Mit Konkursverschleppung ist in Griechenland niemandem geholfen

06.07.2011 | 18:36 |  Josef Urschitz (Die Presse)

Die Weichei-Politik von EZB und Euro-Finanzministern ist eine Einladung an alle Spekulanten, Staaten-Domino zu spielen. Solche praktisch risikolosen Gewinnchancen hat man schließlich nur einmal im Spekulantenleben.

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Jetzt ist also Portugal wieder dran. Nach der Weicheierei von EZB und Euro-Finanzministern um die Griechenland-Krise war das freilich zu erwarten: Was hier auf die Athener Bühne gebracht wurde, ist eine goldumrandete Einladung an alle Finanzspekulanten dieses Globus, es mit einem Euroland nach dem anderen zu versuchen. Solche praktisch risikolosen Gewinnchancen – die Rechnung begleichen so gut wie ausschließlich die Steuerzahler – hat man schließlich nur einmal im Spekulantenleben.

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Bisher sind rund 110 Mrd. Euro nach Griechenland geflossen, nach dem zweiten, gerade verhandelten Rettungspaket werden es wahrscheinlich 230 Milliarden sein. Das sind dann rund 650 Euro pro Euroland-Bewohner, Kinder und Greise mitgerechnet.

Ein verschmerzbarer Betrag, wenn damit ein Problem gelöst würde. So viel Pro-Kopf-Spende verjausnen die ÖBB ja in einem Jahr. Es wird aber keines gelöst: Das Geld dient ausschließlich zur Refinanzierung alter Schulden, ist also weg. Und am Ende der verpulverten 210 Milliarden steht das Land genau dort, wo es vorher war: am Abgrund, mit einem nicht zu schulternden Schuldenrucksack. Das Geld der europäischen Steuerzahler ist dann längst wieder auf den Konten der Gläubigerbanken.

Natürlich wissen das alle, auch die politischen Akteure. Dass sie aus Furcht, die bittere Wahrheit könnte allgemein bekannt werden und ihnen die Jobs kosten, nicht danach handeln, sondern die gesamte Eurozone immer tiefer ins Schlamassel reiten, ist so gesehen eine Art von Konkursverschleppung – also eigentlich kriminell.

Am Beginn aller Lösungsversuche für die Staatsschuldenkrise kann nur die schonungslose Wahrheit stehen. Die Karten müssen auf den Tisch. Bitte sehr:

•Griechenland ist seit 2010 pleite. Der „Default“, um den jetzt so herumgeeiert wird, ist längst eingetreten. Es ist ausgeschlossen, dass Griechenland seine Schuldenlast aus eigener Kraft abbaut. So viel Wirtschaftswachstum kann es (noch dazu bei drastischen Sparmaßnahmen) einfach nicht geben. Die einzige Möglichkeit, das Land wieder auf die Beine zu stellen, ist ein Schuldenschnitt um mindestens 50 Prozent. Dann kann man frisches Geld in die Hand nehmen, um dem Land beim wirtschaftlichen Wiederaufbau zu helfen. Auch der jetzt geplante „Rollover“ der Schulden mit einer Endlosstreckung auf 30 Jahre ist ja nichts anderes als ein „sanfter“ Schuldenschnitt. Wieso gibt das niemand zu? Ohne Schuldenschnitt wird Griechenland jedenfalls zum daueralimentierten Intensivpatienten. Je früher dieser Schnitt geschieht, desto besser.

•Gläubiger müssen zahlen. Eine der größten politischen Katastrophen ist das Weichei-Gelabere darüber, ob man private Gläubiger an der Griechenland-Rettung „beteiligen“ solle. Und wenn ja, ob freiwillig oder nicht. Entschuldigung: Wer sonst als der Gläubiger, der sich sein Risiko mit Zinsen abgelten lässt, soll dieses tragen? Marktwirtschaft funktioniert seit sehr langer Zeit sehr gut auf der Basis von Anreizsystemen der Marke „Zuckerbrot und Peitsche“. Setzt man diese außer Kraft, dann passiert etwas, was man sich im europäischen Agrarsystem sehr schön anschauen kann: Nichts funktioniert mehr und der Steuerzahler „brennt“.

