Eisenbahn: Sechzig Milliarden und ein Kahlschlag

07.11.2012 | 18:17 |  Von Josef Urschitz (Die Presse)

Während die Regierung ein Multimilliardenausbauprogramm startet, muss die Bahn aus Kostengründen bewusst ihre Transportleistung zurückfahren. Die Planungen basieren wohl auf schlicht falschen Prognosen.

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Bei den ÖBB ist, das muss man anerkennend feststellen, mit dem (jetzt nicht mehr ganz) neuen Chef Christian Kern tatsächlich betriebswirtschaftliches Denken eingekehrt. Das äußert sich unter anderem daran, dass im Güterverkehr nicht mehr buchstäblich um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste Marktanteile herbeisubventioniert werden, sondern die Einzelteile der Güterverkehrstochter Rail Cargo auf den Kostenprüfstand müssen.

Der Güterverkehr der Bahn war ja, wie das Infrastrukturministerium nicht müde wird zu betonen, bisher ein „Riesenerfolg“: Der Anteil der Bahn am gesamten Transportvolumen liegt hierzulande mit 33 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im EU-Schnitt. In den eher für Trucker-Romantik als für ihre effizienten Eisenbahnen bekannten Vereinigten Staaten von Amerika sind es übrigens 40 Prozent, aber das ist eine andere Geschichte.

Der für europäische Verhältnisse sehr hohe hiesige Bahnanteil an den Gütertransporten ist jedenfalls, wie schon erwähnt, nur möglich, weil viele Transporte (vor allem solche in und aus weniger transportintensiven Gegenden) massiv mit Steuergeld gestützt werden. Noch ein paar solche Erfolge, und wir sind wirklich pleite, wird sich das Bahnmanagement da wohl in Abwandlung eines dem alten Pyrrhus von Epirus zugeschriebenen Militär-Kalauers gedacht haben.

Fazit: Jetzt regiert der Rechenstift. Nach der Auflassung von Güterverbindungen in entlegene Forste stehen nun 41 nicht gerade ausgelastete Güterverladestellen vor der Schließung. Weitere werden überprüft und auch die rollende Landstraße soll nicht verschont bleiben. Das verbessert zweifellos die Bilanz der Rail Cargo Austria, wird aber ebenso zweifellos zu einer Rückverlagerung von Güterverkehr auf die Straße führen. Der Anteil der Schiene am Gütervolumen wird also wohl unter 30 Prozent fallen.

Und jetzt wird es interessant: Das Infrastrukturministerium hält nämlich eisern am Plan fest, den Güterverkehrsanteil der Bahn bis 2025 auf amerikanische 40 Prozent zu steigern. Muss es ja auch: Die gewaltigen Ausbaupläne für die Bahninfrastruktur sind ja auf Prognosen ausgerichtet, die genau in diese Richtung gehen.

Und die sind ernst gemeint: Unmittelbar nach der Ankündigung der Verladestellenschließungen durch ÖBB-Chef Kern hat der Budgetausschuss des Parlaments die gesetzliche Absicherung von Vorbelastungen künftiger Budgets durch die geplanten Bahninvestitionen durchgewinkt: 37,8 Mrd. Euro sind das für die geplanten Investitionen bis 2018. Insgesamt werden die jetzt schon beschlossenen Investitionen in die Bahninfrastruktur einschließlich Finanzierungskosten laut Rechnungshof mehr als 60 Milliarden Euro (das sind die Bundessteuereinnahmen eines ganzen Jahres) verschlingen. In der Realität wohl noch deutlich mehr, denn wie exakt Baukostenschätzungen bei Großprojekten eingehalten werden, kann man aktuell gerade bei der Errichtung des Wiener Hauptbahnhofs besichtigen.

Wenn aber gerade ein Multimillardeninvestitionsprogramm auf Basis von Schätzungen begonnen wird, die von einem Güterverkehrsanteil von 40 Prozent ausgehen, während die Bahn aus Kostengründen ihren Anteil am sogenannten „Modal Split“ gleichzeitig auf unter 30 Prozent zurückfährt, dann – ja dann drängt sich wohl der nicht ganz unbegründete Verdacht auf, dass hier Abermilliarden auf Basis schlicht falscher Verkehrsprognosen verbraten werden sollen.

