Finanzierung: Geld ist reichlich da, es fehlt die Fantasie

14.11.2012 | 18:16 |  Von Josef Urschitz (Die Presse)

Etwa 170 Milliarden Euro liegen real negativ verzinst auf Sparkonten. Den Weg in die Unternehmen finden sie nicht. Die „Volksaktie“ ist gemeuchelt worden, der KMU-Finanzierung fehlt es an legalen Modellen.

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Auf den privaten Sparkonten der Österreicher liegen rund 170 Mrd. Euro. Bei kaum sichtbaren Nominalzinsen, aber recht deutlich sichtbarer Inflation fällt dort zurzeit ein kumulierter Realverlust von ungefähr drei Mrd. Euro im Jahr an. Also kein besonders guter Platz, um Geld zu parken.

Auf der anderen Seite wird es für Unternehmen schwieriger, an Geld zu kommen. „Basel III“ wetterleuchtet am Horizont, die Eigenkapitalerfordernisse der Banken steigen, das schmälert das zur Kreditvergabe zur Verfügung stehende Volumen. Zum ernsten Wachstumshemmnis wird das spätestens dann, wenn die Wirtschaft irgendwann in den nächsten Jahren wieder in Schwung kommt.

170 real negativ verzinst herumliegende Milliarden auf der einen und großer absehbarer Finanzbedarf auf der anderen Seite – das schreit ja geradezu nach Zusammenführungsmodellen. Es wäre aber nicht Österreich, wenn nicht das genaue Gegenteil der Fall wäre: Der ehemalige Vorzeigebetrieb Telekom Austria ist gerade dabei, das Instrument der „Volksaktie“ endgültig umzubringen. Und im Waldviertel droht ein Streit zwischen einem starrköpfigen Schuherzeuger und der FMA um kreative regionale Finanzierungsmodelle für Klein- und Mittelbetriebe.

Das Trauerspiel im Waldviertel ist noch gefährlicher als der Tod der „Volksaktie“: Große Aktiengesellschaften haben eine Reihe von Ausweichmöglichkeiten, wenn die Bank aus welchen Gründen auch immer Nein sagt. Kleine nicht.

Das Beispiel der Firma GEA aus dem Waldviertel zeigt, dass Private offenbar bereit sind, lokale Betriebe, die sie gut kennen, zu finanzieren. Immerhin wurden ja drei Mio. Euro an privaten Geldern eingesammelt. Eine Win-win-Situation, wenn dabei (hoffentlich) auch noch höhere Zinsen als auf der Bank herausschauen.

Dass das Ganze offenbar in Form eines verdeckten Bankgeschäfts ohne entsprechende Konzession geschehen ist und deshalb zwingend ein Einschreiten der Finanzmarktaufsicht erfordert, steht auf einem anderen Blatt. Da sind die Fronten klar.

Das sollte jetzt freilich nicht als Anlass dienen, all diese am Rand oder jenseits der Legalität daherkommenden regionalen Risikofinanzierungsmodelle – es gibt ja mehrere Dutzend davon – nach der Methode „Da könnt ja ein jeder kommen“ abzudrehen. Sondern Modelle zu entwickeln, die Risikofinanzierung für KMU – egal, ob auf Beteiligungs- oder Anleihebasis – ermöglichen, ohne dass sich gleich eine Investmentbank an einem sechshunderseitigen Emissionsprospekt goldene Nasen verdient. Die Gefahr, dass so eine Beteiligung im Totalverlust endet, weil das Unternehmen pleitemacht oder sich der Chef mit der Firmenkassa vertschüsst, ist mit „Risikofinanzierung“ ja ausreichend beschrieben. Offenbar gibt es aber genügend Kleinfinanziers, die das Risiko auf lokaler Ebene eingehen würden, weil sie die Unternehmen und die handelnden Personen zu kennen glauben.

Und, ganz nebenbei: Die wirklich großen Verluste haben Kleinanleger in den vergangenen Jahren mit von der FMA kontrollierten (und mit FMA-geprüften Börseprospekten versehenen) „Volksaktien“ wie MEL, Immofinanz oder Telekom Austria gemacht.

(c) DiePresse

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Letztere ist ein besonders krasses Beispiel, wie man einen zart aufkeimenden Aktienmarkt für Kleinanleger erfolgreich kaputt macht und Anleger nachhaltig vertreibt: Vor mehr als zehn Jahren dezidiert als „Volksaktie“ zu neun Euro pro Stück breit unters Volk gestreut, zwischenzeitig auf mehr als 20 hochgetrieben, grundelt das Papier heute unter fünf Euro herum.

Und zwar nicht nur, weil die Börsen insgesamt schwach sind und der Telekomsektor unterdurchschnittlich performt. Wie man an nebenstehender Grafik sehen kann, ist der parallel zu anderen Telekoms verlaufende Kurs im heurigen Sommer, nach dem Hochkochen der Korruptionsvorwürfe, ganz besonders abgetaucht.

Da hat sich auch Kernaktionär ÖIAG als Börsenkiller betätigt. Denn Kursmanipulation und Korruption sind unter dem offenbar schläfrigen Auge der hochkarätigen Aufseher geschehen. Ein Beweis dafür, dass auch Private mit fremdem Geld nicht anders umgehen als der Staat: Im eigenen Unternehmen hätte wohl keiner der ÖIAG-Granden solche Zustände auch nur einen Tag geduldet.