Das Risiko, Geld zu verlieren, ist schließlich ein wesentlicher Anreiz für den Geldgeber, sich seine Schuldner genau anzuschauen. In diesem Fall hätte Griechenland schon vor Jahren kein Geld mehr geliehen bekommen? Genau: Und die folgende Rettung wäre deutlich billiger geworden. So wie es jetzt aussieht, müsste man allen eigentlich raten, massiv griechische, portugiesische, irische und andere Problemanleihen zu kaufen. Hohe Zinsen bei null Risiko bekommt man als Privater ja nicht allzu oft.

•Ratings werden überschätzt. Ratingagenturen haben in der Finanzwirtschaft vielfach die Funktion, die Unternehmensberater in der „realen“ Wirtschaft haben: Man kann Verantwortung abschieben und sich, wenn ein Investment schiefgeht, sehr einfach hinter der Bewertung der „Externen“ – die selbst wiederum keine reale Verantwortung übernehmen – verstecken. Angenehm! Dass Ratings nicht in Stein gemeißelt und vom Berg Sinai verkündet sind, hat ja die EZB selbst gerade erst durchblicken lassen. Mit dem Statement nämlich, dass sie griechische Staatsanleihen auch dann noch als Sicherstellung annehmen würde, wenn zwei der drei Agenturen die Wahrheit sagen und Griechenland auf „Default“ setzen. Warum also übernimmt man nicht selbst Verantwortung, sondern macht kommerzielle Unternehmen, wie das Ratingagenturen nun einmal sind, zu Herren über die Eurozone?

•Ein Staatsbankrott ist kein Weltuntergang. In den vergangenen 20 Jahren hat es eine Reihe von echten Staatspleiten gegeben. Von Argentinien bis Russland, wobei Russland von der Dimension her doch ein bisschen größer als Griechenland war. Dabei haben Gläubiger, auch private, eine Menge Geld verloren und die Märkte haben vorübergehend ein wenig verrückt gespielt. Aber die Welt ist nicht eingestürzt. Seither hat die umfassende Globalisierung der Finanzbranche die Dinge ein bisschen komplizierter gemacht, weil sie sich nicht mehr ganz so einfach regional eingrenzen lassen. Aber was die Bankenlobby derzeit an Horrorszenarien für den Fall ausmalt, dass der de facto bereits eingetretene Griechenland-Default offiziell wird, ist doch sehr durchschaubar.

Natürlich geht ein schneller Schuldenschnitt nicht ohne Blessuren ab. Unterbleibt er aber, dann wird es richtig teuer: Die Einladung an die Finanzbranche, das Griechenland-Spielchen mit Portugal, Irland, Belgien, vielleicht auch mit Italien weiterzuspielen, die würde die Eurozone tatsächlich ernsthaft gefährden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2011)

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17 Kommentare
Gast: Kalamari
13.07.2011 12:13
0

Auch die USA konnten schon mehrfach ihre Schulden nicht mehr zahlen

Da war es gar keine Frage, dass die Glaeubiger das Nachsehen hatten.

Aber nun zum "recipe for disaster": Ratings, Rankings und Analysen als wichtigste Instrumente der heutigen Wirtschaft.
Auf Wirtschaftsuniversitaeten und in MBA Kursen erfaehrt man, wie man mit diesen Instrumenten viel Geld ohne eigenes Risiko machen kann. Nicht mit einer guten Idee

Eigene Richtlinien erstellen, durch "Raten" und Ranken, am besten nach eigenen (Wert)Massstaeben und ohne Transparenz. Dann muss man nur noch dafuer sorgen, dass die Politik diese Richtlinien/Rankings gesetzlich bindend macht, und man ist ein gemachter Mann/Frau, ohne Risiko und Haftung.

Dass Ratings/Richtlinien/Rankings haeufig falsch bis hin zu kriminell sind, haben Moody's &Co. gezeigt, die durch ihre Bewertungen die weltweite Finanzkrise ausgeloest haben.

