Willkommen zur Märchenstunde

28.11.2012 | 18:13 |  Von Josef Urschitz (Die Presse)

Die Wirtschaftsbildung lässt zu wünschen übrig. So kann man den Leuten viel erzählen. Zum Beispiel, der Griechen-Schuldenschnitt sei "vom Tisch", während er schon läuft.

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Neulich haben in einer repräsentativen Umfrage – kein Witz – stolze 14 Prozent der befragten Österreicher die Meinung vertreten, eines der größeren Probleme des Landes sei, dass der „Pfusch“ zu hoch besteuert werde. Kein Wunder, dass man den Österreichern bei so viel Wirtschaftsverständnis und -wissen so manches erzählen kann.

Zum Beispiel das: Der Schuldenschnitt für Griechenland sei nach dem jüngsten Maßnahmenpaket aus Zinsstundungen, Schuldenstreckungen und Anleiherückkäufen „vom Tisch“, sagte Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny. Und Finanzministerin Maria Fekter meinte, sie könnte einem Schuldenschnitt ohnehin nicht zustimmen. Das wäre ja „Amtsmissbrauch“.

Ja, eh. So wie der Bruch der Maastricht-Verträge durch praktisch alle Eurostaaten und andere Wunderlichkeiten der kurzen Eurogeschichte.

Das ist aber nicht der Punkt. Der ist vielmehr: Der Schuldenschnitt ist längst im Gange. Und Fekter hat ihm zugestimmt. Denn natürlich sind Zinsstundungen bis St. Nimmerlein und Anleiherückkäufe nichts anderes als Schuldennachlässe zulasten der Gläubiger. Und natürlich weiß jeder, auch Fekter und Nowotny, dass das noch immer nicht reichen wird, um die griechische Staatsschuld in tragbare Dimensionen zu bringen.

Warum also baut man dann in der öffentlichen Diskussion solche Märchengebilde auf? Weil man den Leuten ohnehin alles erzählen kann und sich die so oder so fälligen negativen Auswirkungen aufs Budget damit bis hinter den nächsten Wahltermin aufschieben lassen?

Im echten Wirtschaftsleben nennt man so etwas „Konkursverschleppung“, und das ist strafrechtlich höchst relevant. In der Politik beziehen die Akteure dann, wenn die Malaise sichtbar wird, meist längst ihre Privilegienpensionen und bleiben ungeschoren.

Österreich hat beim Sand-in-die-Augen-Streuen eine gewisse Tradition. Legendär etwa die Aussage des früheren Finanzministers und Vizekanzlers Josef Pröll, die (leider notwendige) Bankenrettung nach Ausbruch der Finanzkrise werde wegen der hereinkommenden Zinsen ein Bombengeschäft für den Staat werden. Unterdessen wissen wir ja, was ein „Bombengeschäft“ ist: Bisher steht das Bankenpaket netto (abzüglich eingenommener Zinsen) mit 2,4 Mrd. Euro im Minus. Und ein paar Milliarden an „Miesen“ werden wohl noch dazukommen.

Weil wir gerade bei den Banken sind: Heute noch erzählen uns Politiker und Banker gern die „Erfolgsstory“ Osteuropa. Nicht so gern sagen sie dazu, dass im Krisenjahr 2009 nur ein massives finanzielles Eingreifen (unter äußerst konstruktiver Mithilfe der heimischen Banken, das muss man schon sagen) des IWF und der EU-Finanzinstitutionen in die „Erfolgsstory“ Osteuropa verhindert hat, dass Österreich lange vor Griechenland der erste große Sanierungsfall in der Eurozone wird.

Die Öffentlichkeit kratzt das aber nicht. Die lässt sich lieber von Johanna „Her mit dem Zaster“ Mikl-Leitner erzählen, dass ein schwer verschuldetes Land, das mit seinen laufenden Einnahmen seit nunmehr 42 Jahren nicht mehr auskommt, plötzlich „Spielraum“ für eine unsinnige Erhöhung der Kfz-Pauschale um 100 Millionen Euro hat, weil durch sprudelnde Steuereinnahmen von aufgenommenen Krediten etwas „übrig bleibt“.

 

Bravo. Und keinen juckt es. Dass von neuen politischen Bewegungen frischer Wind kommt, ist leider nicht zu erwarten. Dazu hat der alte Frank beim Abgeordneten-Einkauf zu sehr gespart, wie der jüngste TV-Auftritt seines Klubchefs („Jedem Land sein eigener Euro“) bewiesen hat.

