21.05.2013 18:50 Merkliste 0

Julius Meinl und die Antisemitismus-Keule

29.08.2012 | 18:55 |  von Josef Urschitz (Die Presse)

Wirtschaftskriminalität. Wirtschaftsskandale und Korruption sollten von einer stark aufgewerteten und unabhängigen Staatsanwaltschaft aufgearbeitet werden. Derzeit gibt sich die Justiz zu viele Blößen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Das hatte kommen müssen: Julius Meinl V. hat seinen britischen Anwalt die Nazi-Keule auspacken und in einem wehleidigen Brief an das britische Außenministerium klagen lassen, er werde von der österreichischen Justiz unter anderem wegen seiner britischen Staatsbürgerschaft und wegen seines „jüdischen Familienhintergrunds“ gegängelt. Der Außenminister möge doch bitte „einschreiten“.

Das ist fast immer wirkungsvoll, aber ziemlich billig. Schon während des Aktienskandals der Meinl European Land, der tausenden Österreichern herbe Vermögensverluste und Meinl (noch nicht abgeschlossene) Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Betrugs und Untreue beschert hatte, waren von der Meinl-Entourage Versuche gestartet worden, recherchierende Journalisten in dieses Eck zu drängen.

Halten wir also fest: Julius Meinl V. wird von der hiesigen Staatsanwaltschaft nicht wegen seines „jüdischen Familienhintergrunds“ verfolgt, sondern weil die Staatsanwaltschaft den Verdacht hegt, beim für österreichische Anleger sehr verlustreichen und für Meinl sehr profitablen  Finanzkarussell um die Immobiliengesellschaft Meinl European Land (MEL) seien Anleger massiv geschädigt worden.

Die MEL hatte ja die Vorteile der Steueroase Jersey (unter anderem laxe Informationspflichten) mit den organisatorischen Schwächen der Wiener Börse und der damaligen Wegschau-Mentalität der unter dem Einfluss des (jetzt nicht mehr) Meinl-Freundes und -Profiteurs Karl-Heinz Grasser stehenden Finanzmarktaufsicht (FMA) sehr geschickt zum eigenen Nutzen kombiniert.

Ob das alles nur sehr geschickt, aber legal war, oder ob dabei tatsächlich Gesetze verletzt wurden, wird hoffentlich bald ein Gericht klären. Dass die Ermittlungen schon fünf Jahre dauern, ist tatsächlich ein Skandal. Aber einer, an dem Meinl und seine Meinl Bank nicht ganz unbeteiligt sind: Immerhin ist schon eine zweistellige Millionensumme in Honorare an eine ganze Armada von Topanwälten geflossen, deren Hauptaufgabe darin zu bestehen scheint, die Ermittlungen der Staatsanwälte zu bekämpfen beziehungsweise durch Einsprüche gegen die Herausgabe von Beweismitteln zu verzögern. Allerdings: Auch die Staatsanwaltschaft hat schwer gepatzt. Etwa durch abenteuerliche Fehlgriffe bei der Auswahl von Gutachtern.

Das ist freilich ein gemeinsames Merkmal, das sich durch fast alle glamourösen Wirtschaftsskandale der vergangenen Jahre zieht. Von den massenhaften Verfahrenseinstellungen bei der Staatsanwaltschaft Klagenfurt über das „Vergessen“ von Akten bis zur Verjährung bis hin zu den teilweise nicht gerade ambitioniert aussehenden Ermittlungen in politisch heiklen Fällen wie etwa dem Fall Grasser.

Mit dem forscheren Auftreten der Korruptionsstaatsanwaltschaft hat sich das zwar sichtbar gebessert. Aber das reicht noch nicht. Denn neben den noch immer nicht aufgearbeiteten „Alt“-Fällen wie etwa Meinl, Immofinanz, Buwog/Grasser etc. wird ja immer stärker das ungeheure Ausmaß der Korruptionswelle sichtbar, die dieses Land in den vergangenen zehn Jahren heimgesucht hat. Da tun sich vom kleinen Kärntner Landesrat bis hinauf zum von der Inseratenaffäre angepatzten Bundeskanzler Abgründe auf, deren Ausleuchtung die Kapazitäten der Justiz leicht überfordern dürfte.