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2012)

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7 Kommentare

Fairness

Wenn einen Unternehmer für eine Anleihenemission keine Prospektpflicht treffen soll, muss diese Forderung auch für andere Emittenten - und damit für Banken gelten. Mit welcher Logik würden Sie es rechtfertigen, dass die FMA nur Banken bis ins letzte Detail kontrolliert? Natürlich kann man zurecht argumentieren, dass diese Kontrolle kein Beitrag zur Vermeidung von Finanzkrisen ist. Aber angeblich geht es um Anlegerschutz. Und wenn es diesen Anlegerschutz braucht, dann bei Nichtbanken mindestens ebenso wie bei Banken.
Möglichkeiten der Unternehmensfinanzierung hätte es für den Unternehmer im Waldviertel genug gegeben. Er hätte z. B. Kommanditisten in eine KG aufnehmen können oder eine stille Gesellschaft bilden.

Re: Fairness

Haben sie eine Ahnung was sie da vorschlagen?
Pro Eintrag eines Kommanditisen fallen derzeit glaub ich 117Euro an (Eingabegebühr+ Eintragsgebühr im Firmenbuch) und was passiert, wenn der wieder sein Geld haben will, die 400 oder so?
Da muß man viele Zinsen bekommen, bis sich das auszahlt.

Außerdem können Kommanditisten bei "ungewöhnlichen Geschäten" mitreden, was dann beim Bauen/Erweitern/ je nach Auslegung halt... irgendwann schwierig wird.

Die einzige Lösung die mir einfällt ist eine Genossenschaft, die ihr Geld in die Firma investiert.
Die muß aber dann auch Bilanz legen (=Aufwand) und wenn man nicht aufpaßt, haften die Einleger mit der doppelten Höhe.

Schöne österreichische Welt, oder?


Bankgeschäft leider nicht verstanden!

Der Autor hat die Grundtätigkeit der Banken noch nicht durchschaut. Banken nehmen Spareinlagen entgegen und vergeben sie abzüglich der Eigenkapitalreserve als Kredite an Unternehmen, Häuslbauer und Konsumenten. Die Spareinlagen sind großteils bereits bei den Unternehmen und im Falle der Abheben der gesamten Sparbücher, würde ein Bankenkollaps folgen. Die Einlagen der Banken bei der Nationalbank könnte man mit geeigneten Mittel vielleicht reduzieren.

Der Autor übersieht eine Menge an Optionen ohne Bankkredit an Einlagen zu kommen. Sowohl Unternehmensanteile, Genossenschaftsanteile, Anleihen, usw. können alle ohne oder mit wenig Bankeinfluss erworben werden. Manche Formen sind aufwendiger und teurer als andere, aber wohl nicht ohne Grund. Falls jemand eine ünnötige Vorschrift kennt, kann er Sie ja direkt benennen. (Z.B. Veröffentlichungspflicht in der Wr. Zeitung für Gesellschafter wechsel)

Das sich der Autor traut die MEL als negativ Beispiel anzuführen ist für seine Argumentation erstaunlich. Die schlechte Performance ist ja durch die Umgehungskonstruktion des österr. Aktienrechts und der Prospektpflicht massgeblich herbeigeführt worden. Weder der Prospekt, noch die fehlenden Verlautbarungen oder die Rückkäufe wären in Österreich rechtlich möglich gewesen.

Es stecken doch nur noch Deppen das Geld in Unternehmen in Ö!

Das Risiko ist doch enorm und der Standort Österreich schon lange nicht mehr interessant.

Wenn man als Unternehmer tätig wird, dann muss auch klar sein, dass bis über 50% der Wertschöpfung an die Staatlichkeit abgeliefert werden muss, den Rest müssen sich Unternehmer und Mitarbeiter irgendwie teilen. Da bleibt doch nur ein Haufen Arbeit für die Menschen im Unternehmen und meist auch nur geringe Nettoeinkommen. Fett wird nur der Staat und seine Kranke geschützten Bereiche samt deren Ruhegenießer.

Österreich wird, wegen sehr, sehr vielen Fehlentscheidungen der Regierungen, immer mehr abgewirtschaftet.

Re: Es stecken doch nur noch Deppen das Geld in Unternehmen in Ö!

Naja, ganz so ist es nicht.

1) der Arbeitnehmer hat bei seinen Abgaben schon mal die Sozialversicherung bezahlt. In den USA hat ein Arbeiter und bis zum mittleren Angestellten netto auch nicht mehr, aber der zahlt dann noch die Versicherung, und die ist sehr sehr teuer.

2) Die Abgaben, die ein Unternehmer macht, kann er durch Investionen senken und außerdem bekommt er Förderung. Förderungen in den USA gibts nur dann, wenn der Präsident mal wieder ein politische Problem hat, sonst ist nur mehr die Bank dein Freund.
Außerdem ist die Ö-Wirtschaft extrem effizient.

Es gibt viele Gründe, warum Konzerne ihre Regionszentralen in Ö haben/wollen.
Es gibt auch viele Bereiche, wo sich Österreich verbessern kann.
ZB bei den Raunzern, die es schreckt, wenn sie auf ihren zugeteilten Geld-Zettel schauen und glauben, dass ist die Welt.

Re: Es stecken doch nur noch Deppen das Geld in Unternehmen in Ö!

Ja seit 1980 wird die ehemalige Insel der Seligen demoliert,dass dumme Wahlvolk hat die Entscheidung getroffen und sich den politischen Rattenfängern hingegeben.

Wo fehlt es an Fantasie?

Die Bildung ist in Österreich darauf ausgerichtet brave Arbeitnehmer und Beamte zu produzieren.

Da kommen sehr wenige auf die Idee Unternehmer zu werden.

Den Menschen fallen viele Ausreden ein warum sie kein Unternehmer sind oder welche werden wollen.

Nicht zuletzt stehen Auflagen, Bürokratie, Abgaben, Mitgliedschaften usw. abschreckend im Weg.

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