Bleibt nur an die Unterrichtsministerin zu appellieren, bei den angepeilten Reformen auch ein bisschen an Wirtschaftsbildung zu denken. Natürlich in der richtigen Prioritätenreihung. Vorrang hat, wie man an der laufenden Diskussion um die neue Sexualkundebroschüre des Ministeriums sieht, klarerweise die Herstellung gesellschaftlichen Konsenses in der Frage, wer wem wann wohin greifen darf. Aber wenn das geklärt ist, sollte man vielleicht daran denken: Mündige Staatsbürger brauchen heutzutage ein Mindestmaß an Wirtschaftswissen und -verständnis. Damit man ihnen, die den Spaß schließlich zahlen, nicht alles erzählen kann.

Übrigens, um die Eingangsfrage zu klären: Griechische Staatsanleihen notieren auf dem Markt derzeit so zwischen 15 und 40. Wenn man den Griechen den Rückkauf zum Marktwert ermöglicht, entspricht das einem Schuldenschnitt (vorerst auf Pump wieder einmal von Privaten, aber die Schur der Staatsgläubiger kommt schon noch) zwischen 60 und 85 Prozent. Oder irre ich mich da? Und was genau ist da jetzt „vom Tisch“?


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2012)

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40 Kommentare
 
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Ich hätte da noch ein paar Gustostückerln:

"Banken verleihen das Geld der Sparer."

"Die Schulden können zurück bezahlt werden."

"Lass dein Geld für dich arbeiten."

"Nur Wachstum kann uns aus der Krise führen."

"Wir müssen wettbewerbsfähiger werden."

"Geht's der Wirtschaft gut, geht's uns allen gut!"

"Die Preise werden durch Angebot und Nachfrage bestimmt."

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aber

der Schuldenschnitt IST vom Tisch,jedoch nicht der SchuldenERLASS.

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"Ja eh ..."

Das ist mE. nicht nur Amtsmissbrauch sonderen schwerer Amtsmissbrauch. nach 302 Abs. 2 StGB
"Wer die Tat bei der Führung eines Amtsgeschäfts mit einer fremden Macht oder einer über- oder zwischenstaatlichen Einrichtung geht, ..."
Ein bis zehn Jahre, Frau Fekter und Herr Faymann!

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Euro Märchen aus erster Hand!

Folder der Europäischen Kommission: "Der Euro bringt uns allen Vorteile" (5,21 MB)

http://ec.europa.eu/economy_finance/general/pdf/how_the_euro_benefits_us_all_de.pdf

Beachten Sie das Erstellungsdatum 2007!

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Grandios Herr Urschitz!

Was aber noch dazu kommt, ist die anscheinend fehlende Menschenkenntnis.

Wenn man die Worte Fekters zum Beispiel hört, so weiss man sofort, dass sie nicht mal selber daran glaubt was aus ihrem Mund kommt.

Solange wir, das Hirn an der Gardarobe abgeben, alles und allen glauben, haben genau die falschen Personen leichtes Spiel.

Guter Artikel

Es ist nicht alltäglich, dass man in österreichischen Medien krtitische Worte über die Regierenden liest.
Doch über eines müssen wir uns auch in Klaren sein, die Politiker fürchten nichts mehr als ein denkendes Volk.

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Re: Guter Artikel

aber leider fehlt das denkende Volk bei Wahlen.

Was soll daran falsch sein, wenn man Alternativen zum Euro sucht?

Danke für die klaren Worte.


Re: Was soll daran falsch sein, wenn man Alternativen zum Euro sucht?

Danke für die ansonsten klaren Worte.

Wirtschaftsverständnis der Bevölkerung?

Wozu bitte?
Hausverstand und Logik genügen vollends.
Griechenland...
- hat die EU schon seit Jahrzehnten belogen.
- hat eine ausufernde Korruption
Es ist keine wirkliche Besserung in Sicht.
--- Welche Privatperson würde so einem Land noch weiteres Geld borgen??---
Also bitte nicht auf die wirtschaftliche Bildung der Bevölkerung ausreden.

Das ist schlichte DUMMHEIT.

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Re: Wirtschaftsverständnis der Bevölkerung?

