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Tunnelpläne: Schwarze Löcher, rote Zahlen

21.03.2012 | 18:22 |   (Die Presse)

Umstrittene Bahnprojekte belasten kommende Generationen mit gut 55 Milliarden Euro zusätzlichen Staatsschulden und gefährden so die Bonität des Staates. Nennenswerte Einsparungen sind nicht in Sicht.

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In der an sich sehr gut aufgestellten heimischen Wirtschaft gibt es zwei „Problembären“, die abenteuerlich ineffizient wirtschaften und deshalb hoch subventioniert werden müssen. Beziehungsweise, das ist Ansichtssache, hoch subventioniert werden und es sich deshalb leisten können, abenteuerlich ineffizient zu wirtschaften. Beide – wir reden von der „übermechanisierten“ Landwirtschaft und den Bundesbahnen – sind beim jetzigen Sparpaket sehr sanft angefasst worden. Was eigentlich verwunderlich ist: Immerhin kostet die Landwirtschaft jedes Jahr den Gegenwert einer durchschnittlichen Steuerreform, die Bundesbahnen den von zwei.

Wer ist für diese Steuergeldverschwendung beziehungsweise für deren Nichtabstellen eigentlich verantwortlich? In Sachen Bundesbahnen versucht ein soeben erschienenes Buch (Hubertus Godeysen, „Österreichs Bundesbahnen – Schwarze Löcher, rote Zahlen“, Edition Va Bene) dieser Frage nachzugehen. Und zeichnet dabei ein (leider direkt aus dem prallen Leben gegriffenes) austriakisches Sittenbild.

Eines, in dem Regionalpolitik und Baulobby den Bahn-Führerstand beherrschen, in dem in der Praxis nicht existierende Verkehrsachsen (wie etwa die Baltisch-Adriatische) mit politischem Druck sogar zu TEN-Projekten (TEN steht für prioritäre transeuropäische Verkehrsnetze) hochlobbyiert werden. Eines, in dem Milliardenprojekte auf Basis völlig unrealistischer Verkehrsprognosen auf dem Weg gebracht werden. Eines, in dem Forschungsinstitute Tunnelprojekte, die sie als unabhängige Gutachter zweifelhaft fanden, plötzlich zu unglaublichen Konjunkturimpulsen hochjubeln, wenn der Auftrag von der „Tunnelseite“ kommt. Kein Wunder, dass die ÖBB darauf ziemlich nervös und auch ein bisschen kindisch reagieren. Etwa mit dem markenrechtlich begründeten Verbot, im Buch das Kürzel ÖBB zu verwenden.

Wie auch immer: Mit „Tunnel“ sind wir jetzt beim Stichwort. Derzeit sind ja – Budgetkrise hin oder her – mit Semmering, Koralm und Brenner drei Riesen-Tunnelprojekte im Laufen, deren verkehrspolitischer Nutzen teilweise ein wenig umstritten ist, um das einmal vorsichtig zu formulieren. Die aber samt Zulaufstrecken und Finanzierung laut Rechnungshof die Bahn- bzw. Staatsschulden in den nächsten Jahrzehnten um „mindestens“ 55 Mrd. Euro erhöhen werden. Eine ganz schöne Hypothek, die da künftigen Generationen umgehängt wird.

Von wem, wollen Sie wissen? Tja, das ist nicht so ganz klar, denn vorsichtshalber sind in der Bahn und im Infrastrukturministerium die Kindeswegleger schon eifrig am Werk. Theoretisch ist die Sache klar: Das als Aktiengesellschaft organisierte Unternehmen ÖBB entscheidet, was gebaut wird, dessen Infrastrukturtochter nimmt die nötigen Kredite auf. Der Staat betätigt sich als Haftungsgeber und ermöglicht der Bahn so, sich vernünftig am Kapitalmarkt zu finanzieren.

So ähnlich sieht das offenbar auch das Infrastrukturministerium. In einer Aussendung dieses Ministeriums hieß es vor Kurzem jedenfalls, es sei „unseriös und sachlich nicht gerechtfertigt“, die Bundeshaftungen für ÖBB-Schulden als budgetwirksam darzustellen. Sind ja nur Haftungen.

Und die ÖBB, die diese Haftungen beanspruchen? Die haben auf eine schriftliche Anfrage Godeysens dankenswerterweise schriftlich geantwortet. Und zwar so: Die Bahn entscheide nicht selbst über ihre Infrastrukturprojekte, sondern werde vom Staat „beauftragt“. Und, wörtlich: „Der Bund zahlt also nicht direkt, wie anderswo in Europa, sondern bedient sich der ÖBB als Finanzierungsinstrument. Die dafür notwendigen Darlehen stehen dann eben in den Büchern der ÖBB und nicht im Staatsbudget.“ Die ÖBB-Schulden seien daher „Schulden im Auftrag der Republik“.

