26.05.2012 22:08 | Meine Presse Merkliste 0

Schule der Machtbesessenheit

08.09.2010 | 18:59 |  Von Josef Urschitz (Die Presse)

Die überfällige (und von Experten in den Grundzügen längst ausgearbeitete) gesamtstaatliche Verwaltungsreform, die dem notleidenden Budget insgesamt einige Milliarden Euro bringen könnte, kommt definitiv nicht.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wer die Schulreformdiskussion der vergangenen Tage mitverfolgt hat, dem ist ein Stück österreichischer Realverfassung ins Haus geliefert worden: Es geht nicht um effiziente Strukturen oder gar um pädagogische Inhalte, es geht um Machtspiele zwischen Bund und Ländern, um üppige Biotope zur Versorgung von Parteigünstlingen, um pfauenhafte Selbstdarstellung von Landeshäuptlingen.

Wer sich das angesehen hat, weiß jetzt: Die überfällige (und von Experten in den Grundzügen längst ausgearbeitete) gesamtstaatliche Verwaltungsreform, die dem notleidenden Budget insgesamt einige Milliarden Euro bringen könnte, kommt definitiv nicht. Jedenfalls nicht, so lange die Geldverbrennungsmaschinen namens Bundesländer machttechnisch nicht auf ein vernünftiges Maß zurückgestutzt sind.

Nach dieser Einleitung sehen Sie sich jetzt bitte die Grafik an. Das ist nicht, wie Sie vielleicht glauben, ein Exponat aus einem Wettbewerb in therapeutischem Malen aus der früheren „Landesnervenheilanstalt“ Gugging, sondern eine (stark vereinfachte!!) Darstellung der Kompetenzflüsse im Schulbereich.

Alles klar? Wissen Sie jetzt, wieso die OECD Österreich gerade erst vorgestern wieder attestiert hat, eines der teuersten Schulsysteme dieses Globus zu haben, das aber nur sehr mittelprächtige Ergebnisse liefert? Jedes Unternehmen, das so organisiert wäre, fände sich jedenfalls binnen Jahresfrist vor dem strengen Konkursrichter wieder.

Natürlich ist das alles nichts Neues. Schon im Vorjahr haben Wifo, IHS und Rechnungshof die Defizite in der Schulverwaltung aufgezeigt und Lösungsvorschläge vorgelegt. Die Kernaussagen: Die Schulverwaltung aus dem Jahr 1962 sei „nicht mehr zeitgemäß“, den hohen Ausgaben stünden „durchschnittliche Erfolge“ gegenüber, die Kompetenzverteilung sei zu komplex und es gebe „fehlende Übereinstimmung von Ausgaben-, Aufgaben- und Finanzierungsverantwortlichkeit“. Im Klartext: Wenn der Bund zahlt und die Länder ausgeben, dann wird das nichts. Außerdem gebe es Doppelgleisigkeiten in der Verwaltung und fehlende Autonomie der Schulen selbst.

 

Daraus wurde ein dreistufiges Reformmodell abgeleitet, das in obiger Grafik links dargestellt ist: Klar gegliedert, klar umrissene Verantwortlichkeiten, klar definierte Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle durch übergeordnetes Monitoring. Die Schulen selbst würden in diesem Modell mit Globalbudgets ausgestattet, Budgetverantwortung würden die Direktoren übernehmen. Ihnen würde auch Personalhoheit übertragen, womit sie echte, wirtschaftlich und pädagogisch ergebnisverantwortliche Schulmanager wären. Und nicht, wie jetzt, bloße Administratoren am Gängelband von parteipolitisch ausgewählten Schulinspektoren und Personalvertretern.

Das Modell würde laut Rechnungshof eine Milliarde Euro (von rund neun, die der Bund für die Schulen ausgibt) einsparen. Nur durch Effizienzsteigerungen, ohne dass beispielsweise die Zahl der Lehrer verringert würde. Diese Milliarde könnte man – bei Bildung soll man ja nicht sparen – etwa für die bessere Ausstattung der Schulen, für Fortbildung, für die Hebung der pädagogischen Qualität ausgeben.

Das klingt bestechend. Hat aber so gut wie keine Chance auf Verwirklichung. Denn das Modell geht davon aus, dass die Schulkompetenzen komplett beim Bund konzentriert werden, dass die Länderorganisationen (zweite Stufe im Modell) möglichst als weisungsfreie Bundesbehörde organisiert werden und dass der personelle „Durchgriff“ parteipolitisch besetzter „Räte“ und „Inspektorate“ auf die Schulen selbst vorbei wäre. Also das exakte Gegenteil der Vorstellungen der Landeshauptleute.

