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Budgetmalaise: Sanierung nach Hausfrauenart

18.01.2012 | 18:22 |  von Josef Urschitz (Die Presse)

Dem Staat und seinen Finanzen würde es besser gehen, wenn die Regierung mehr „schwäbische Hausfrauen“ und weniger Ökonomen als Berater hätte.

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Angela Merkel hat die schwäbische Hausfrau vor dreieinhalb Jahren zum Star gemacht: Man könne sich an dieser Ikone deutscher Spar- und Gründlichkeit ruhig ein Beispiel nehmen, hat Merkel damals, während der Finanzkrise 1.0, gemeint. Denn im Gegensatz zu so manchem Europolitiker verstehe die schwäbische Hausfrau, dass man nicht „dauerhaft über seine Verhältnisse leben kann“. Soll heißen: Man kann nicht permanent mehr ausgeben, als man einnimmt.

Völliger Unsinn, knurren seither Ökonomen. Besonders jene, die am linken Ufer des Geldflusses daheim sind. Man könne einen Staat eben nicht wie eine schwäbische Hausfrau führen. Der Staat müsse investieren und dafür Schulden machen. Je mehr, desto besser. Das belebt die Wirtschaft. Außerdem stünden den Schulden ja eins zu eins Guthaben gegenüber, schulmeistert man die schwäbische Hausfrau. Wer Schulden reduziere, reduziere auch die dazugehörenden Guthaben, was uns quasi alle ärmer macht. Abgesehen davon werden mittels Staatsschulden Werte finanziert, was Volksvermögen schafft.

In Form von 52-jährigen Gemeinde-Wien-Pensionisten beispielsweise, könnte unsere schwäbische Hausfrau jetzt unken. Aber so zynisch und polemisch ist sie nicht. Sie schaut sich die Ökonomen-Argumente an und denkt sich: Sehr gescheit, sehr schlüssig – aber leider ohne die nötige Portion schwäbischen Hausverstands.

Bei der Schulden- = Guthaben-Theorie könnte sie zum Beispiel einwenden, dass Österreich mehr als 80Prozent seiner Schulden im Ausland macht. Und es eher seltsam sei, dass sich linke Ökonomen darüber Sorgen machen, dass ein Schuldenabbau in Österreich Guthaben von, sagen wir, Goldman Sachs reduzieren könnte.

Aber dieser Gedankengang ist natürlich völlig unwissenschaftlich. Ebenso wie der, dass Schulden nicht nur Guthaben, sondern auch Zinsverpflichtungen erzeugen – die mit steigender Schuld den finanziellen Spielraum des Schuldners dramatisch einengen.

Unsere schwäbische Hausfrau schaut dazu kurz in die OeNB-Statistiken und findet dort Erstaunliches: Die Zinsen waren in den vergangenen Jahrzehnten immer dramatisch höher als jetzt. Trotzdem hat sich in den 1980er-Jahren niemand um die Zahlungsfähigkeit von europäischen Staaten gesorgt, während jetzt, beim niedrigsten Zinsenstand aller Zeiten, ein Staat nach dem anderen in Zahlungsprobleme schlittert.

Österreich beispielsweise hat 1981 unglaubliche 10,5 Prozent (Emissionsrendite) für seine Bundesanleihen bezahlt. Die Zinsen für die Staatsschuld haben damals 13,9 Prozent der Netto-Bundeseinnahmen verschlungen.

Im Vorjahr war die Staatsschuld mit durchschnittlich 3,1 Prozent Zinsen dagegen wohlfeil. Für den Zinsendienst gingen aber schon 18 Prozent der Netto-Bundeseinnahmen (das sind im Wesentlichen die Steuereinnahmen des Bundes abzüglich Überweisungen an Länder und EU) drauf. Wäre die Zinslast beim Wert von 1981 geblieben, müsste der Bund fast zwei Drittel seiner Nettoeinnahmen für die Zinsen aufwenden – und das Land wäre pleite. Wundert mich nicht, sagt die schwäbische Hausfrau. Wer permanent mehr ausgibt als einnimmt und seine Schulden noch dazu viel schneller steigen lässt als sein Einkommen, der muss nicht Finanzmathematik studiert haben, um den Zeitpunkt seiner Pleite auszurechnen. Dass Ökonomen die Schuldenquote nicht am „Einkommen“ des Staates, sondern am Bruttoinlandsprodukt messen – und dabei natürlich zu wesentlich entspannteren Quoten kommen – findet sie erstaunlich: Dem Staat steht für den Zinsendienst (von Schuldentilgung redet ohnehin niemand) ja – leider, leider – nicht das Bruttoinlandsprodukt zur Verfügung, sondern nur das, was er in der Kassa hat, sagt ihr einfacher schwäbischer Hausverstand.

Das ist natürlich naiv. Euroland ist außerdem keineswegs überschuldet, belehren uns Ökonomen. Schließlich seien die (privaten) Vermögen fünfmal so groß wie die Staatsschulden.

Ja, eh.

Man muss nur an sie herankommen. Tatsächlich hat ein reichlich obskures Schweizer Institut schon den Vorschlag gemacht, die Staatsschuldenkrise in Euroland mit einer einmaligen 20-prozentigen Zwangsabgabe auf alle Vermögen zu lösen. Das sei hart, aber zu verschmerzen. Mit Kleinigkeiten – etwa, wie man 20 Prozent des Werts einer selbst bewohnten Eigentumswohnung aufbringt, ohne diese zu verkaufen oder wie es mittelständische Unternehmen verkraften, 20 Prozent des Betriebsvermögens abzuliefern – können sich Ökonomen natürlich nicht aufhalten. Hauptsache, die Rechnung passt.