Natürlich kann ein Wunder geschehen, und die seit Jahrzehnten herbeigeredete (und nirgendwo in Europa realisierte) Transportverlagerung auf die Schiene kommt ganz plötzlich in Schwung. Wahrscheinlich ist das aber nicht.

Ganz einfach deshalb, weil sinnvoller Gütertransport auf der Bahn, wie der Rechnungshof kürzlich festgestellt hat, erst ab einer Distanz von 300 Kilometer Transportstrecke beginnt. Darunter wird die Umladerei zum Verlustgeschäft. Ein ideales Verkehrskonzept sieht deshalb so aus, dass die Bahn den Transport großer Mengen über lange Strecken übernimmt, während der Lkw für die Verteilung in der Fläche und die kurzen Strecken zuständig ist.

300 Kilometer sind im kleinen Österreich freilich schon eine recht ordentliche Strecke. Rettung kann also nur der internationale Verkehr bringen.

 

Der sieht aber eher trostlos aus: Ringsum, in praktisch allen Nachbarländern, liegt der Transportanteil der Schiene deutlich unter dem der ÖBB. In der Nähe österreichischer Bahnanteile liegt nur die Schweiz, aber auch dort ist der Anteil in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft. Ganz trist sieht es im – dem für die Auslastung der „Baltisch-Adriatischen Verkehrsachse“ durch Semmering und Koralm wichtigen – Osteuropa aus: Dort ortete Bahnchef Kern kürzlich „implodierende Staatsbahnen“.

Wo in dieser Umgebung die Transportzuwächse herkommen sollen, mit denen die haarsträubenden Prognosen des Verkehrsministeriums erfüllt und die jetzt beschlossenen „Vorbelastungen künftiger Budgets“ gerechtfertigt werden können, das weiß außerhalb des Ministeriums wohl niemand. Macht aber nichts, zahlen werden das ohnehin erst künftige Generationen, nicht wahr?


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2012)

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48 Kommentare
 
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Völlig falsche Prioritäten werden gesetzt,

wenn derartig viel Geld in Tunnels gesteckt wird. Dies führt fast nur zu einem Plus im Personenfernverkehr. Durch die hohe Geschwindigkeit wird mehr Energie pro km verbraucht und werden teilweise fragwürdige Transportwünsche (Fernpendeln) bedient - von Energiesparen keine Rede. Der Güterverkehr dagegen kann den spezifischen Energieverbrauch auf 1/4 senken und Ölverschwendung und Umweltproblematik massiv senken.
Für den Güterverkehr braucht es keine Tunnels, sondern moderne Fahrzeugtechnik: automatische Kupplungen und leise, leichtere, gleisschonende Drehgestelle (nur noch 4achsige Wagen). All dies könnte unverzüglich eingeführt werden, weil es entwickelt und großteils erprobt ist. Die Kupplungen sind mit den hoffnungslos veralteten Schraubenkupplungen kompatibel und können sukzessive eingeführt werden. Dabei kostet alles viel weniger als die absurde Tunnelbohrerei. Mit wesentlich längeren Zügen, massiv beschleunigter und flexibler Zugbildung und enormen Einsparungen könnte die Bahn noch leistungsfähiger werden als jene in den USA. Aber in Ö und in der EU haben Straßen- und Baulobby das Sagen und da baut man die Bahn eben lieber zu Tode als diesen prinzipiell enorm gefährlichen Konkurrenten zu ertüchtigen!

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Re: Völlig falsche Prioritäten werden gesetzt,

Das Problem ist dann in der Tat, dass sich Schnellverkehr und Güterverkehr im Wege stehen.
Man kann also entweder das Geschwindigkeitspotential nicht nützen, oder man schickt den Güterzug wieder auf die alte Strecke. Derzeit fährt man halt in der Nacht auf der HL Strecke.