Um das zu bewältigen, wird es wohl dringend notwendig sein, eine spezielle, wirtschaftlich geschulte Eingreiftruppe zu schaffen, die bei der Wiederherstellung der politischen Hygiene im Land behilflich sein kann. Vielleicht im Rahmen einer stark aufgewerteten, mit ausreichenden Kapazitäten versorgten Korruptionsstaatsanwaltschaft.

Die sollte dann gleich mit Schwerpunkten beginnen. Etwa in Kärnten. Nicht, weil die Alltagskorruption an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik hier ein besonderes Maß erreicht hätte, sondern weil die dortigen Machthaber in der immer noch nachwirkenden „Anything goes“-Euphorie der Haider-Jahre besonders dummdreist vorgegangen sind.

Dort wird nämlich wirklich erst an der Spitze des Korruptions-eisbergs gekratzt. Obwohl er weit ins Land hinein sichtbar ist. Etwa in Form des insgesamt bisher fast 100 Mio. Euro teuren Fußballstadions, für das es zwar keinen Fußballklub gibt, das aber von wilden Gerüchten umrankt wird.

Gestern erst ist eine Anzeige gegen den Landeshauptmann und Straßenbaureferenten Dörfler bekannt geworden. Inhalt: Wer einen Bauauftrag vom Land Kärnten will, der müsse ein bis zehn Prozent der Bausumme „spenden“.
Das ist natürlich – hier wie auch im Rest Österreichs – völlig undenkbar: Baukonzerne wie etwa die Strabag haben der FPK-Agentur Connect seinerzeit naturgemäß nur Geld gegeben, weil sie dringend „Layout-Beratung“ benötigten. Und dass Großkonzerne wie Rewe, Strabag und – ja, genau – die Hypo Alpe Adria als „Stifter“ ganz uneigennützig Millionen in eine von Haider initiierte gemeinnützige „Kärnten Privatstiftung“ einzahlen, in der dann die Chefs der Landesholding den Vorstand und der Landeshauptmann und Baureferent den Aufsichtsratsvorsitz stellen – nun, das ist doch eigentlich ganz normal, oder?

Man sieht, es gibt offenbar ein weites Feld für Sumpftrockenleger. Man sollte sie endlich mit der nötigen Kapazität und Handlungsfreiheit ausstatten.


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30. August 2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

215 Kommentare
 
12 3 4 5

"ein Angebot, das man nicht ablehnen kann"

der 5er arbeitet nun schon mit Mafia-Paten-Methoden :-(

Hat Goldman Sachs Meinl und seine Bank auch schon unter ihre Fittiche genommen ??


Gast: tc_t
31.08.2012 10:44
3 0

wan ist diese unsägliche sache endlich erledigt und

wann endlich verschwindet diese bank.... möge der "arme, verfolgte" meinl doch endlich mit ihr nach england verschwinden... und ganz wichtig dort bleiben....

wenn er sich als verfolgten Juden darstellt,

dann schätzt er seine Situation schon als ungünstig ein. er weiß schon, dass er damit sein letztes Ansehen in der guten Gesellschaft verliert.

Gast: Analyst 829
31.08.2012 09:01
1 1

Antisemitismuskeule gegen jüdische Wurzeln...

Gegen "Die Presse" kommt Meinl schnell in Argumentationsnot, wenn er sich beklagen sollte, dass seine Antisemitismuskeule dort als lächerlich erkannt wurde und klar gestellt wird, dass Meinl nicht wegen jüdischer Wurzeln sondern wegen des Begehens eines Verbrechens verfolgt wird, wenngleich ihm ein Rabbi vielleicht gesagt haben möge, dass es in Ordnung ist, wenn Juden sogenannte Gojim (NIchtjuden) betrüen.

"Dem Juden ist es erlaubt zum Nichtjuden zu gehen, diesen zu täuschen und mit ihm Handel zu treiben, ihn zu hintergehen und sein Geld zu nehmen. Denn das Vermögen des Nichtjuden ist als Gemeineigentum anzusehen und es gehört dem ersten [Juden], der es sich sichern kann." (Baba kamma 113a)

Nur was nun? "Die Presse" war vor über 100 Jahren noch jüdischer als "Der Standard"! Folglich könnten sich dann zwei "Juden" mit der Antisemitismuskeule die Schädel einschlagen und Meinls Argumentation bricht zusammen.

Re: Antisemitismuskeule gegen jüdische Wurzeln...

"Die Presse" war vor über 100 Jahren noch jüdischer als "Der Standard"!

kein wunder, den standard gibts ja erst seit 1988.