Mit anderen Worten: Parteien und Bundesländer würden den „Grip“ auf das total durchpolitisierte Schulwesen verlieren. Und der Abbau von Mehrgleisigkeiten würde eine Reihe von Verwaltungsjobs (etwa in den Landesschulräten) kosten. Deren Fehlen würde niemandem auffallen – außer den Parteisekretariaten. Das ist leider der springende Punkt.

Der Riss ist freilich kein ideologischer: Das von den schwarzen und roten Bundesländern massiv bekämpfte Rechnungshof-Modell wird intensiv von der Wirtschaftskammer und dem Managementclub (einer Vorfeldorganisation des ÖVP-Wirtschaftsbundes) gepusht. Es geht also nicht um Rot gegen Schwarz, sondern um Vernunft gegen Länder-Macht. Wie das in Österreich auszugehen pflegt, kann man sich leider unschwer vorstellen.

(c) Wirtschaftskammer, Rechnungshof

vergrößern


josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

11 Kommentare
periskop
09.09.2010 17:44
1 0

Die Absurdität des österreichischen Bundesverfassungsgesetzes wird immer offensichtlicher!

Dass ein Staat mit weniger Einwohnern als Bayern sich neben der Bundesregierung noch neun Landesregierungen, die insgesamt stärker sind, als der Bund, leistet, wird immer untragbarer!
Jetzt, wo Sparen für den Staat überlebensnotwendig ist, zeigt sich, dass die Bundesländer niemals dazu gezwungen werden können und selbst nicht die geringste Lust dazu haben!
Alle Lehrer zu den Ländern bedeutet nichts anderes, als dass dort noch weitere unnötige Ämter für Politfreunde geschaffen werden, und dass der Bund so wie immer beim Finanzausgleich gezwungen werden kann, alle diese Verschwendung zu bezahlen!
In guten Zeiten ist das ja noch einigermaßen gut gegangen, wenn uns der Schuldenberg aber schon zu ersticken droht, ist das unverantwortlich und gefährlich!


guste
09.09.2010 17:43
1 0

aufruf zum verwaltungsreformvolksbegehren

seit jahren wird über die notwendigkeit einer verwaltungsreform erfolglos berichtet. ist unsere demokratie so schwach, um diese machtbesessenen politiker zur vernuft zu bringen? es ist ja sehr schön, wenn leute wie herr urschitz usw seit jahren, fast täglich, über die notwendigkeit einer reform hinweisen, wenn die betroffenen alles ignorieren. aufzeigen und jammern bringt nichts. jene persönlichkeiten wie fiedler, raidl, androsch usw. usw. sind zusammen mit den medien aufgerufen ein diesbezügliches volksbegehren einzuleiten. was 1964 mit dem rundfunksvolksbegehren gelungen ist, müßte doch auch 2010 gelingen. wo bleibt die initiative dieser persönlichkeiten?

Gast: the truth
09.09.2010 15:25
0 0

Die Macht geht (indirekt) vom Volke aus

Nur was nutzt es wenn das "gemeine" Volk nicht von den Politikern vertreten wird nur noch Einflüsterer und eigene Ansprüche priorisiert werden und diese dann als "volonté generale" verkauft werden?

Guter Beitrag auf der Süddeutschen - passend für die meisten unserer Politiker:

http://sueddeutsche.de/politik/gespraech-mit-hildegard-hamm-bruecher-zu-viele-politiker-sind-anti-vorbilder-1.996339

Merlin
09.09.2010 10:11
1 0

Schizo

Wir bejammern etwas, was wir selbst verursachen und am Leben erhalten.

Antworten Stachel
09.09.2010 19:44
0 0

Kennen Sie eine wählbare Alternative?

Dann nennen Sie sie. M.M. nach gibt es derzeit keine Partei, die das Wohl des Volkes vor das ihrer Mandatare = bei den Regierern Helfershelfer der Oligarchen (Regierung, Landesfürsten) , bei der Opposition die geld-und einflußgeilen "Volksvertreter" setzt.

0 0

das hat man wenn man von einem studienabbrecher und einem bauernsohn regiert wird!!!

die traurige geschichte eines kleinen unbedeutenden landes mitten europas!

Antworten Entropix
09.09.2010 10:34
1 0

Re: das hat man wenn man von einem studienabbrecher und einem bauernsohn regiert wird!!!

