es nun weiter?
Es kann sein, dass wir das Österreich-Geschäft behalten. Wenn wir für die gesamte Gruppe aber ein gutes Angebot erhalten, verkaufen wir alles. Der Preis müsste dann ein ordentlich dreistelliger Millionenbetrag sein.
Es gibt noch weitere Baustellen. Die Uniqa etwa machte 2011 einen Rekordverlust, die NÖM wird umgebaut und auch im Mühlenbereich gibt es Kartellstrafen.
Diese Unternehmen sehe ich keinesfalls als Baustellen. Im Mühlenbereich haben wir das Management mit Josef Pröll neu aufgestellt, und auch die Uniqa und die NÖM sind auf einem sehr guten Weg.
Was sind dann Ihre größten Herausforderungen?
Die größte Herausforderung ist Basel III, gemeint sind die neuen Eigenkapitalvorschriften für Banken. Wir sind eine Genossenschaft, und bei Basel III ist es so, dass ein Teil der jetzigen Geschäftsanteile künftig nicht mehr zum harten Kernkapital gehören wird. Hier werden wir rechtzeitig Maßnahmen treffen.
Das bedeutet?
Wir genießen bei den Mitgliedern und Kunden ein hohes Vertrauen. Daher überlegen wir, wie wir uns über die Ausgabe von neuen Geschäftsanteilen zusätzliches Eigenkapital von dritter Seite holen können.
Wie viel Geld wollen Sie sich auf diesem Weg holen?
In Niederösterreich gehen wir davon aus, dass wir bis 2016 von neuen Mitgliedern und von Kunden 300 bis 500 Mio. Euro an neuem Kernkapital erhalten werden.
Dritte werden aber nicht nur Geld zur Verfügung stellen, sondern auch mitreden wollen.
Die Zeichner der Geschäftsanteile werden eine attraktive Verzinsung erhalten. Bezüglich Mitspracherecht: Bei uns wird auch künftig das Kopfstimmrecht gelten. Egal, wie viele Anteile jemand besitzt, er hat immer nur eine Stimme.
In Niederösterreich soll das Kapital um 300 bis 500 Mio. Euro aufgestockt werden. Wie hoch ist der Bedarf bei Raiffeisen in ganz Österreich?
Die Raiffeisen-Bankengruppe erfüllt bereits die regulatorischen Vorschriften. Um im internationalen Vergleich gut kapitalisiert zu sein, werden wir Eigenkapital aufbauen. Ich halte es für realistisch, dass wir in Österreich durch die einbehaltenen Gewinne über die nächsten Jahre und andere Maßnahmen in der Gruppe von derzeit 23 Mrd. Euro bis 2018 zusätzliche vier Mrd. Euro Eigenkapital erwirtschaften werden.
Erwin Hameseder, 56, wurde in Mühldorf (Wachau) geboren, studierte Jus und war Soldat, 1987 wechselte er zu Raiffeisen. Dort war er Generaldirektor der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien und der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, bevor er nun Christian Konrad als Holding-Obmann ablöste. Raiffeisen ist an 740 Unternehmen (Strabag, NÖM, Agrana, Mediaprint etc.) mit 165.000 Mitarbeitern beteiligt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2012)
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