Ja, ja,

die ÖVP-Klientel!

6 0

Wie sehr...

... wünsche ich mir die Wiedereinführung eines öffentlichen Pranger, um so ekelhafte Persönlichkeiten wie einen Meinl vorzuführen!!!

3 0

Re: Wie sehr...

Ja, für Banker-Schupfen im Donaukanal ;-)

Wie lange darf so ein Verfahren laufen bis es verjährt ist?

Kann jemand die Frage beantworten?

2 0

Re: Wie lange darf so ein Verfahren laufen bis es verjährt ist?

Soweit ich weiß nie, wenn immer wieder geklagt wird. Ist ja bei Schuldnern ähnlich.

Ist die vorsetzliche Verzögerung des Prozessbeginns nicht Grund genug die Kaution aufzuheben und Auslieferung zu beantragen?

Meinl kann sich ja in die Ecuadorianische Botschaft absetzen...

0 0

Re: Ist die vorsetzliche Verzögerung des Prozessbeginns nicht Grund genug die Kaution aufzuheben und Auslieferung zu beantragen?

Der hat eh die britische.

6 0

Versicherung

Sie wollen die Versicherung des Gutachters wissen. DAmit die wohl genötigt werden kann, die Polizze aufzukündigen. Das darf ja alles nicht mehr wahr sein. Da ist ja die Mafia ein Gesangsverein dagegen.

Das sind keine Methoden, die ein Rechtsstaat dulden darf.

Re: Versicherung

Richtig !

Meinl, ein neues Synonym für Chuzpe !


3 0

Re: Meinl, ein neues Synonym für Chuzpe !

"Chuzpe" ist aber ein Euphemismus angesichts dessen, was hier passiert.

Hat überhaupt nich jemand mit der Meinl-Bank Geschäftsverbindungen ??


2 0

Re: Hat überhaupt nich jemand mit der Meinl-Bank Geschäftsverbindungen ??

Ich kaufe auch keine Produkte mehr von denen seitdem das aufgekommen ist. Das muss man ja nicht auch noch unterstützen.

Gast: Graf Gudenus, Paris
30.08.2012 20:10
1 2

Keule - als germanische Waffe?


Gast: gggggg
30.08.2012 16:46
4 0

Ja!

Urschitzens Forderung (letzter Absatz) kann man nur vehementest unterstützen!!! Da muß ohne die geringste ´Rücksicht´ (wär ja noch schöner) auf Personen aufgeräumt werden. Und derzeit weiß ich nicht, was mir mehr Probleme bereitet: die Übelkeit, die hochsteigt angesichts der Vorfälle, oder die Nackensteifigkeit vom nicht endenwollenden Kopfschütteln (u.a. natürlich auch über Meinls mehr als peinliche´Keule´. Nicht zu glauben. Aber das disqualifiziert sich so was von von selbst, da ist kein Kommentar nötig.)

1 4

eine stärkere truppe wird erst kommen,

wenn die schwarzen ministerinnen aus der justiz und den innenministerium verjagd sind.
denn wenn es ehrlich zugeht, muß zu allererst der oberkorruptionist schüssel in den knast!

Re: eine stärkere truppe wird erst kommen,

verleumder!

Damit bedient Herr Meinl

genau jene, die soundso schon antisemitisch eingestellt sind, und das dürften nicht wenige sein. aber diesmal ist es ein Schuss ins eigene Knie des Herrn Herr Meinl: jetzt werden es mit Sicherheit noch mehr Antisemiten! Denn wer sich mit solchen Argumenten vor Strafverfolgung wegen Wirtschaftskriminalität schützen möchte macht sich doppelt schuldig, nämlich an den vielen Österreichern mit jüdischer Kultur, die einer solchen Aktion aber schon gar nichts abgewinnen können!

1 1

Re: Damit bedient Herr Meinl

Sorry aus einem betrügerischen Juden wird doch kein Antisemitismus. Dass Vorurteile nicht zwangsläufig auf alle einer Gruppe zutreffen ist doch klar. Es kann ja auch nicht jeder Tiroler jodeln.

Gast: suppenkaspar
30.08.2012 12:25
3 0

da man überhaupt von offiziöser Seite nichts

hört, muss man schon davon ausgehen, dass ihn
der Herr Deutsch mittlerweile fröhlich zur Schnecke gemacht und der Herr Lauder einen gesalzenen Brief abgefeuert hat.

 
12 3 4 5