Sie haben das Problem ganz offensichtlich nicht verstanden: Es ist völlig egal, welche "Farbe" Sie wählen, alle "Berufspolitiker" sind nur auf die Sicherung ihrer Pfründe aus, das sogenannte "Staatswohl" ist nichts als eine schöne Floskel ;-)

Antworten Antworten Entropix
09.09.2010 13:11
0 0

Re: Re: das hat man wenn man von einem studienabbrecher und einem bauernsohn regiert wird!!!

pardon, das "nicht" ist aus Versehen in meinen Kommentar gerutscht!

Gast: Immanuel
09.09.2010 09:28
2 0

Politische Hängematten

Eine treffliche Analyse des Ist-Zustandes, der perpetuiert wird. Der stets korrekte Präsident Dr. Fiedler und andere müssen sich "gepflanzt" fühlen, was aus seinen/ihren Vorschlägen zur Verwaltungsreform geworden ist. - Umgesetzt wurde NICHTS! Die gesamte "Verwaltungsreform" wird sich alibimäßig auf (Fast) Null-Lohnrunden für Beamte (nicht das erste Mal!) beschränken, (unterstützt von Neidgefühlen einer desinformierten Öffentlichkeit)..

Kenner der öffentlichen Schule werden die düstere Analyse von Dr. Urschitz bestätigen: Verpolitisierung, "Schulaufsichtsorgane", die - von Parteien hoch gehievt - statt Erwartungen der Gesellschaft an Absolventen sicherzustellen und Rechtsstaatlichkeit zu garantieren, sich - ihrer Ideologie verpflichtet populistisch gerieren; "Personal(ver)treter", die nur "Ihre" Leute - und sich selbst - vertreten und deren Privilegien immunisieren, andere fallen lassen und sich als verlängerter Arm irregeleiteter Hierarchien sehen, um ihre pervertiert interpretierte Position als Sprungbrett für Höhere Weihen zu nutzen.

Durchaus vorhandene erfreuliche Ausnahmen bestätigen die Regel - aber sie bleiben eben Ausnahme.

Das Schulwesen wird weiterhin das Teuerste weltweit mit mittelmäßigen "Erfolgen" bleiben. Und man wird nach noch mehr Steuergeld gieren mit dem Schlachtruf, dass eben "für die Bildung nichts zu teuer sein darf", um damit politische Freunderl durchzufüttern und hypertrophe Bürokratie aufrecht zu erhalten.


Pontius
09.09.2010 08:39
0 0

nichtmehrzumaushalten

... und es gibt noch immer ÖsterreicherIn die diesem Politikfilz seine(ihre) Stimme gibt! Schade um die paar Schritte zum Wahllokal.

Gast: Parteiloser
08.09.2010 19:28
0 0

Es kann nicht sterben was nie gelebt hat!

Schulreformen, Verwaltungsreformen, Staatsreformen sind Österreich nie ins Leben gekommen. Das waren immer nur Gespenster, um die Bevölkerung zu beruhigen (oder auch das eigene Gewissen). Gelebt hat davon nie etwas, es kann also auch nichts sterben.

Anders sieht mit unserer Staatlichkeit aus, welche nur noch aus einem ausufernden Bonzentum, begleitet von kollektiven Totalversagen und einbetonierten Privilegien, besteht.

Das Bildungswesen ist dabei als Paradebeispiel genauso geeignet wie auch die ÖBB, der ORF, die Kammern (besonders die AK) oder auch die schönen Spekulationen des studierten Musiklehrers.

Dieser Staatlichkeit geht zunehmend die Finanzierung verloren, weil die eigene Verantwortung gegenüber Österreich und den Österreichern schon lange nicht mehr erkannt werden kann. Es geht nur um die Partei, den Parteifreunden, dem einbetonieren von unrechten Privilegien.

Diese Staatlichkeit ist am besten Weg einen kollektiven Suizid zu begehen. In Österreich wird es ein kollektiver Massensuizid von Bonzen und Beschäftigten der geschützten Bereiche.

Für das Land ist es vollkommen egal, wo die Ursachen sind, die Verantwortlichen sind die Bonzen der gewählten Parteien. Diese Typen sind aber in einem Machtdelirium, dass diese den eigenen Suizid gar nicht erkennen können.

Österreichs Kinder und Enkelkinder werden sich Treffen und im Rahmen von Events auf die Gräber der Versager spucken.