Die Presse: Sie wurden am Donnerstag fast einstimmig zum neuen Präsidenten der Industriellenvereinigung gewählt. Im Vorfeld der Wahl gab es Sorgen, Sie würden die IV zu stark nach links führen. Können Sie das nachvollziehen?
Georg Kapsch: Ehrlich gesagt nicht ganz, weil ich die Industriellenvereinigung weder links noch rechts sehe. Die IV ist eine politische Organisation, aber keine parteipolitische. Erfolg haben wir nur, wenn wir zu allen Parteien äquidistant stehen. Dass ich persönlich ein Sozialliberaler bin, daraus habe ich nie ein Hehl gemacht.
Wofür steht denn ein Sozialliberaler?
Dafür, dass die Freiheit des Individuums so weit wie möglich geht, ohne die Freiheit des Nächsten zu beeinträchtigen. Dafür, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht als Ressource gesehen wird. Wir müssen verstehen, dass nicht hier die Wirtschaft ist und dort die Gesellschaft, sondern wir alle Teil eines großen Ganzen sind.
Das könnte auch aus dem Grundsatzprogramm der Arbeiterkammer sein.
Im Unterschied zur Arbeiterkammer treten wir nicht nur für Verteilungsgerechtigkeit ein, sondern auch für Leistungsgerechtigkeit.
Äquidistanz zu allen Parteien hieße gleicher Abstand zu allen Gruppierungen. Wird die Industrie künftig alle Parteien unterstützen?
Unser Ziel ist es, den Wohlstand in diesem Land zu erhalten. Dazu gehört es auch, Projekte mit der einen oder anderen politischen Partei umzusetzen. Wir gehen dabei nach Inhalten vor, nicht nach der Farbe.
Sie haben also weder Berührungsängste zu Grün noch zu Blau?
Wir haben grundsätzlich keine Berührungsängste, aber wir haben Grundsätze. Dass wir uns mit dem Thema Ausländerfeindlichkeit schwertun, haben wir immer klargestellt. Dasselbe gilt für Forderungen nach noch mehr Staat.
Können Sie eine gewisse Politikverdrossenheit im Volk nachvollziehen?
Ja. Wir haben ein politisches Klima, das nur noch von Skandalen lebt. Und wenn das Downgrading der Republik (Verlust des AAA, Anm.) nur zu Lachern führt und Themen mit wesentlich geringerer Relevanz breitgetreten werden, kann ich die Politverdrossenheit durchaus nachvollziehen.
Wir haben also ein Problem mit dem politischen Personal?
Wir haben ein Problem mit dem Verständnis in diesem Land, was Politik überhaupt leisten soll.
Was soll sie denn leisten?
Sie soll den Individuen möglichst große Freiheit lassen, ebenso den Unternehmern, damit Arbeitsplätze geschaffen werden und Wachstum generiert wird.
In welchen Bereichen sehen Sie denn die größten Druckstellen?
In den Bereichen Bildung, Arbeitswelt und Steuersystem. Der universitäre Bereich funktioniert sehr gut. Wenn aber in Wien 24 Prozent der Schüler einer vierten und 19 Prozent einer achten Schulstufe nicht sinnerfassend lesen können, ist klar, wo die Probleme liegen.
Wäre die Ganztagsschule ein Schritt in die richtige Richtung?
Ich bin ein Befürworter der Ganztagsschule. Weil ich der Ansicht bin, dass eine entsprechend gute Betreuung der Kinder nur so zu gewährleisten ist. Aber nur dann, wenn die Nachmittagszeit sinnvoll verbracht wird, also nicht mit Computerspielen.
Sie sind ja auch ein großer Befürworter der Rot-Weiß-Rot-Card, die ausländische Fachkräfte nach Österreich holen soll. Funktioniert sie?
Die Rot-Weiß-Rot-Card ist noch nicht bekannt genug, wir müssen sie im Ausland stärker bewerben.