Der österreichische Klassiker: "Ich habe eine Meinung/eine politische Zielvorgabe und brauche nur das Modell, welches mir meine (w)irren Annahmen bestätigt!"

Egal, ob dieses "Modell " auch nur irgendetwas mit der Realität zu tun hat oder nicht.

Von Validierung ("Ist es das richtige Modell?") und Verifikation ("Ist das Modell auch richtig umgesetzt?") hat der gesamte Beamtenstab keine blasse Ahnung.

Ob Bundesheer, Verkehrsplanung oder Budgetplanung, es gibt keinen Bereich, wo die Zahlen nicht politisch beauftragt geschönt werden.

falsche prognosen? in österreich?

aber geh! bei ausgaben wir immer um die hälfte zu niedrig prognostiziert, einnahmensseitig wirds auch so um die 100% sein.

das ist lästig aber andererseits planbar, passiert ja laufend.

förderung für wirtschaftsparks einfrieren

sol lange die politik zulässt,dass logistikparks fernab eines eisenbahngeleises auf die grüne wiese gebaut werden und dann noch dazu anbindungen an das straßen und autobahnnetz gebaut werden, wird sich nichts ändern.
siehe coca-cola, die ziehen sich aus wien zurück, holen sich billiges personal aus ungarn und der slowakei, siedeln sich bei römerquelle an, werden vom burgenland und der eu hofiert (förderungen)und erhalten die infrastruktur, die sie wünschen quasi geschenkt- bahnanschluss, niente.

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Re: förderung für wirtschaftsparks einfrieren

Absolut richtig erkannt! Nur die Art der Infrastruktur wird schon in AT entschieden und nicht in der EU.

Die großen Bahn-Projekte geht ja AT auch nur an, weils im EU plan sind und es Förderungen gibt, davon profitiert die Bauwirtschaft.
Das ganze Inntal untertunneln ist eigentlich volkswirtschaftlicher Wahnsinn, dagegen ist ja SBT, KAT und BBT von höchster sinnhaftigkeit!

Wenn man einen "Urschitz" liest, weiss man, dass nicht alle Journalisten pfeiffen sind!

Vielen Dank für diesen exzellent recherchierten, hoch informativen und knallhart geschriebenen Artikel!

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Re: Wenn man einen "Urschitz" liest, weiss man, dass nicht alle Journalisten pfeiffen sind!

Tja, wenn man nicht weit herumkommt, weiß man natürlich nicht was eine Bahn leisten kann. Sie zB. SBB.

Re: Wenn man einen "Urschitz" liest, weiss man, dass nicht alle Journalisten pfeiffen sind!

Dafuer musste der urschitz nicht viel recherchieren. Doch warum schreiben sie immer kommentare zu themen, von denen sie keine ahnung haben?

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Fragen Sie doch mal unsere Verkehrsministerin!

Vielleicht kann sie ja das Problem durch eine Quotenregelung lösen. Oder sind das nur die üblichen weltfremden sozialistischen Wunschträume?

Da wurde....

seit jahrzehnten nichts "herbeigeredet", sondern europaweit gab es konkrete plaene, mehr gueter auf die schiene zu bringen. Warum das nicht funktionierte, hat mehrere gruende. Ein wesentlicher ist die fehlende kostenwahrheit. Denn waehrend subventionen in den schienengueterverkehr fuer jeden ersichtlich sind, ist das beim strassengueterverkehr nicht der fall. Hier traegt jedoch auch der steuerzahler einen grossteil der kosten. Ein einzelner staat hat aber keine moeglichkeit, diese "versteckten" kosten dem verursacher, also dem transportgewerbe aufzubuerden. Denn damit waere es in europa nicht mehr wettbewerbsfaehig. Aber zumindest erkannte urschitz, dass ein vergleich mit den usa nicht moeglich ist,

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Re: Da wurde....

Die praktisch nicht vorhandene Raumordnungsplanung rächt sich in den verkehrskosten. Grundsätzlich bringt Verkehr nur Kosten.
EU und USA lassen sich durchaus vergleichen, nur ist halt Verkehrspolitik noch nationalstaaterei.