Und damit sind wir an dem Punkt, an dem sich selbst Linke mit schwäbischen Hausfrauen solidarisieren: Diese seien früher, als der Lohn noch bar ausbezahlt wurde, nämlich am Zahltag vor den Werkstoren gestanden, um ihren Männern das Lohnsackerl abzunehmen, hat die Vorsitzende der Partei „Die Linken“ vor Kurzem gesagt. Damit das Geld sinnvoll verwendet werde und nicht im Wirtshaus endet. Wenn man sich die hiesigen Steuerpläne so anschaut, kommt man schnell zum Schluss: Das scheint der wahre Sanierungsplan zu sein.


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2012)

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16 Kommentare
Gast: Rechtschreiber
21.01.2012 09:29
0 0

Man kann doch davon ausgehen, dass Urschitz die Presse liest, oder.

Und wenn er trotzdem so einen Artikel verfasst - vielleicht soll der Artikel ein Witz sein?

Gast: Pfarrerin
21.01.2012 09:23
0 0

Dieser Vergleich ist nicht möglich

Einen einzelnen Haushalt mit dem Staat zu vergleichen, ist, als ob man die Funktion einer einzelne Zelle eines Menschen, mit dem Funktionieren des ganzen Organismuses vergleicht. Also Urschitz funktioniert so wie eine seiner Leberzellen.

Antworten Gast: gast lupo
22.01.2012 13:27
0 0

Re: Dieser Vergleich ist nicht möglich

Wenn aber alle Haushalte so wie der Staat wirtschaften würden,könnten ja die Banken nicht Milliarden Steuergeld erhalten.

P.S
Ihr Vergleich mit der Leberzelle wurde wahrscheinlich von ihrer einzigen Gehirnzelle auf die Tastatur gebracht

mfG

Gast: Girlan
21.01.2012 09:16
0 0

Der Urschitz hats einfach nicht verstanden

"Wer Schulden reduziere, reduziere auch die dazugehörenden Guthaben, was uns quasi alle ärmer macht."

Schulden = Geld. Wer Schulden begleicht, reduziert die umlaufende Geldmenge. Die Guthaben bleiben erhalten, bis das System zusammenbricht. Die Guthaben wollen weiter verzinst werden, d.h. sie erhöhen sich permanent und die Zinsen müssen aus einer kleiner werdenden, noch umlaufenden, Geldmenge beglichen werden.

Gast: Besserwisser
20.01.2012 15:18
0 0

Netter, oberflächlicher Aufsatz einer schwäbischen Hausfrau

Leider kein Wort darüber,dass Schuldenmachen in einem verzinsten Schuldgeldsystem unumgänglich ist.

Kein Wort darüber, dass die Anhäufung von immer höheren Privatvermögen nur durch die Verschuldung anderer Privater und von Staaten möglich war.

Außerdem dürfte es Hrn. Urschitz entgangen sein, dass es in der Mehrzahl rechte Regierungen waren, die in den letzten Jahren die Staatsverschuldung zugunsten von Banken auf Rekordhöhe getrieben haben.

Weiters hat er nicht kapiert, worauf die Aussage "Schulden = Guthaben+Zinsen" abzielt.

Selbst einer schwäbischen Hausfrau traue ich mehr Analysefähigkeit zu.


periskop
19.01.2012 15:50
0 0

Schulden reduzieren macht niemand "quasi ärmer"!

Wenn der Staat Schulden abbaut, bekommt der Gläubiger für sein Guthaben Bargeld! Davon wird niemand ärmer und wem Bargeld nicht passt, kann ja sofort wieder Wertpapiere kaufen, dann hat er sein Guthaben wieder!

Wer "schulmeistert" die schwäbische Hausfrau? Das könnte eine Anspielung auf den extrem linken Ökonomen Stephan Schulmeister sein. Der ist aber einsam auf weiter Flur, sogar sein leider vor Kurzem verstorbener Bruder Paul war völlig anderer Meinung. Man sollte von Stephan S. nicht auf alle Ökonomen schließen!

Dass die Schuldenlast des Staates mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) verglichen wird, macht mir immer wieder eine Gänsehaut. Das unterstellt ja, dass der Staat seine Schulden nicht mit der Höhe seiner Einnahmen zu vergleichen braucht, weil er ja seine Bürger jederzeit enteignen kann!

GeraldC
19.01.2012 15:34
2 0

Urschitz,

ein Leuchtfeuer der Vernunft im tosenden Ozean des Verschuldungsirrsinns.

Gast: Bravo!
19.01.2012 14:14
2 0

Bravo!

Bravo!

Gast: Quantmaster
19.01.2012 10:48
3 0

Genial

Gratulation!!!

Wunderbar auf den Punkt gebracht.

APFELSYS
19.01.2012 09:45
4 0

ein brillanter Urschitz!


6 0

".... schulmeistert man die schwäbische Hausfrau."


hihi, subtil.....


Antworten APFELSYS
19.01.2012 09:46
0 0

Re: ".... schulmeistert man die schwäbische Hausfrau."

lol

whatsoever
19.01.2012 00:12
7 0

Guter Artikel!

Sollten sich einige zu Herzen nehmen!

Gast: Vogel Strauss
18.01.2012 21:16
1 3

Spar- und Gründlichkeit?

Hier hat die Gründlichkeit des Journalisten aber nachgelassen ... was ist bitte 'Sparkeit'? Eher Sparsamkeit ...

Antworten Gast: jessas na
19.01.2012 10:36
1 0

Re: Spar- und Gründlichkeit?

Jaja.
Entspricht dem Horizont Ihres Verständnisses.

Gast: CL
18.01.2012 21:06
11 0

Gratulation! Außerordentlich amüsant geschrieben!