ÖBB: Über die Gestaltbarkeit von Bilanzen

01.05.2013 | 18:16 |  von Josef Urschitz (Die Presse)

Die Gewinnbilanz der ÖBB sagt wenig über den wahren Zustand der Bahn und viel über die Gestaltbarkeit von Bilanzen aus. Betriebswirtschaftliche Ansätze sind da, aber der politische Sanierungswille fehlt.

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Beginnen wir mit der guten Nachricht: Verglichen mit seinen Vorgängern macht ÖBB-Chef Christian Kern seine Sache nicht so schlecht. Er hat hervorragende Drähte in die Politik, er hat es verstanden, sich mit der eigenwilligen Eisenbahnergewerkschaft halbwegs zu arrangieren, er nimmt verdammt oft das Wort „Betriebswirtschaft“ in den Mund, ohne dafür ständig als neoliberaler Eisenbahnerschreck verunglimpft zu werden. Er benutzt das Wort „Betriebswirtschaft“ auch nicht nur als leere Hülse, wie er bei der Schließung defizitärer Holzverladeterminals bewiesen hat. Und dass es, etwa auf der Westbahn, deutliche Verbesserungen in der Qualität des Personenverkehrsangebots gegeben hat, wird ja wohl auch keiner bestreiten, der zumindest gelegentlich mit der Bahn fährt.

Kurz und gut: Wären die ÖBB ein normales Unternehmen, dann würde Kern durchaus als Sanierer durchgehen. Die Bahn ist aber kein normales Unternehmen. Sondern immer noch ein gewerkschaftsdominierter Konzern, bei dem auch das Infrastrukturministerium (no na, ist ja der „Eigentümer“) und die Länder mitpfuschen. Also unführbar und in dieser Form nicht wirklich sanierbar.

Dieses Unternehmen hat wieder einmal Bilanz gelegt und dabei offengelegt, dass die Holding und alle drei Teilkonzerne (Personenverkehr, Rail Cargo, Infrastruktur) schöne Gewinne erwirtschaften. Erwirtschaften ist vielleicht nicht das passende Wort, sagen wir: ausweisen.

Erstaunlich, nicht? Heißt das etwa, dass damit das Ende der Milliardenzuschüsse gekommen ist, die ein hoch profitabler Konzern ja wohl nicht mehr braucht? Tja...

Sagen wir es so: Im Geschäftsbericht ist viel von Kennzahlen wie EBT (Earnings Before Taxes) die Rede. Zyniker vermuten freilich eher, dass es sich dabei eher um die berühmten Kennzahlen EBC (Earnings Before Costs) beziehungsweise EBE (Earnings Before Everything) handeln könnte.

Wir wollen hier natürlich nicht die Akkuratesse der ÖBB-Bilanz anzweifeln. Die ist von Ernst & Young geprüft und rechtlich mit Sicherheit wasserdicht. Möglicherweise sagt sie aber weniger über die Lage der ÖBB aus als mehr über die Gestaltbarkeit von Bilanzen. Um das festzustellen, greifen wir zwei markante Daten heraus: Der auf dem Markt erzielte Umsatz wird mit 2,66 Mrd. Euro angegeben. Die Personalkosten mit 2,36 Mrd. Euro. Ein kapitalintensives Unternehmen, in dem die Personalkosten 89 Prozent des echten Umsatzes auffressen, macht Gewinn? Wem kann man denn so etwas erzählen?

Der Sache näher kommen wir, wenn wir, wie das in der Bilanz geschieht, die staatlichen Zuwendungen zum Umsatz zählen. Das sind dann 5,24 Mrd. Euro. Und wenn wir das Ganze noch genauer aufschlüsseln, sehen wir, dass der Marktumsatz im Vorjahr um drei Prozent gesunken ist, die Zahlungen der öffentlichen Hand aber gestiegen sind, sodass der Anteil der auf dem Markt erzielten Umsätze von 53 auf 51 Prozent zurückgegangen ist.