Richtlinien/Ratings/Rankings sind heute in der Wirtschaft System und sind zum Vorteil der Ersteller. Der Ruin der Kleinbauern in der EU-Agrarindustrie hat mit diesem System funktioniert und auch unser Gesundheitssystem wird dadurch zu Fall kommen. Mediziner mit Naheverhaeltnis zur pharmazeutischen Industrie erstellen die Richtlinien fuer die Behandlung von Erkrankungen, zu ihrem eigenen Vorteil und dem der Medikamentenhersteller, jedoch meist zum Nachteil der Patienten, der lediglich als lebenslange "Melkkuh" angesehen wird.

Eine unabhaengige Ueberpruefung der Richtlinien, sowie eine Haftung der Richtlinien-/Rankingersteller fuer angerichtete Schaeden - ausgeschlossen!

Gast: TOM22
11.07.2011 19:56
0

perfekte Analyse

bravo, perfekte Analyse!

schlagende argumente

urschitz bringt mehr als schlagende argumente:

- das "too big to fail", also das abwälzen der verantwortung bzw. der folgen falschen handelns von den banken/investoren auf den steuerzahler wird als die größte enteignungsaktion in die geschichte eingehen; ich hoffe, dass durch diese bailout-politik nicht der grundstein zur zerstörung der liberalen demokratie gelegt wurde. derzeit leben wir in einer von finanzinteressen geprägten oligarchie.

- das gelabere um die ratingagenturen kann nur wie folgt beendet werden: die ratingagenturen müssen für ihre ratings auch haften! eine haftung für falsche ratings hätte uns die finanzkrise von 2008 erspart.

Post für Faymann

Hoffentlich liest Faymann diesen Kommentar.
Aber ich befürchte, er "schulmeistert" weiter herum bis zur Übergabe an Nachfolger Strache.

Die Konkursverschleppung verschlingt Unsummen, die wir uns ausborgen müssen!

Das Geld für die Konkursverschleppung müssen sich die EU-Staaten, die noch Kredit haben, auf dem Kapitalmarkt ausborgen. Wenn diese Politik so weitergeht, treibt sie auch die heute noch Gesunden in den Konkurs!
Der Schuldenschnitt hätte längst erfolgen müssen, unterblieben ist er nur, weil die EU-Politiker wirklich so sind, wie sie Treichl treffend beschrieben hat!

Die ohnedies schwache Wirtschaft Griechenlands wird durch die von den unsäglichen EU-Bonzen erzwungenen Sparpakete total abgewürgt. So kann sich Griechenland nie erholen! Der einzige Ausweg ist eine Währungsabwertung, die aber nicht ohne den Austritt Griechenlands aus der Eurozone möglich ist. Das hätte auch schon längst erfolgen müssen, denn jetzt sind die Griechen schon dabei, ihre Bankguthaben ins Ausland zu verlegen, wodurch die heilsame Wirkung des Euroaustritts unterlaufen wird!

Ein miserableres Krisenmanagement als es jetzt gemacht wird, kann es gar nicht geben. die Politiker sind dabei, nicht nur den Euro, sondern die ganze EU an die Wand zu fahren!

Griechenland Krise

Ausgezeichneter Kommentar! Den sollten unsere Regierungsmitglieder aufmerksam lesen. Er würde ihnen hoffentlich zu denken geben.

....so schaut der viel zitierte Primat.....

..der Politik also aus. In Wirklichkeit haben sich die Politiker als Primaten, und unsere Mizzi als ahnungsloses Rhesusäffchen herausgestellt. Ich habe eine immer stärkere Vision von nassen Fetzen......

EWU fliegt auseinander und uns um die Ohren

Spitzenmeldung Bloomberg, 07.07 :

"European Central Bank President Jean- Claude Trichet is fighting a war on two fronts as he seeks to contain price pressures while the Greek crisis threatens to blow the euro area apart".

