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Schuldenkrise: Münchhausen als Bilanzbuchhalter

27.04.2011 | 18:34 |  Josef Urschitz (Die Presse)

Die absehbare Umschuldung Griechenlands könnte eine neue Weltfinanzkrise auslösen, weil die internationalen Großbanken noch nicht so stabil sind, wie ihre schöngerechneten Bilanzen glauben machen.

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Der „Haircut“ für die Besitzer griechischer Staatsanleihen ist nur noch eine Frage der Zeit. Es geht ganz offensichtlich nicht mehr darum, ob die Staatsschuld „umstrukturiert“ wird, sondern ob die Gläubiger 40, 50 oder 60 Prozent „ablegen“ müssen.

Notenbanker und Politiker sagen derzeit zwar noch anderes, aber das hat nichts zu bedeuten: Sie haben auch „vollständig ausgeschlossen“, dass Irland und Portugal Hilfe von außen brauchen werden, und sie haben die Möglichkeit erhöhter Inflation in der Eurozone als Hirngespinst abgetan. Sie erinnern somit ein wenig an jenen irakischen Regierungssprecher, der als „Comical Ali“ berühmt geworden ist, als er im TV von einer vernichtenden Niederlage der amerikanischen Invasoren erzählte, während im Hintergrund, mitten in Bagdad, gerade ein amerikanischer Panzer ins Bild fuhr.

Neuerdings beginnen aber auch EZB-Granden ihre Frohnatur zu verlieren: Der Chefvolkswirt der Euro-Notenbank, Jürgen Stark, sagte diese Woche, eine Umschuldung Griechenlands müsse auf jeden Fall verhindert werden, weil sie auf den internationalen Finanzmärkten einen Knall auslösen könnte, gegen den die Lehman-Pleite ein laues Lüftchen war.

 

Das verwundert jetzt ein bisschen: Griechenland ist ein relativ kleines Land, die Schulden sind im internationalen Maßstab ein „Klacks“. Für die hauptbetroffenen Großbanken (siehe Grafik) sind drohende Abschreibungen von ein paar hundert Millionen zwar nicht lustig, aber durchaus verkraftbar. Deshalb bricht nicht gleich die Finanzwelt zusammen.

Zudem geht es den Banken ja blendend: Der Pulverdampf der Lehman-Implosion war kaum verflogen und die Staaten hatten ihre Bankenrettungsmilliarden noch nicht einmal richtig in ihre Budgetdefizite eingebucht, da wiesen die internationalen Banken schon wieder Milliardengewinne aus. Und ihre so gesehen zweifellos erfolgreichen Chefs schütteten sich schon wieder mit unanständig hohen Bonuszahlungen für diesen Erfolg zu. Diese superprofitablen Finanzgiganten sollen den Griechen-Klacks nicht ohne neue Insolvenzgefahr aushalten?

Da stellt man sich natürlich die Frage: Was weiß der EZB-Chefvolkswirt, was viele von uns nicht wissen? Und wir verraten auch die Antwort: Er weiß, wie diese Bankengewinne zustande kommen. Es ist ihm bekannt, dass Nachkommen des Barons von Münchhausen Chef-Bilanzbuchhalter in den Großbanken geworden sind. Und dass nur mehr einer weiß, wie es einer Bank wirklich geht: der Bilanzbuchhalter selbst. Für alle anderen haben Bankbilanzen keine besondere Aussagekraft mehr.

Möglich wurde das, weil sich die internationale Bankenlobby 2008 mit einem Killerargument durchgesetzt hat: Die damals übliche „Mark to market“-Bewertung (also die Vermögensbewertung nach nachvollziehbaren Marktwerten) wirke „prozyklisch“, verstärke im Kursverfall die Verluste und bringe damit das Welt-Finanzsystem in Gefahr. Die Lösung: Produkte, die man im Portfolio hat, die aber, weil sie wertlos sind, keiner haben will (für die es also keinen Markt gibt), können seither in Ausnahmesituationen (wie der laufenden Finanzkrise) relativ bequem zwischen Anlage- und Bankbuch hin- und hergeschoben werden.