Anders gesagt: Der Holding-Gewinn ist um 94 Mio. Euro gestiegen, die Zuwendungen von Bund und Ländern dagegen um 149 Millionen. Für den „Gewinn“ hat somit die öffentliche Hand gesorgt. Auch bei den Teilkonzernen wurde getrickst: Der Gewinn der Rail Cargo kam etwa durch den Verkauf von Waggons an eine eigene Tochtergesellschaft und von Verschublokomotiven an die „Schwester“ Infrastruktur zustande. Letzteres könnte man auch als Verschiebung von Subventionen aus der gut subventionierten Infrastruktur in die weniger gut subventionierte Rail Cargo sehen.

Natürlich sind die öffentlichen Zuwendungen nicht nur Subventionen, sondern vielfach „bestellte Verkehrsleistungen“, wie etwa jene rund 350 Mio. Euro, die Bundesländer dafür bezahlen, dass die ÖBB weiter vom Publikum gemiedene und deshalb unrentable Nebenlinien betreiben. Ganz nebenbei ein ökologisches Desaster: Hier werden vielfach Steuermillionen dafür ausgegeben, dass Dieselmotoren hundert und mehr Tonnen Stahl bewegen, um vier, fünf Passagiere von A nach B zu befördern. Das ist natürlich auch eine Subvention, aber eine, die man den ÖBB und Herrn Kern nicht anlasten kann. Die wollten die unrentablen Linien ja zusperren. Aber so läuft das eben.

Kurz und gut: Das „System Bahn“ wird in Österreich mit jährlich insgesamt annähernd sechs Milliarden Euro an öffentlichem Geld am Leben erhalten, wovon rund eineinhalb Milliarden als direkte Subventionen und die restlichen Euronen für dies und jenes fließen. Dazu hat sie noch einen Schuldenrucksack umgehängt, der bald 30 Milliarden ausmachen und vom Unternehmen nie auch nur ansatzweise bedienbar sein wird.

 

So ein Konglomerat lässt sich weder führen noch sanieren. Vernünftig wäre ja eine Dreiteilung: Die Infrastruktur gehört mitsamt ihren Schulden zum Staat. Der hat, wie bei der Straße, für deren erstklassigen Zustand zu sorgen. Und darauf können sich dann zwei erschlankte, von öffentlichen Zwängen befreite Bahnen (eine für Güter, eine für Personenverkehr) mit der bald auftretenden privaten Konkurrenz messen. Das gilt hierzulande aber als „neoliberal“ und ist deshalb auf lange Zeit unrealistisch. Die Bahn wird ihre Erfolge also weiter weitgehend aus Kreativbilanzierung beziehen müssen.

Herrn Kern werden politische Ambitionen nachgesagt. Angesichts solcher Aussichten wäre es wohl besser, diese zu realisieren. Denn bei der Bahn fehlt es am politischen Willen zur Sanierung. Und ohne diesen wird das nichts.


E-Mails : josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2013)

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76 Kommentare
 
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Qualitätsmedium?

das ein derart ahnungsloser Schmierfink wie dieser hier eine Bühne geboten bekommt deutet nicht auf ein qualitätsmedium hin.

Re: Qualitätsmedium?

Wohl eher Lokführer als Schilehrer ...

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Re: Qualitätsmedium?

Der Artikel ist gut, sehr gut.

Eisenbahner leben auf einem andernPlaneten. Wir brauchen sie nicht mehr hinauf zu schießen.

ÖBB abstellen und die Eisenbahner weiterzahlen ... aber ohne Zulagen!

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Re: Qualitätsmedium?

Bei d e r Rechtschreibung meinen Sie wohl sich selbst?

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Warum bezahle ich den Haufen mit meinem sauer verdienten Moneten?

Achja, damits der SPÖ gut geht, weiss schon wieder!!

