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Ratings: Ein Zeugnis ganz nach Politikerwünschen

26.01.2012 | 09:16 |  von Josef Urschitz (Die Presse)

Wichtiger als eine eigene Ratingagentur wäre für Europa ein entspannterer Umgang mit den Ergebnissen der Länderprüfungen. Meist hinken die Agenturen nämlich nur dem Markt hinterher, statt ihn zu dominieren.

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Demnächst bekommen wir also eine europäische Ratingagentur: Wenn alles glattgeht, wird eine von privaten Investoren getragene Gesellschaft noch heuer mit der Bewertung von Länderrisken beginnen.

Na dann wird ja alles gut. Dann können wir uns künftig Aufregungen wie beim jüngsten „Rundumschlag“ von Standard& Poor's (der unter anderem Österreich das Triple-A-Rating gekostet hat) ersparen. Das war ja nicht mehr auszuhalten: Von „Brandbeschleuniger“ war da die Rede, vom amerikanischen „Wirtschaftskrieg“ gegen den Euro. Und selbst der Ewiggestrigencode für die jüdisch-kapitalistische Weltverschwörung, die „Ostküste“, wurde da und dort aus der verstaubten Mottenkiste geholt.

Das alles ist dann natürlich Geschichte: Die Euro-Agentur wird schon „richtig“ und ohne politische Hintergedanken bewerten. Zumal ja auch ein europäisches Regelwerk für Länderbeurteilungen ausgearbeitet wird.

Man könnte jetzt natürlich fragen, ob es wirklich die sinnvollste Reaktion ist, bei einer unerwünschten Diagnose einfach den Arzt zu beschimpfen und nach einem neuen Diagnostiker zu rufen. Aber bitte: Schaden kann eine europäische Ratingagentur nicht. Konkurrenz belebt die Sinne, senkt die Kosten (Ratings sind für die „Gerateten“ ja sündteuer) – und je mehr Diagnosemeinungen es gibt, desto eher wird man sich ein objektives Bild machen können.

Die Frage ist nur, ob es im Sinne der politischen Erfinder laufen wird. Die drei großen US-Agenturen – S&P, Moody's und Fitch – haben ja schon lange kein Weltmeinungsmonopol mehr. Die Chinesen sind den von der EU jetzt geplanten Weg schon vor 18 Jahren gegangen. Ihre (ebenfalls nicht staatlich organisierte) Agentur heißt Dagong und ist unterdessen global aufgestellt. Sie hat übrigens im Vorjahr, lange vor S&P, Österreich und Frankreich von „Triple A“ auf „AA+“ herabgestuft.

Ist Ihnen das damals aufgefallen? Nein? Hat der Bundeskanzler deshalb Fracksausen bekommen? Nein? Warum eigentlich nicht?

Vielleicht, weil die kein Investor so richtig ernst nimmt? Wird so sein. Und wenn man sich die Ratings genauer ansieht, weiß man auch schnell, warum: Dagong ist eine Spur strenger als Fitch und Moody's, kommt bei den meisten Ländern aber zu ähnlichen Schlüssen wie S&P. Mit zwei großen Ausnahmen: Die USA und Großbritannien werden deutlich schlechter bewertet als bei den anderen Agenturen, China dagegen (mit „AAA“) deutlich besser.

Das riecht ein bisschen nach politischer Bewertung – und so etwas ist eben leider nicht vertrauensbildend. Genau so wird es der Euro-Agentur auch gehen: Entweder sie bewertet unvoreingenommen. Dann wird sie in den meisten Fällen zu ähnlichen Ergebnissen wie die Konkurrenz kommen. Oder sie bewertet politisch – dann ist ihr Urteil wertlos.

Wichtiger als eine eigene Ratingagentur wäre für Europa allerdings ein entspannterer Umgang mit dem Zeugnis dieser Agenturen. Da herrscht momentan auf dem Alten Kontinent ein bisschen viel Hysterie vor. Hysterie, die den Agenturen erst jene „Macht“ verleiht, mit der sie angeblich ganze Staaten ins Unglück stürzen.

Hilfreich ist dabei, Renditecharts der wichtigsten Staatsanleihen zur Hand zu nehmen und dort die Ratingveränderungen zu markieren. Da sieht man mit freiem Auge Erstaunliches: Im Regelfall bestimmen nicht die Ratingagenturen die Anleihenzinsen, sondern sie passen ihre Ratings – manchmal mit großer Verzögerung – den Märkten an.

Österreich und Frankreich etwa sind von den Anleihezeichnern bereits ab 2007/2008 „abgestuft“ worden. Ab diesem Zeitpunkt haben sich ihre Anleihezinsen vom deutschen „AAA“- Niveau wegbewegt. Und: Sie müssen für ihre Staatsschuld auf dem Markt wesentlich mehr bezahlen als die von S&P ebenfalls auf „Doppel-A“ abgestuften USA. Nimmt man die mit Investmentenscheidungen untermauerte Marktmeinung, dann hat S&P eher die USA ungerecht „abgestraft“ als die Euroländer.

Mit anderen Worten: Für Großinvestoren sind Ratings nicht vom Berg Sinai verkündet. Sie weichen in ihren Entscheidungen durchaus von der Meinung der Agenturen ab, brauchen deren Ratings aber als Anhaltspunkt und vor allem als Feigenblatt, um im Ernstfall Verantwortung abschieben zu können. Aber ein großes politisches Drama um Zeugnisnoten zu machen, die schon lange vorher von den Märkten fixiert worden sind – das zahlt sich nicht aus.