 

So klar ist von offizieller Seite noch nie bestätigt worden, dass die ganze Konstruktion ganz schlicht dem Verstecken von Staatsschulden dient. Für die Staatsschuldenstatistiker bei Eurostat ist das zwar keine große Neuigkeit, denn dass die derzeit erst teilweise in den Staatsschulden aufscheinenden Bahnschulden bald zur Gänze – wie anderswo in Europa auch – dem Bund zugerechnet werden, steht seit Längerem fest. Da reden wir derzeit immerhin von fast 20 Milliarden Euro, die zügig auf die 30-Milliarden-Grenze zumarschieren. Wenn die Regierung aber ihre rhetorischen Sparbemühungen ernst nimmt, könnte sie also zumindest einmal das geplante explosive Wachstum ihrer (noch) versteckten Schulden stärker einbremsen. Denn so drängend ist die Tunnelorgie auch wieder nicht: Die Baltisch-Adriatische Verkehrsachse ist in der Praxis eine Donau-Drau-Achse und wird das wohl noch einige Zeit bleiben. Und dass der Brenner-Basistunnel unter der bei Weitem nicht ausgelasteten Brenner-Scheitelstrecke prioritär gebohrt werden muss, glauben höchstens ein paar Tunnelbaufirmen.

Zumal dem legendären Ex-Verkehrsminister Hubert „the world in Vorarlberg is too small for me“ Gorbach im Tirolerischen ein Vertrags-Gustostückerl der Sonderklasse gelungen zu sein scheint. Der Brenner-Vertrag sieht ganz so aus, als würden eventuelle Gewinne auf die italienische und eventuelle Verluste auf die österreichische Seite des Alpenpasses rollen. Da noch einmal Luft zu holen und wirkliche Prioritäten zu setzen wäre nicht die dümmste Idee. Zumal das Sparpaket ohnehin schon löcherig wie ein Schweizer Käse ist.


E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2012)

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20 Kommentare

IPSAS kommt

Wenn dann 2013 die IPSAS Regeln in Kraft treten; wird unser Budgetdefizit von 82% BIP auf über 100 - also auf Italienisches Niveau ansteigen. Usere Politiker wissen die Ziffer genau- nur ist sie streng geheim. Wieso also sparen - besser alles gleich ausgeben und die eigenen Taschen noch schnell füllen.

www.unjiu.org/data/reports/2010/JIU_REP_2010_6_final.pdf
http://www.kpmg.com/CH/de/Library/Articles-Publications/Documents/Branchen/pub_20091201_IPSAS_Newsletter_Dezember_2009_DE.pdf

IPSAS = International Public Sector Accounting Standards mit ausgehandleter Übergangsfrist bis 2013

STOPPT Bures! STOPPT den Tunnelwahn dieser Regierung!

Diese verantwortungslose Regierung spart nicht oder am falschen Platz. Bei den ÖBB wird an den Monsterlöchern Koralmtunnel, Brenner- und Semmering-Basistunnel festgehalten und werden stattdessen sinnvolle Elektrifizierungs-, Automatisierungs- und Sicherheitsprojekte gestrichen oder verschoben. Bei den drei Monstertunnel, die inkl. Finanzierungskosten 65 Milliarden Euro Staatsschulden verursachen, gehen die Einsparungen einzig zu Lasten der Sicherheit anstatt komplett auf diese Löcher zu verzichten.
Wer es nicht glaubt kann das alles und noch viel mehr im neuen Buch von Hubertus Godeysen: "Österreichs Bundes Bahnen - Schwarze Löcher, Rote Zahlen" (ISBN 978-3-85167-254-1) nachlesen.

Gast: Stefan Grauermann
22.03.2012 12:50
0 0

Seltsam ...

... dabei schafft man damit doch sooo viele Arbeitsplätze: z.B. laut einer Studie der TU Wien aus 2010 je Milliarde Investition in Eisenbahnbaumaßnahmen 17.000 Arbeitsplätze. Zuletzt von der Frau BM am 29. Februar 2012 im Parlament bestätigt - es muß also stimmen.

Mit den in Rede stehenden 55 Milliarden sind das schon 935.000 Arbeitsplätze. D.h. ein Achtel der österreichischen Bevölkerung gräbt und schaufelt Löcher in Berge und errichtet Bahnhöfe??