9 0

Einer der besten Artikel seit langem

Gratulation

Bitte endlich privatisieren!

Bitte endlich ÖBB und ORF privatisieren! Vielleicht gibt es dann entsprechende Leistungen - s. Westbahn. Und für die vielen jungen Persionisten mit ihren "wohlerworbenen Rechten" zahlen wir ohnehin.

Re: Bitte endlich privatisieren!

Was dann mit den Leistungen und vor allem den Preisen der Bahn passiert, sieht man ja perfekt am Beispiel UK.

Nein, danke.

2 1

Ahnungslos

Ganz genau, bei den Briten hat sich Service verbessert und Preise sind gesunken. Da fährt man zwar zu Stoßzeiteen relativ teuer, dafür stellt sich ein niedriger Preis bei Zeiten geringer Nachfrage ein.

Tja, kleine (und zwar nur private) Einheiten sind halt immer flexibler und effektiver.

Tja, keine Ahnung haben aber jeden Blödsinn nachplappern. Sozenkotz!

Neosozialistisch

Bis auf weitere Steuerpläne haben die österreichischen Sozialisten wirtschaftspolitisch nichts zu bieten. Wo ist das vielbeschworene Wachstumskonzept?
Bleibt zu hoffen, dass den anderen EU-Staaten mehr dazu einfällt.

Simsalabim! 6 Milliarden!

Lieber Herr Urschitz!
Ihre Ausführungen erscheinen einigermaßen plausibel bis zum drittletzten Absatz. Bis dahin halten wir noch bei 5,24 Umsatzmilliarden von denen laut Ihrer Aussage 49%, also ca. 2,6 Milliarden, letztlich vom Steuerzahler kommen. Dann gehts "Simsalabim" und plötzlich sind es ohne weitere Erklärung mehr als das Doppelte, nämlich "annähernd 6 Milliarden an öffentlichen Geldern", die ins System Bahn fließen. Wo die weiteren 3,4 Milliarden herkommen sollen, bleibt schleierhaft. Klingt jedenfalls nicht allzu überzeugend!?

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Re: Simsalabim! 6 Milliarden!

Die ersten 2,6 Milliarden scheinen vom Bund zu stammen, und zwar als direkte Subventionen. Daneben gibt es Zuwendungen der Länder sowie anscheinen weitere, indirekte, Subventionen (die Urschitz genauer hätte ausführen sollen).

Re: Simsalabim! 6 Milliarden!

ohne die bilanz zu kennen, tippe ich auf eine forderung die aktiviert wird wie etwa den ersatz für die schülerfreifahrt und sonstige Sozialtarife. Dann wäre das ganze wieder nachvollziehbar.
sind an sich keine tricks nur gute bilanzierung, wozu nutzt die oebb eine gute beratung?

Ein kapitalintensives Unternehmen, in dem die Personalkosten 89 Prozent des echten Umsatzes auffressen, macht Gewinn?


... mit Verlaub, die Krux ist hier wie dort (Schule!) das Brechen der Gewerkschaft !

Gewerkschaften in Österreich haben den Spieß längst umgedreht und sind mit ihren Mitgliedern längst die heimlichen Fürsten, für die die Allgemeinheit zur Kasse gebeten wird - eine Schande für den Gewerkschaftsstand eigentlich.

Solange Gewerkschaften gegen das allgemeine Wohl der Gesellschaft agieren, haben sie ihre Existenzberechtigung verloren und müssten leider und Wohl oder Übel entmachtet werden, um endlich substantielle Reformen möglich zu machen!

