Anfang Juli feiern Steuerzahlerverbände hierzulande den „Steuerzahlertag“: Bis dahin hat man praktisch ausschließlich für Finanzamt und Sozialversicherung gearbeitet, den Rest des Jahres kann man demnach die monetären Früchte seiner Arbeit selbst ernten.
Fast das halbe Jahr für die Finanz arbeiten – das ist ganz schön heftig, nicht? Aber leider nur die halbe Wahrheit. Die wahre Steuer- und Abgabenbelastung für Arbeitseinkommen liegt in Österreich nämlich nicht bei ungefähr 44, sondern bei unanständigen 60 Prozent.
Und die Grenzbelastung – also das, was von jedem zusätzlich verdienten Euro abgezwackt wird – übersteigt bei mittleren Einkommen locker die 70-Prozent-Grenze. Viel lässt einem der Staat vom Arbeitseinkommen demnach nicht. Wenn sich Innenministerin Johanna Mikl-Leitner wieder einmal die Kappe der ÖAAB-Chefin aufsetzt und „Her mit dem Zaster!“ in den Saal donnert, sollten die dort versammelten Schröpfobjekte also statt Beifall zu klatschen zurückrufen: „Nicht nötig, der ist schon da. Schauen S' einfach nach!“
Sie glauben das nicht? Rechnen wir einfach nach: Als Beispiele dienen ein Angestellter, der 2000 Euro brutto auf dem Gehaltszettel stehen hat. Und ein besser verdienender Angestellter mit 5000 Euro Monatsbrutto.
Um wirklich das ganze Bild zu bekommen, müssen wir jetzt ein wenig ausholen. Das Monatsbrutto auf dem Gehaltszettel sagt nämlich genau gar nichts. Es ist weder der Betrag, den der Arbeitgeber bezahlt, noch die Summe, die der Arbeitnehmer auf dem Konto findet. Sondern eine fiktive Rechengröße, mit der sich, ganz nebenbei, trefflich die wahre Lohneinkommensbelastung verschleiern lässt.
Zuerst rechnen wir deshalb Urlaubs- und Weihnachtsgeld anteilig in das Monatseinkommen ein. Denn das 13. und 14. Gehalt (und auch das 15. und 16., wo das Brauch ist) sind keine „Sonderzahlungen“, sondern stinknormale Lohnbestandteile, die zwangsweise einbehalten und (je nach Branche) auf zwei bis vier Raten pro Jahr verteilt ausbezahlt werden. Wir haben in Österreich eine Jahresbesteuerung, und das Jahr hat nun einmal nur zwölf Monate. Die „Sechstelbegünstigung“, also den stark verminderten Steuersatz für zwei Monatsgagen, rechnen wir natürlich ein.
Dann schlagen wir noch die im Brutto-Netto-Rechner des Finanzministeriums aufgelisteten Lohnnebenkosten auf. Denn die zahlt natürlich nicht, wie das suggeriert wird, der Arbeitgeber aus seiner privaten Brieftasche. Sondern sie müssen vom Arbeitgeber verdient werden, wenn es den Job weiter geben soll. Es handelt sich damit also nicht um „Nebenkosten“, sondern um einbehaltene Lohnbestandteile. Auf diese Weise ergibt sich beim 2000-Euro-Verdiener ein „wahres“ Bruttogehalt von 3061 Euro, beim 5000-Euro-Verdiener ein solches von 7449 Euro.
Davon werden Lohnsteuer (unter Berücksichtigung der Sechstelbegünstigung) sowie Sozialversicherungsbeiträge und sonstige Abgaben (einschließlich Arbeitgeberbeiträgen) abgezogen. Ergibt Nettozahlungen von 1672 Euro beim niedrigen und von 3592 Euro beim höheren Gehalt.
Diese Summe steht zum Verbrauch zur Verfügung. 7,6 Prozent davon werden im Schnitt gespart (lt. von der OeNB ermittelter Sparquote), auf den Rest wird Mehrwertsteuer fällig. Der Mehrwertsteuermix hängt natürlich stark von individuellen Lebensumständen (etwa ob man zur Miete oder im Eigenheim wohnt) ab. Wir nehmen an, dass im Schnitt ein Drittel mit dem niedrigen Satz (zehn Prozent) und zwei Drittel mit dem höheren Satz (20 Prozent) versteuert werden.
Die Mehrwertsteuer ist natürlich nur eine von vielen Abgaben und Gebühren, die zu tragen sind. Für alle anderen Steuerbelastungen – von der Grundsteuer bis zur Normverbrauchsabgabe, von der Mineralölsteuer bis zur Tabaksteuer – setzen wir sehr konservativ 150Euro im Monat an.
Unterm Strich bleibt dann von 3061 Euro „wahrem“ Brutto eine echte Nettogage von 1285 Euro. Schlanke 58 Prozent haben sich Staat und Sozialversicherung eingenäht. Und von den „echten“ 7449 Euro des 5000-Euro-Verdieners bleiben gerade einmal 2972 Euro übrig. Hier schlägt der Staat also mit 60,1 Prozent zu.
So, und auf dieser Basis reden wir jetzt noch einmal ganz nüchtern über die angeblichen Potenziale, die die unfassbaren Steuererfinder auf der Regierungsbank auch bei den Arbeitseinkommen (etwa in Form von Solidaritätszuschlägen oder den immer wieder diskutierten Änderungen bei der Sechstelbegünstigung) noch sehen.
E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2011)
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