WIEN. Er sitzt gebeugt und regungslos auf der Anklagebank, blickt zu Boden. Er schleicht durch den Gerichtssaal, wirkt gequält. Sein „Nicht schuldig“ klingt nicht so selbstsicher wie bei den Bankern nebenan. Es klingt eher wie: „Das habe ich nicht gewollt.“
Günter Weninger erzählt seinen Werdegang. Aufgewachsen in „sehr dürftigen Verhältnissen“. Arbeiterfamilie. Drei Geschwister. Lehre als Elektroinstallateur. Die Hoffnung auf eine bessere Welt findet er in der „Gewerkschaftsbewegung“. Schon mit 20 ist er „hauptberuflich Jugendsekretär beim ÖGB“, erzählt er Richterin Claudia Bandion-Ortner.
Ein Kind der Gewerkschaft
Sein Wirtschaftsstudium muss er Mitte der Siebzigerjahre abbrechen. Damals avanciert er nämlich bereits zum Leitenden ÖGB-Sekretär. Da bleibt keine Zeit für andere Dinge. „In der Gewerkschaft wurde nicht gefragt: Wann ist Arbeitsbeginn? Wann ist Arbeitsende?“, erzählt Weninger. Keine Spur von 35-Stunden-Woche also.
Stattdessen geht Weningers Gewerkschaftskarriere steil bergauf. 1997 ist er am Höhepunkt. ÖGB-Vizepräsident, Finanzchef – und Aufsichtsratspräsident der Bawag. Und plötzlich ist die schöne Geschichte zu Ende. Plötzlich wirken Weningers Worte wieder gequält. „Waren sie der Aufgabe als Bawag-Aufsichtsratspräsident gewachsen?“ fragt die Richterin.
„Am Anfang hatte ich mir schon gedacht, dass ich dem gewachsen bin“, antwortet Weninger. Aber als dann alles auf ihn hereinbrach... Die Milliardenverluste, der drohende Bankrott. „Ich war dem Ganzen nicht gewachsen“, gesteht er schließlich ein.
Staatsanwalt Georg Krakow hört Weningers Ausführungen aufmerksam zu. Noch werden die Angeklagten mit den einzelnen Vorwürfen nicht konfrontiert. Noch befindet sich der für 44 Verhandlungstage geplante Bawag-Prozess in der Aufwärmphase. Krakow weiß: Weninger könnte der Schlüssel zu seinem Erfolg sein. Denn die übrigen Banker und Manager ziehen an einem Strang. Vorerst zumindest. Und so lange sie ihre Verteidigung gemeinsam beschreiten, so lange hat es der Ankläger schwer.
In seiner Anklageschrift zählt Krakow Weninger zum „Kreis der Eingeweihten“. Er stellt ihn somit auf eine Stufe mit Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner. „Ohne Weninger hätte der Vorstand keine Chance gehabt, die üblen Geschäfte fortzuführen“, sagte der Staatsanwalt am Montag.
Und umgehend stellte Weningers Anwalt, Richard Soyer, in seiner Replik klar: Weninger sei vom „Triumvirat der Macht“ in der Bank nur „pro forma“ informiert worden. Quasi: An der Nase herumgeführt worden. Das „Triumvirat“ seien Elsner, dessen Stellvertreter und Nachfolger Johann Zwettler sowie Elsners „Adjutant“ Peter Nakowitz gewesen. „Weninger wurde falsch informiert, er hat aufgrund dieser Wissensgrundlage redlich, aber falsch gehandelt“, sagte Soyer Montagnachmittag.
„Sie haben die Bank verloren“
Tags darauf ist Weninger selber am Wort. Jetzt erzählt er von seinen drei Kindern. Sie haben alle studiert. Von Penthäusern kann er nicht berichten. Nur von seiner „50 Quadratmeter großen Genossenschaftswohnung“ und seinem Haus am Land, das er in den Achtzigerjahren gebaut hat.
Das arme Arbeiterkind hat es zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Das alles verdankt er der Gewerkschaft. Und was verdankt die Gewerkschaft ihm? Bawag-Vorstand Christian Büttner hat es im Herbst 2000 mit einem Satz ausgedrückt. „Herr Präsident, Sie haben die Bank verloren.“
„Weninger kocht sein eigenes Süppchen“, sagt einer der Banker-Anwälte am Rande des 2. Verhandlungstages. Für die übrigen Verteidiger sei Weninger soetwas wie eine „Unguided Missile“, er sei unberechenbar. Und so müssen die schlauen Bankmanager am Ende ausgerechnet jenen Mann fürchten, den sie all die Jahre als absolutes Leichtgewicht einstuften.
Staatsanwalt Krakow setzt im Bawag-Prozess auf einen Umfaller in den Reihen der Beschuldigten. Einer könnte aus der gemeinsamen Verteidigungslinie ausscheren und die anderen belasten.
Günter Weninger könnte Krakows Schlüssel zum Erfolg sein. Der ehemalige Bawag-Aufsichtsratschef fühlt sich von den Vorstandsmitgliedern hinters Licht geführt. Ihn fürchten deshalb auch die Verteidiger der Bankmanager.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2007)

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