Re: Ein kapitalintensives Unternehmen, in dem die Personalkosten 89 Prozent des echten Umsatzes auffressen, macht Gewinn?

bestes beispiel lehrergewerkschaft. da sind wir in allen möglichen internationalen rankings schlusslicht oder ganz ganz weit hinten, aber die gewerkschaftler wollen den desaströsen status quo einzementieren und jedwede bitter notwendige reform verhindern. mit verheerenden langfristigen auswirkungen für die allgemeinheit :-(

Aufschlüsselung der Zuschüsse erwünscht

Im Artikel ist von insgesamt 6 Mrd. Euro an Zuschüssen an die ÖBB die Rede. Interessant wäre eine Aufschlüsselung dieser Zuschüsse. Es wird einzig von 1.5 Mrd. Euro an "direkten Zuschüssen" geredet. Was beinhaltet der Rest von 4.5 Mrd. Euro?

Großartige Leistung

eines Gewerkschaftlich geführten Unternehmens wenn ein Plus am Ende steht.
Bedenkt man Konsum, AUA, ... ist es fast unglaublich.

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Re: Großartige Leistung

Großartige Leistung - des Bilanzierungsteams.

Naiv

Lernen Sie Bilanzlesen.

Re: Großartige Leistung

Sie haben vergessen, 'Sarkasmus on' zu schreiben ...

ad zubringer("neben")bahnen

1)einzig rentable ö-bahn:zillertal+liliput(=neben+schmalspur!)
2)schliesse ich eine zubringerstrecke,verliere ich 90%der fahrgäste und100% der güter-letztere zb.ab hamburg(hafen),erstere meist bis/ab wien...
3)in den letzten 20 jahren wurde das öbb-netz halbiert und der bundeszuschuss verd..
4)seitdem "züge des regionalverkehrs"nur noch mit netzkarte benützbar sind,sinken die eigenen erträge(wegfall z.b.ausflügler durch SB-abzocke:die fehlen dann auch der hauptbahn!!!)

Alles Lug und Trug, alles Schimäre !

Die Bahn ist kaputt und mausetot- zumindest als wirtschaftliches Unternehmen !

wer soviele worte über KOSTEN verliert,

muss auch ein paar worte zum NUTZEN und zu VERGLEICHEN übrig haben.

zuerst zu den nutzen: es ist wohl ausser diskussion, dass ein land ein öffentliches transportsystem BRAUCHT! man muss sich ja nur die situation vorstellen, wenn alle güter und passagiere statt der bahn auf der straße unterwegs wären --> eine verkehrshölle mit x-spurigen highways quer durch stadt und land, da braucht man nicht viel phantasie..

nun zum vergleich.
die oft hochgelobte schweizer bahn macht gewinn. sie betreibt aber nur die rentablen bahnstrecken, die schwer defizitäreen nebenbahnen werden von den kantonen erhalten. doch die sbb schreibt laut ihrem chef nur deshalb schwarze zahlen, weil der staat für die ERHALTUNG (nicht neubau!) der strecken zwei drittel der kosten beisteuert.

öffentliche verkehrsträger sind unverzichtbar.
sie kosten. hier wie anderswo mehr als sie erwirtschaften.
es gibt keine alternative.

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Re: wer soviele worte über KOSTEN verliert,

Aber die meisten Güter s i n d doch schon auf der Straße unterwegs - und der Staat will 65 Milliarden für Neubau ausgeben?

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Re: wer soviele worte über KOSTEN verliert,

Ein anderer Vergleich: die Bahnen in den USA sind privat, machen Gewinne und beim Modalsplit beim Güterverkehr schneiden sie signifikant besser ab als die hoch subventionierten europäischen Bahnen.
Die BNSF als eine der größten Bahngesellschaften weltweit hat im übrigen nur unwesentlich mehr Mitarbeiter (40.000) als die ÖBB - was vielleicht einiges erklärt.
Ganz offensichtlich gibt es doch Alternativen, man muß sie bloß wahrnehmen wollen.

Re: wer soviele worte über KOSTEN verliert,

ich gebe Ihnen Recht. Öffentliche verkehrsträger sind unverzichtbar.
Der Steuerzahler darf jedoch erwarten, dass die eingesetzten Mittel sinnvoll eingesetzt werden. Pensionsprivilegien gehören nicht dazu.

 
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