Der EU ist doch selbst bezüglich Wirtschaftsverständnis der Bevölkerung sehr engagiert und steckt Unsummen in Bildung und Aufklärung, gerade zum Thema Währungsunion.
Beispiel gefällig?
(Ist kein Fake!!!)

http://www.captaineuro.com/

Super Artikel!

Müsste jetzt nur noch die Krone nachdrucken, damit es auch in Restösterreich ankommt.

So ist es.

Das ist eine exzellente Analyse von Herrn Urschitz.

Und auch gestern Abend konnte man sich in einer TV-Diskussion Herrn Schulmeister ansehen, wie er von den unglaublichen österreichischen Erfolgen in Osteuropa schwadronierte. Unerträglich.

Und eigentlich fast schon witzig, wenn man zuvor im Mittagsjournal das Interview mit Herrn Stepic gehört hat.

danke!

dieser artikel spricht mir aus der seele.

da wirft urschitz mit vorwürfen wirtschaftlicher natur um sich.

doch selbst macht er einen fehler, der selbst einem wirtschaftlichen anfänger nicht unterlaufen würde:
er vergisst völlig auf die 'opportunitätskosten'.
JEDER greisler kalkuliert nicht nur, wieviel ihm das anbieten eines produktes kostet (und wieviel er daher aufs preisschild schreiben muss), sondern er kalkuliert auch, was ihm das NICHT-anbieten dieses produkts kostet. an marktanteilen, an kundenvertrauen usw.

wo sind diese absätze, in denen uns urschitz vorrechnet, was eine NICHT-griechenland hilfe kosten würde? man lässt sie als schreiberling, der eh für nichts verantwortlich und zuständig ist als für stimmungsmache, generös unter den tisch fallen. die versammelten eu-hasser werden es mit lautem gebrüll zu feiern wissen.

zu kompliziert, herr urschitz?
dann ganz einfach, per geschichte:
praktisch ALLE volkswirtschafter stimmen darin überein, dass eine lehman-rettung und damit ein hinauszögern der großen krise viel, viel weniger schaden angerichtet hätte als die 3000 milliarden, die es geworden sind!

sie irren auch in ihrem juristischen terminus: es handelt sich nicht um konkursverschleppung sondern es handelt sich um eine kontrollierte konkursabwicklung (als gegensatz zur lehman-methode). JEDER masseverwalter wird ihnen bestätigen, dass diese methode für alle beteiligten von großem vorteil ist. sie sollten mal einen ausfindig machen und ihn fragen!

fazit: eine billige polemik. statt auf den meinungsseiten mitten im wirtschaftsteil. sehr qualitätsvoll!

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dass eine lehman-rettung und damit ein hinauszögern der großen krise viel, viel weniger schaden angerichtet hätte als die 3000 milliarden, die es geworden sind

"Hinauszögern der großen Krise"!

Also statt gleich 3000 Milliarden, zwei Jahre später dann 6000 Milliarden + der Kosten fürs "Hinauszögern der großen Krise". Ist es das was ALLE VOLKSWIRTSCHAFTLER sagen????

Re: da wirft urschitz mit vorwürfen wirtschaftlicher natur um sich.

ein geschäftsmann lässt sich auf solche geschäfte gar nicht ein.
und würde nie auf die idee kommen kunden die kein geld haben waren zu liefern, und wenn sie die wie erwartet nicht bezahlen können, ihnen sogar noch einen kredit zu geben ...

wer sind übrigens ALLE Volkswirtschaftler ? .. herr dr. dr faymann, frau dr dr rudas :-)

Re: Re: da wirft urschitz mit vorwürfen wirtschaftlicher natur um sich.

"ein geschäftsmann lässt sich auf solche geschäfte gar nicht ein."
tatsächlich?
und warum gibt es dann zahlungsausfälle, inkassofirmen usw?

Re: Re: Re: da wirft urschitz mit vorwürfen wirtschaftlicher natur um sich.

wie frau dr dr rudas so schön gesagt hat : es gibt gute und es gibt böse steuern ..
und so gibt es halt auch fähige und unfähige geschäftsleute, genauso wie es fähige und unfähige politiker gibt ..
die uns das eingebrockt haben, das sind halt die unfähigen politiker und drum gehören sie abgewählt ...

Re: Re: da wirft urschitz mit vorwürfen wirtschaftlicher natur um sich.