Wäre es nicht einfacher, qualifizierte Arbeitnehmer länger in Beschäftigung zu halten, statt im Ausland nach ihnen zu suchen?
Wir müssen Arbeitskräfte länger im Arbeitsprozess halten. Wir sollten aber auch ausländische Fachkräfte anwerben. In Spanien angebotene Deutschkurse sind weit überbucht. Europa ist offen, und es gibt keine Gefahr, von ausländischen Arbeitskräften überrannt zu werden.
Was hindert Unternehmen denn, Leute länger zu beschäftigen?
Ein großes Problem ist das Senioritätsprinzip. Wir haben in Skandinavien bei den Gehältern für ein und dieselbe Qualifikation vom Eintritt ins Berufsleben bis zur Pensionierung einen Lohnerhöhungsfaktor von ungefähr 1,6 – in Österreich liegt der Faktor bei 2,7. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Haben Sie in ihrem Unternehmen eine Altersgrenze für Neuaufnahmen?
Nein, wir haben keine. Wir nehmen auch 58-Jährige auf, wenn die Leistung stimmt und wenn sie bis 65 arbeiten wollen.
Wie tangiert Sie als Unternehmer eigentlich die Eurokrise?
Ehrlich gestanden beunruhigt sie mich gesellschaftspolitisch mehr als ökonomisch.
Sie fürchten also eher eine Spaltung Europas mit sozialen Folgen als „nur“ ökonomische Verwerfungen?
Ich fürchte eine Spaltung, wenn wir das nicht in den Griff bekommen. Die hätte aber sofort Auswirkungen auf die Wirtschaftspolitik. Die Antwort könnte sein, noch mehr zu reglementieren – und das wäre fatal. Spanien ist ein gutes Beispiel dafür. Die starke Regulierung des Arbeitsmarktes mit gut geschützten Verträgen für Beschäftigte hat zu einer Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent geführt (Jugendliche bekommen oft nur noch temporäre Verträge, ältere Arbeitnehmer sind quasi unkündbar, Anm.). Der Großteil davon ist Langzeitarbeitslosigkeit und das ist das Schlimmste. Das Thema gibt es auch in Italien und Frankreich.
Und in Österreich?
Das Arbeitsrecht ist gut, aber das Arbeitszeitgesetz entspricht nicht den modernen Anforderungen von Flexibilität und Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Ziemlich dramatisch ist dagegen die Performance des Wirtschaftsstandorts Österreich, der in allen Rankings abrutscht. Abgesehen vom Korruptions-Ranking. Was läuft denn da schief?
Ich glaube nicht, dass sich Österreich von anderen Ländern unterscheidet. Nur die Aufarbeitung der Korruptionsfälle läuft falsch. Vor allem dauert sie viel zu lange. Das macht ein schlechtes Bild nach außen und beeinflusst auch das Investitionsverhalten von ausländischen Unternehmen in Österreich.
Gehen Sie eigentlich zur Jagd?
Ja, aber ich meide Jagdrunden. Ich mag die Vermischung von privat und Geschäft nicht. Aber wir schütten hier auch das Kind mit dem Bade aus: Wir leben als kleines Land vom Netzwerken. Wenn ausländische Amtsträger nicht einmal mehr zu den Salzburger Festspielen oder zum Opernball eingeladen werden dürfen, dann wird das der Wirtschaft schaden.
Georg Kapsch (53) steht seit Donnerstag dieser Woche als Präsident an der Spitze der Industriellenvereinigung (IV). Kapsch ist seit 1989 in der IV aktiv, seit 2008 war er Präsident der Wiener Landesorganisation. In den 1990er-Jahren war er Mitglied des Liberalen Forums. Der zweifache Familienvater leitet den in der Verkehrstelematik tätigen Familienkonzern, der weltweit 5000 Mitarbeiter beschäftigt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)
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