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2012)

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6 Kommentare
Gast: gats
26.01.2012 13:00
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Sie sprechen von den ewig gestrigen

Sie sprechen von den ewig gestrigen und meinen damit ganz pauschl gesagt Israel-kritische Stimmen. Sie gestatten mir dass ich sie jetzt auch ganz einfach in eine Schublade stecke, zusammen mit denjenigen, die schwer von Begriff sind.

Es geht/ging nicht um die Ratingabstufung von Frankreich und Oesterreich, beide Laender haben nach wie vor so gut wie eine Topbonitaet. Ihre heiss geliebten Maerkte haben auch so gut wie gar nicht darauf reagiert. Und jetzt aufgemerkt: Es geht um die Verhaletnissmaessigkleit der ratings der amerikanischen Agenturen gegnueber ihrem eigenen Land und Europa. Es ist ein Unding eine der groessten Volkswirtschaften der Welt, die Rede ist von Italien, fast auf Ramschniveau herabzustufen, und dabei die USA auf ihrem quasi Topbonitaet-Status zu belassen. #

Auch denjenigen die ganz schwer von Begriff sind muesste dabei auffallen, dass die besagten Agenturen zumindest auf einem Auge blind sind, wenn es die USA betrifft.

Gast: mark1
26.01.2012 11:00
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Die Noten sind nur Mittel zum Zweck!

Ratingagenturen sind auch nur ein Werkzeug in der Werkstatt. Die Bedeutung hängt rein davon ab wie ein Werkzeug eingesetzt wird. Im Artikel ist zu lesen, dass der Stellenwert der Noten gar nicht so groß ist und überschätzt wird. Warum? Weil das Werkzeug anders eingesetzt wird und dies im Artikel nicht angesprochen wird. ZB. sind der Zeitpunkt und die Wortwahl von Veröffentlichungen der Agenturen sehr wichtig. Diese Dinge werden gezielt und politisch eingesetzt. S&P hat nicht zufällig die Zeitpunkte der Herabstufungen gewählt (Stimmung bessert sich, Zinssätze fallen, schwache Staaten konnten gerade ihre Anleihen verkaufen, da kommt schon die nächste Negativschlagzeile der US Agentur). Es ist auch kein Zufall, dass die USA und ihre Pleitebundesstaaten nicht durch den Kakao gezogen werden und S&P zwar die Note gesenkt hat, aber sonst keine Angriffe reitet.
Die Note ist einfacher zu überprüfen und daher der Spielraum für Einflußnahme klein. Warum haben die Ratingagenturen dann so einen Stellenwert? Weil sie ein Werkzeug, eine Waffe sind. Nicht die Noten sind ihre Stärke, sondern die Möglichkeit mit ihnen weltweite Aufmerksamkeit zu bekommen und Meinungen zu bilden und zu beeinflussen. Dies entspricht einem gewaltigen Werbewert, der von der Politik nicht ignoriert werden kann.
Daher besteht sehr wohl die Notwendigkeit das US Monopol zu beenden. Die Schlußfolgerung, dass europ. Agenturen nicht notwendig seien, weil sie ähnliche Noten vergeben ist falsch und zu oberflächlich.

Antworten Gast: trader1
26.01.2012 11:24
1 0

Re: Die Noten sind nur Mittel zum Zweck!

das witzige ist ja, wenn man sich die poltische diskussion ansieht, dass fast niemand die originalbegründung von standard poors gelesen hat (tja englisch sollte man können :-)

Antworten Antworten Boris
26.01.2012 19:10
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Re: Re: Die Noten sind nur Mittel zum Zweck!

Ich hab's gelesen. Was in der Begründung steht ist nachvollziehbar.

Gast: trader1
26.01.2012 09:05
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aber die sind doch ihre kollegen :-)

die alte definition, die jeder journalist kennen sollte:-) : eine nachricht ist dann eine nachricht, wenn sie öffentlich wird, vorher ist sie nur ein faktum :-)

natürlich orientiert man sich an fakten, auch wenn sie der mehrheit noch nicht bekannt sind .. und die die sich nicht auskennen (wie politiker und die mehrheit der bevölkerung), die muessen halt drauf warten, das die ratinagentur AA sagt, statt AAA, weil sie ja mit der tatsache, das die zinsen gestiegen sind gar nichts anfangen :-)

Gast: carver
26.01.2012 08:29
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Danke Ratingagenturen

Zum Glück gibt es diese Ratingagenturen, die unseren regierenden Politikern den Spiegel vorhalten.
Wäre es ohne dem Druck dieser Agenturen zu diesen höchst notwendigen Einsparungspläne gekommen? Ich wette dass Nein.
Offensichtlich sind sie noch das einzige funktionierende Korrektiv in einer Demokratie in Bezug auf Staatsschulden.
Vom verlängerten Arm der Wähler, nämlich den Politikern kann man offensichtlich eine vernünftige selbstlose Finanzpolitikgestaltung nicht erwarten, sonst verliert man ja die nächste Wahl, und derjenige, der wieder mit Geld um sich schmeißt wird sie gewinnen...
Hat uns ja schon der Bruno K. gezeigt