Und sie dürfen „Mark to model“ bewertet werden. Das heißt, der am Markt nicht feststellbare (weil nicht vorhandene) Wert kann auf Basis interner Bewertungsmodelle errechnet werden. Und das beste: Die internen Berechnungsannahmen müssen nicht veröffentlicht werden.

Das ganze ist natürlich viel komplizierter, der Platz für einen „Crashkurs Bankbilanzierung neu“ reicht hier nicht. Uns bleibt nur die volkstümlich verkürzte Zusammenfassung: Im Prinzip kann jetzt jeder in seine Bankbilanz hineinschreiben, was er will. Er kann beispielsweise Kurssteigerungen ergebniswirksam als Gewinn verbuchen und gleichzeitig Totalverluste hinter selbst errechneten „Werten“ verstecken. Sehr Vertrauen erweckend!

Damit ist jetzt auch klar, wieso der EZB-Chefvolkswirt Nerven zeigt. Er weiß, dass der Pleite-Schrott, der die Bankenkrise ausgelöst hat, zu sehr hohen Anteilen noch wertlos wie eh und je in den Kellern der Banken schlummert, in den schöngerechneten Bilanzen aber nicht zu sehen ist. Und dass das potemkinsche Dorf namens „profitabler Bankensektor“ in Wirklichkeit noch auf sehr tönernen Fundamenten steht.

Die Lehman-Pleite ist zur Welt-Finanzkrise geworden, weil Banken einander (zu Recht) nicht mehr trauten und so das Interbankengeschäft, also sozusagen den Blutkreislauf der Branche, zum Stillstand brachten. Das kann – auch aus relativ geringem Anlass wie der Griechenland-Pleite – jederzeit wieder passieren, so lange Zahlenwerke der Banken so wenig Vertrauen erweckend sind. So gesehen hat der EZB-Chefvolkswirt mit seiner Warnung natürlich recht.


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2011)

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21 Kommentare
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guter Artikel

dem aber nur eins zuzufügen erlaubt sein soll.
Es braucht kein Studium in Wirtschaftsfragen, da allein die recht einfache Logik reichen sollte um zu erkennen, was alles falsch läuft !

Sehr schnell würde man dann erkennen, das kein einziges Rettungspaket egal welchen Namen es trägt, ein Land oder Volk retten wird (wollen), und es allein um die Interessen der Banken geht sich weiterhin schadlos bereichern zu dürfen.

Leider und zum Schaden einzelner nettozahlender Länder, gab und gibt es Finanzminister, die dieses schamlose Spiel weiterhin mitspielen und dafür sogar nach Abtritt belohnt werden; egal ob eine weitere Krise bereits besteht und aber erst wirksam werden wird.


Dem ist nichts

hinzuzufügen.

Gast: engelhard
28.04.2011 19:32
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Kreative Buchhaltung...

... hat es immer gegeben, aber die Banken übertreffen sich selbst in den Jahren nach (wirklich nach?) der Krise. Ein Guter Beitrag!

Glassklar

Nachdem ja fast keine Bank diese wertlosen Investments abgeschrieben hat, die Problemassets nur hin und hergeschoben wurden und die Welt mit Geld vollgepumpt wurde, muß irgendwo die tickende Zeitbombe liegen.

Gast: Blankenstein Husar
28.04.2011 13:32
1 0

Jetzt ist es wohl bald soweit.

Nach nicht einmal 10 Jahren ist das erste Euro-Land bankrott.

Aber, was bedeutet eine "Umschuldung" Griechenlands eigentlich?

Neben den fatalen wirtschaftlichen Auswirkungen auf das Land selbst und auf alle Gläubiger querbeet bishin zu österreichischen Steuerzahlern,
politisch jedoch nix anderes,
als dass Griechenland am Euro zerbrochen und damit das Eingeständnis,
dass der Euro grandios gescheitert ist.

Antworten Gast: engelhard
28.04.2011 20:36
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Re: Jetzt ist es wohl bald soweit.