Wer heute noch immer nicht begreift, dass EURO und EU gescheitert sind, dem ist nicht zu helfen. Man lese: Vaclav Klaus: EUROPA? (Context-Verlag 2010, ISBN 978-3-939645-35-1 oder wenigstens die Rezension http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=242)

Zur perversen EU-Verfassung: Memorandum des EURO-Forums der Diözese St. Pölten, Neue Argumente, März 1994 (!!) - also vor dem Beitritt. Es ist alles eingetreten, was sich damals schon abgezeichnet hat - Verlust der Eigenstaatlichkeit, Neutralitätsverlust, Enteignung des Sparers, Pensionskürzungen, Zerreißen der sozialen Netze, Migrationsprobleme, Transferunion usw. Kriminalitätszuwachs, Niemand kann sagen: "Das habe ich nicht gewußt".

Es gibt nur eine wirkliche Lösung: Raus aus dem Gemeinsamen Markt, raus aus dem EURO, raus aus der WTO-Globalisierung. Kein Cent nach Griechenland!

Redet endlich Wahrheit! (Hebräisch: Dabru emet). Die Zeit der Lügen ist vorbei!)


Gast: guemas67007
07.07.2011 10:25
1

Eurozone war für Griechen ein Fehler

Das Beispiel Türkei zeigt, dass man mit Abwertung der türkischen Lira Investoren lockt und ein Wachstum auch in schwierigen Zeiten erzielen kann.... Aber Griechenland had dies alles nicht notwendig! Sie sind mit Lug und Trug in die Eurozone gesrutscht! Zum Unvermögen kommt auch noch Stolz und Selbstüberschätzung dazu.... Ich habe nicht viel Mitleid! Sorry! Denn wenn ein Lokführer fürs Händewaschen noch eine Abgeltung von monatlich EUR 420,00 bekommt, liegt ein gröberer Systemfehler vor! Soviel bekommt ein Harz IV-Empfänger nicht einmal! ... und die EU will weiterhin "Zeit" gewinnen.... tut mir leid! Mit diesem "Zeitgewinn" ist nichts anzufangen, außer dass Portugal und Spanien ins Visier genommen werden.... Lieber ein Ende mit Schmerzen, als ein Schmerz ohne Ende! Raus aus dem Euro! Dasselbe mit Portugal!

Hoffentlich darf man Urschitz beim Wort nehmen

und die Eurozone ist ernsthaft gefährdet. Dann hätte der Spuk einmal ein Ende.

Gast: DI
07.07.2011 08:55
0

Einladung an alle Spekulanten

Wenn man über diese Tatsache nachdenkt, ob sich die Politiker in ihrer Haut noch wohl fühlen?

Logisch,

den Fakten entsprechend, und entspricht dem, was viele (nicht öffentlich gehörte = totgeschwiegene) Fachleute sagen, so wie die meisten Postern in den diversen Forums.

Es darf aber leider darauf gewettet werden, das das bei der Politik nicht ankommt. Eventuell sollte sich die Diskussion, Berichterstattung auf den Grund dieses "Nichtankommens" verlagern!?

Gast: kein_gast
07.07.2011 08:49
0

weiterdenken!

Das kann man alles so sehen wie Herr Urschitz, nur was ist die Konsequenz? Banken müssten wieder gerettet werden (aktuell mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar die EZB, bzw. sind auch die "bad banks" der EU-Staaten investiert) und wer bezahlt? Natürlich der Steuerzahler! Oder sollen diese erstmals fallen gelassen werden? Damit könnte ich mich sogar anfreunden. Eine andere Lösung gibt es aber nicht.

Antworten Gast: Sepherl
07.07.2011 19:21
0

Re: weiterdenken!

1. Es zahlt sowieso IMMER der Steuerzahler^^
2. Das ewige Hinauszögern bringt nicht viel, weil siehe P 1.


Nur teilweiser Schuldenschnitt hilft Griechenland!

wieso wehrt sich die EU so dagegen?
würde den Euro mittelfristig eher stärken.

Ein guter Kommentar

Ich gebe Herrn Urschitz recht. Man hätte Griechenland schon lange den Schuldenschnitt gewähren sollen (mit Hinauswurf aus der Eurozone!) Jetzt werden die Spekulanten auf andere Länder losgehen (Portugal und Italien vor allem) und nichts wird besser.

Ein guter Kommenatr


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