"..ein geschäftsmann lässt sich auf solche geschäfte gar nicht ein."

Genau. Und der beste "Beweis" dafür sind die Subprime-Hypotheken, welche die US-Banken an finanzschwache Kunden, teilweise ohne Besicherung, vergeben haben und damit, auch wenn "Die Presse" das gerne anders sehen würde, die Finanzkrise mitausgelöst haben.

Sie dürften wenig Ahnung haben von kaufmännischen Dingen; sonst würden Sie solch einen Unsinn nicht behaupten. JEDER Kaufmann führt auch solche Waren in seinem Sortiment, an denen er wenig bis gar nichts verdient aber die ihm ein Image bringen.

Re: Re: Re: da wirft urschitz mit vorwürfen wirtschaftlicher natur um sich.

...sagt gütenand der fertige :-):-)

aha "Oportunitätskosten"

Die hohen Opportunitätskosten der "Griechenlandrettung" haben wir schon am Tisch: Ein ökonomisch schwaches Land in Geiselhaft des Euro.
Beim Drachme hätte es abgewertet, wäre durch hohe Importpreise zum Sparen verdammt gewesen, und hätte neu durchstarten können. Jetzt hängt es an der Leine.

Re: da wirft urschitz mit vorwürfen wirtschaftlicher natur um sich.

Lieber Herr Keinstein,
Wenn Sie schreiben GR befände sich in "kontrollierter Konkursabwicklung" meinen Sie was genau?
- dass man sich nicht eingesteht, dass man zahlungsunfähig ist
- dass man weiter- misswirtschaftet wie bisher
- dass man keine Chance sieht das Sanierungsverfahren positiv zu überstehen
- dass man an einer Währung festhält, die man sich nicht leisten kann
- dass man bei Verbleib im Euro auch für die nächsten 10 Jahre Gehälter senken müsste, bis man endlich wettbewerbsfähig wird

Was ist daran also "kontrolliert"?

Warum glauben alle Österreicher diese Märchen?

Vielleicht weil alle Lehrer in Österreich wirklich nur zwanzig Stunden pro Woche arbeiten und drei Monate Ferien haben. Statt sich jede Woche während der Freistunden weiter zu bilden und gut auf den Unterricht vorzubereiten, überlegen sie nur wie sie ihre "freien Tage"bestens anlegen!
Dann wird es notwendig, dass Eltern mit zwei Kinder, wenn eines noch in die Volksschule geht und das zweite schon in eine höhere Schule, jeder Elternteil eine Hälfte der Woche seine Arbeit unterbrechen muss. Denn es ist in einem Wiener Bezirk nicht möglich, die Frei -tage für alle Schulen einheitlich fest zu legen!!!

Wirt --- Schaft

Die Wirtschaft im Rahmen einer Bedürfnisbefriedigung ist Utopie. Tatsächlich ist Wirtschaft ja mittlerweile Politik und Spionagewesen in Einem.
Zur Zeit wird Europa in eine Krise gewirtschaftet. Wem hilfts ... ? ZB Goldmann-Sachs haben sich in Griechenland noch schnell alles gesichert was Geld abwirft. Und nun .... wie soll der Staat Geld machen wenn alles was VIEL Geld bringt, in Goldmann´s Händen ist.
Und egal wie viele Gelder wir da runter schicken, es ist einfach nicht vorgesehen dass Griechenland sich erholt. Die Bürger Europa´s sollen ruhig zittern und bangen...und vor ALLEM,..nicht wissen was Sache ist.... Ein panisches, ängstliches Volk lässt sich leichter steuern. --- Ich weiß, nun wird mir wahrscheinlich wieder vorgeworfen, dass ich schwarzmale oder zuviel an Intrigiererei glaube..

Es

ist mit Sicherheit gewollt. Die Regierungshirnederln wollen, daß ganz Europa gleich wird. Dafür offern Sie bewußt unseren erarbeiteten Wohlstand. Die Goldmann- Sachs Leute helfen denen dabei, weil bei diesen Machenschaften für die Banken viel Geld herausspringt. Sogar soziale Unruhen werden in Kauf genommen. Wir können uns nur wehren, wenn diese Brut so schnell wie möglich abgewählt wird. Die Grazer haben damit begonnen. Rot, Schwarz und Grün, sind die Schuldigen.

 
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