Wenn Sie mit Griechen über die wirtschaftlichen Auswirkungen reden und dabei das Wort "fatal" verwenden, ernten Sie verärgerte Kommentare von der Art "Was ist denn so schlimmes passiert, wir werden zurückzahlen. Schauen Sie wie wir unbesorgt weiterleben. Wir empfehlen Ihnen nachzuahmen". Und so weiter, uns so fort...

Gast: Geheimrat
28.04.2011 13:11
1 0

Wir blicken einer furchtbaren Zukunft entgegen.

Nur die Frau Fekter weiß das nicht. Die glaubt noch immer, daß Schulden eine feine Sache sind!

Antworten Gast: Febobo
28.04.2011 16:44
1 0

Re: Wir blicken einer furchtbaren Zukunft entgegen.

Der Euro ist Kreditgeld, d.h. jeder Euro, der in Umlauf ist, existiert nur durch Schuld. Die Summe aller Guthaben entspricht deshalb auch der Summe aller Schulden - mit einer Ausnahme: die Zinsen für die Schulden exisitieren noch gar nicht: diese müssen erst ins System kommen. Wie das geht? Durch neue Schulden.

Dieses Schneeball-System bricht zusammen wenn niemand mehr Schulden aufnehmen kann. Wir sind derzeit auf der letzten Stufe, d.h. nur mehr Staaten sind kreditwürdig. Brechen die Staaten - bricht das System, d.h. Währungsreform, Schulden-Reset und dann beginnt das Spiel von vorne bis in 60-90 Jahren die Schulden wieder zu hoch sind um sie zu tilgen.

Außer der Mensch lernt noch etwas und sieht ein, dass die Geldschöpfung eine wichtige Hoheitsaufgabe ist und nicht in Händen privater Geschäftsbanken liegen darf.

Antworten Gast: SicherlichEr
28.04.2011 16:01
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Re: Wir blicken einer furchtbaren Zukunft entgegen.

Die Schulden werden abgeschoben. Hat es einmal funktioniert...

Gast: trader1
28.04.2011 12:35
0 0

ja eh ..

das ist das feine .. wenn man eine bilanz RICHTIG lesen kann .. zahlt es sich aus :-)

Gast: fetisch33
28.04.2011 12:25
0 0

Zahlenfetischismus

Ohne von Bilanzierung besonders was zu verstehen, finde ich es schon richtig, dass diese "Mark to Market" Bewertung aufgelöst wurde.
In der Krise als der Markt vollkommen illiquid war, war dieses Modell einfach teuflisch. Es gab diese Bewertung auch früher nicht. Da hielten die Banken ein Wertpapier, bis zur (Gewinn-Verlust)weitergabe zum Anschaffungspreis in den Büchern.

Z.B. wenn mein Nachbar u. ich ein vollkommen gleiches Haus um 200.000 Euro gebaut haben und mein Nachbar wegen anderwertiger Schulden einen Notverkauf seines Hauses um 50.000 durchführen muss, so ist mein Haus nach mark to market Bewertung jetzt auch nur mehr 50.000 wert (letztbezahlter Kurs).
Gut, dass ich keine Bilanz erstellen muss und noch liquide bin, sonst müßte ich auch Konkurs anmelden.
Bilanzen sind alles nur Zahlen. Das Haus ist aber immer noch das gleiche, auch die Fabrik, die Bank, der Grund, die Stadt, das Land. Nur die Zahlen sind anders.


2 0

Pensionskassen

Wie viel von diesem Zeug (Schrott íst ein wertvoller Rohstoff oder kennen Sie einen armen Schrotthändler?) steckt in unseren Pensionskassen?

also

wenn die EZB sagt, eine umschuldung muss verhindert werden...genau dann MUSS man es machen.....denn knall in den finanzmärkten wird es so und so geben. bischen früher oder später. aber wenn all die spekultaionsblasen platzen, bleibt dem durchschnittsbürger eh nichts mehr. besser mit weniger schulden untergehen als mit noch mehr. oder glaubt irgendwer, dass 20% zinsen mit denen auf portugal gewettet werden den steuerzahlern zugute kommen? sofort aufstechen die ganze blasen.

