Demnächst bekommen wir also eine europäische Ratingagentur: Wenn alles glattgeht, wird eine von privaten Investoren getragene Gesellschaft noch heuer mit der Bewertung von Länderrisken beginnen.
Na dann wird ja alles gut. Dann können wir uns künftig Aufregungen wie beim jüngsten „Rundumschlag“ von Standard& Poor's (der unter anderem Österreich das Triple-A-Rating gekostet hat) ersparen. Das war ja nicht mehr auszuhalten: Von „Brandbeschleuniger“ war da die Rede, vom amerikanischen „Wirtschaftskrieg“ gegen den Euro. Und selbst der Ewiggestrigencode für die jüdisch-kapitalistische Weltverschwörung, die „Ostküste“, wurde da und dort aus der verstaubten Mottenkiste geholt.
Das alles ist dann natürlich Geschichte: Die Euro-Agentur wird schon „richtig“ und ohne politische Hintergedanken bewerten. Zumal ja auch ein europäisches Regelwerk für Länderbeurteilungen ausgearbeitet wird.
Man könnte jetzt natürlich fragen, ob es wirklich die sinnvollste Reaktion ist, bei einer unerwünschten Diagnose einfach den Arzt zu beschimpfen und nach einem neuen Diagnostiker zu rufen. Aber bitte: Schaden kann eine europäische Ratingagentur nicht. Konkurrenz belebt die Sinne, senkt die Kosten (Ratings sind für die „Gerateten“ ja sündteuer) – und je mehr Diagnosemeinungen es gibt, desto eher wird man sich ein objektives Bild machen können.
Die Frage ist nur, ob es im Sinne der politischen Erfinder laufen wird. Die drei großen US-Agenturen – S&P, Moody's und Fitch – haben ja schon lange kein Weltmeinungsmonopol mehr. Die Chinesen sind den von der EU jetzt geplanten Weg schon vor 18 Jahren gegangen. Ihre (ebenfalls nicht staatlich organisierte) Agentur heißt Dagong und ist unterdessen global aufgestellt. Sie hat übrigens im Vorjahr, lange vor S&P, Österreich und Frankreich von „Triple A“ auf „AA+“ herabgestuft.
Ist Ihnen das damals aufgefallen? Nein? Hat der Bundeskanzler deshalb Fracksausen bekommen? Nein? Warum eigentlich nicht?
Vielleicht, weil die kein Investor so richtig ernst nimmt? Wird so sein. Und wenn man sich die Ratings genauer ansieht, weiß man auch schnell, warum: Dagong ist eine Spur strenger als Fitch und Moody's, kommt bei den meisten Ländern aber zu ähnlichen Schlüssen wie S&P. Mit zwei großen Ausnahmen: Die USA und Großbritannien werden deutlich schlechter bewertet als bei den anderen Agenturen, China dagegen (mit „AAA“) deutlich besser.
Das riecht ein bisschen nach politischer Bewertung – und so etwas ist eben leider nicht vertrauensbildend. Genau so wird es der Euro-Agentur auch gehen: Entweder sie bewertet unvoreingenommen. Dann wird sie in den meisten Fällen zu ähnlichen Ergebnissen wie die Konkurrenz kommen. Oder sie bewertet politisch – dann ist ihr Urteil wertlos.
Wichtiger als eine eigene Ratingagentur wäre für Europa allerdings ein entspannterer Umgang mit dem Zeugnis dieser Agenturen. Da herrscht momentan auf dem Alten Kontinent ein bisschen viel Hysterie vor. Hysterie, die den Agenturen erst jene „Macht“ verleiht, mit der sie angeblich ganze Staaten ins Unglück stürzen.
Hilfreich ist dabei, Renditecharts der wichtigsten Staatsanleihen zur Hand zu nehmen und dort die Ratingveränderungen zu markieren. Da sieht man mit freiem Auge Erstaunliches: Im Regelfall bestimmen nicht die Ratingagenturen die Anleihenzinsen, sondern sie passen ihre Ratings – manchmal mit großer Verzögerung – den Märkten an.
Österreich und Frankreich etwa sind von den Anleihezeichnern bereits ab 2007/2008 „abgestuft“ worden. Ab diesem Zeitpunkt haben sich ihre Anleihezinsen vom deutschen „AAA“- Niveau wegbewegt. Und: Sie müssen für ihre Staatsschuld auf dem Markt wesentlich mehr bezahlen als die von S&P ebenfalls auf „Doppel-A“ abgestuften USA. Nimmt man die mit Investmentenscheidungen untermauerte Marktmeinung, dann hat S&P eher die USA ungerecht „abgestraft“ als die Euroländer.
Mit anderen Worten: Für Großinvestoren sind Ratings nicht vom Berg Sinai verkündet. Sie weichen in ihren Entscheidungen durchaus von der Meinung der Agenturen ab, brauchen deren Ratings aber als Anhaltspunkt und vor allem als Feigenblatt, um im Ernstfall Verantwortung abschieben zu können. Aber ein großes politisches Drama um Zeugnisnoten zu machen, die schon lange vorher von den Märkten fixiert worden sind – das zahlt sich nicht aus.
E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2012)
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