Re: Re: Da wurde....

"...ist halt Verkehrspolitik noch nationalstaaterei". Ist nicht nur, sondern "war schon immer". Und das ist ein grund, warum sich die usa nicht mit der eu vergleichen laesst.

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Re: Re: Re: Da wurde....

Hindernisse der Bahn sind geografischer Natur, da kann man EU und USA sehr wohl vergleichen, und die Nationalstaaterei, die kann man aber abschaffen!

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Re: Re: Re: Da wurde....

Nur, deswegen, weil die Nationalstaaterei fallen wird müssen. Die ergibt nämlich keinen Sinn.
Von der geografischen Größe ist dann die USA sehr wohl mit der EU vergleichbar. Und das ist wohl der einzig fixe Parameter im System.

es gibt keine"feinverteilung"

was einmal am lkw ist,bleibt drauf...
Aber:für jede milliarde"investition"muss 1 million im betrieb "gespart" werden-sprich:zubringerstrecken und -züge;dadurch fehlen fahrgäste+güter im"kernnetz",die zuschüsse steigen immer schneller!
Immerhin:ein paar mio betriebswirtschaftlichen5ewinn"kann man feiern-und das 3-fache davon für boni...

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Re: es gibt keine"feinverteilung"

Man braucht nur der Donau die Zuflüsse nehmen, dann ist sie trockengelegt.
Bei der Bahn heißt das dann reiner Transitverkehr. Es schaut eh ganz danach aus.
Dann kostet der Sprudel 3-4 Euro, und dann?

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der teuerste irrsinn, den österreich

so hat. stopp den milliarden investitionen!

Rund 10 Milliarden pro Jahr

beträgt der Bundeszuschuss zu den Pensionen. Ein großen Problem, wie die holde Politik zu betonen nicht müde wird. Nun wird der gleiche Betrag (1/6 der gesamten Steuereinnahmen des Staates) pro Jahr für das Bohren von zwei unnötigen Löchern durch unsere Berge verbraten. Und das ist für die holde Politik ok? Aber weg ist das Geld ja nicht. Irgendwer wird durch diese Maschinenbeschäftigungspolitik schon mächtig profitieren... ;-)

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Re: Rund 10 Milliarden pro Jahr

Von den Pensionisten können feudal-dekadente Politiker samt ihren Parteien keine "Umwegrentabilität" in Form von Kick-Backzahlungen oder ähnlichem erwarten, von der bestens bedienten Betonlobby durchaus.

Der Korruptions-U-Auschuss konnte nur ein wenig in den Sumpf leuchten und outen wie kompetent und kreativ Parteien lukrative Schwarzgeldkarusselle mit SCHEINleistungen und SCHEINrechnungen betreiben. Übertroffen nur von der Bereiutschaft zur Vertuschung.

Bevor die Herrschaften es vom Volk verbraten lassen stopfen sie ihre Haberer damit und gründen vorsorglich eine Briefkastenfirma.


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Re: Re: Rund 10 Milliarden pro Jahr

Bei den Kammern hat noch nie einer rein geleuchtett. ;-)

Re: Re: Re: Rund 10 Milliarden pro Jahr

Und das wird nach menschlichem Ermessen auch niemals passieren... ;-)

Es bleibt

der dringliche Wunsch, dass sich der scheinbar doch recht ordentlich haushaltende Kern gegen die Dilletanten und sog. Experten (was eher parteipolitisch zu verstehen wäre) durchsetzen kann. Ansonsten weiss ich jetzt schon, was der RH in längstens 2 Jahren zerpflücken wird. Und beide Tunnelprojekte solltens am Besten zu Parkgaragen o.ä. umwidmen.

Beinhart der Herr Urschitz!

Aber wenn er recht hat und den beamteten Goldfasanen die Zahlen um die Ohren haut, um so besser. Hut ab!

Leider Sind wir

das letzte Ostblockland in Europa!!

danke

danke für diesen Artikel

 
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