Ich weiß nicht, ich weiß nicht

Auch wenn ich sonst fast immer derselben Meinung bin wie Hr. Urschitz - diesmal scheint mir seine Schlußfolgerung nicht ganz klar, es bleibt nichts in der Hand nach Lektüre des Artikels.

Marktpreise sind ja keine fixen Größen, schon gar nicht in Branchen, die so mit Vertrauen (Geld) handeln. Es war ja jedem mit ein wenig Grips klar, daß die Jubelmeldungen über Rekordgewinne der Banken höchst zweifelhaften, und vor allem politischen Charakter hatten. Ob wegen des Euro, ob wegen der Stimmung in der Wirtschaft, ob wegen der Finanzlage der Staaten.

Und da scheint mir auch das Problem zu liegen: Die Bankenszene ist so mit der Staatsproblematik verwoben, daß das nicht mehr wirklich unterscheidbar ist.

Hinter den Fragen von Hr. Urschitz scheint mir also die Frage zu stehen, IST der Konkurs unserer Staats/Bankenwirtschaften bereits eingetreten, oder noch nicht. Aus diesem Urteil ergibt sich dann der Bewertungshorizont.

Die Frage muß sich ja z. B. jeder Geschäftsführer einer simplen GmbH stellen: ab wann IST der Betrieb auf diese, ab wann auf jene Seite zu rechnen, tot, oder lebendig weil mit Zukunft. Damit steht und fällt auch der Wert der "Vermögenswerte", und entsprechend hat die Bilanz jedes Unternehmens zwei völlig andere Gesichter.

Ob unsere Staaten, und deren Banken, die sich nur noch mit immer weiterer Vermehrung ihrer Schuldenlast zu helfen wissen, um noch "Zukunft" zu haben, nicht längst insolvent SIND, das ist die Frage.

Griechenland ist m. E. nur ein Vorreiter.

Gast: Gast123
28.04.2011 00:19
1 2

Ziemlich platt

Also beim besten Willen, die hier vollzogene "Analyse" greift zwar die richtigen Fragestellungen auf, schlussfolgert aber auf einem Niveau, das für dieses Zeitungsformat durchaus entbehrlich erscheint und daher wohl eher für yellow press Formate adäquat erscheint. Durchaus enttäuschend, wie salopp hier verschiedenste Dinge dahingehend kombiniert werden um die "meinung", die ja durchaus jeder ohne konkrete Verbindlichkeit darlegen kann, des Autors widerzuspiegeln. Ja, der Platz ist begrenzt, aber das sollte kein Argument für das Abdrucken nicht verstandener Zusammenhänge sein.

Re: Ziemlich platt

Dadurch dass Sie kein einziges Gegenargument gebracht haben hat dieser Artikel bereits an Gewicht gewonnen . . .

Stupende Analyse!

Es ist eine Freude dieser schlüssigen Argumentation folgen zu können.
Brecht hatte Recht mit seiner Frage
"Was ist das größere Verbrechen, eine Bank zu berauben oder zu gründen?"

Gast: klassenfeind
27.04.2011 22:41
2 0

wiedermal ein super beitrag von herrn urschitz!


3 1

"...eine neue Weltfinanzkrise auslösen, weil die internationalen Großbanken noch nicht so stabil sind..."

Banken in einem Schuld- und Zinsgeldsystem können nicht stabil sein. Es hat sich eben die Exponentialfunktion gegen die Banken verschworen. ;-)

http://www.banken-volksbegehren.at

Natürlich steht es jedem frei, weiterhin an des Kaisers neue Kleider zu glauben. Nackt bleibt er trotzdem.

gute Analyse,

dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen

Man kann nur abwarten und hoffen, dass es nicht so schlimm kommt wie zu befürchten ist.

Gast: r.tiroch@t-online.de
27.04.2011 20:47
8 0

Rechenwerke

Die Zahlen-und Rechenwerke der Banken sind nichts anderes als Sondermüll den sie als Wert in einer luftnummer verbuchen. Wenn dieser dreck heraus genommen werden würde, ist die bilanzsumme eine reine lachnummer. Es ist schon seltsam, dass diese Bankster damit auch noch ungeniert durchkommen. Wahrscheinlich machen sie es den Bilanzen des Staates nach.