Gast: freund?
22.03.2012 11:24
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ÖBB




abschaffen !

Man sollte sich

sowohl in der Landairtschaft als auch bei den ÖBB die Schweiz (kein EU-Mitglied) zum Vorbild nehmen. Die schweizer Landwirte bekommen keine EU-Förderung, sondern wenn dann vom Schweizer Bund und sie produzieren hervorragende Qualität auch ohne viel Zuzahlungen. Die SBB (Schweizerische Bundesbahnen) sprechen alle Vorhaben mit der Bevölkerung ab und investieren dort, wo es nötig ist nach vorheriger genauer Planung. Sie agieren, nicht reagieren. Sie modernisieren laufend und sind auch bereit, für Europa die Nord-Süd-Achse auf eigene (!) Kosten auszubauen (Beispiel NEAT - Gotthard-Tunnel). Die Eidgenossen planen und arbeiten mit Verstand und schauen aufs Geld ihrer Bürger. Bei uns jedoch ist in allen Fällen davon keine Rede.

Zweitens.

Landwirtschaft und Bahnbauprojekte sind auch so überhaupt nicht zu vergleichen, weil den Bahninvestitionen ein langfristig nutzbarer, physischer Gegenwert gegenüber steht.

In der Landwirtschaft geht es (fast nur) um die Subventionierung eines laufenden Betriebes. Wenn man LW und Bahn zusammenwirft, sollte man sich mal die laufenden betrieblichen Zuschussbedürfnisse der Bahn anschauen, nicht die Infrastrukturinvestitionen.

Komischer Artikel.

1. ist der Semmeringtunnel wohl eines der verkehrspoltisch (und sogar betriebswirtschaftlich) unumstrittensten Bahnprojekte überhaupt.

2. Haben die operativen ÖBB mit vielen Projekten gar nicht immer soviel Freude. Die lassen die Betriebskosten in die Höhe schnalzen, ohne dass ein erkennbarer Einnahmenzuwachs dem gegenüber steht.

Solche Projekte sind rein politischer Natur und folgen meist dem Lobbying der Bauwirtschaft.

Re: Komischer Artikel.

@Schnabeltierfresser: Komischer Standpunkt bei Punkt 1: wo haben Sie diesen Unsinn her? es gibt objektiv keinen Bedarf für den Semmering-Basistunnel. Und betriebswiertschaftlich? Die Betriebs- und Instandhaltungskosten sind höher als selbst die optimischsten Erträge. D.h. dieser Tunnel wird nicht einmal die laufenden Kosten decken, von den Investitionskosten von 12-15 Milliarden (inkl. Zinsen) gar nicht zu reden.

Komischer Standpunkt

@Schnabeltierfresser: Komischer Standpunkt bei Punkt 1: wo haben Sie diesen Unsinn her? es gibt objektiv keinen Bedarf für den Semmering-Basistunnel. Und betriebswiertschaftlich? Die Betriebs- und Instandhaltungskosten sind höher als selbst die optimischsten Erträge. D.h. dieser Tunnel wird nicht einmal die laufenden Kosten decken, von den Investitionskosten von 12-15 Milliarden (inkl. Zinsen) gar nicht zu reden.

Antworten Gast: bwc
22.03.2012 10:19
1 0

An Pkt 2

ist aber die ÖBB schuld. Schauen Sie sich mal an, wie Wiener Linien oder WESTbahn die Fahrgastzahlen steigern konnten, indem sie preislich vernünftig agieren.

Gast: HMV2000
22.03.2012 09:34
1 0

Da hat der Herr Urschitz

die Hälfte der Bauernförderungen übersehen. Nur weil sie als "Hilfe für ländliche Regionen" uä tituliert werden, heißt das noch lange nicht, dass man sie nicht als das sieht, was sie sind: BAUERNFÖRDERUNGEN. Und dass Bauernförderungen und ÖBB-Förderungen genau gleich hoch sind - ist unter Schwarz - Rot kein Zufall sondern Proproz.

lauter irre und keiner stopt den wahsinn (mit legalen Mitteln)..


Re: lauter irre und keiner stopt den wahsinn (mit legalen Mitteln)..

Das sind keine Irren, die wissen ganau, was sie tun - und vor allem für wen... ;-)

4 0

und wie immer vergessen sie zu erwähnen, dass eine ganze gruppe "freunderl" dadurch sehr sehr reich oder noch reicher wird!!! karli... seppi... peppi... klausi... peter... michi... usw.


Gast: Markus Trullus
22.03.2012 06:21
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Bürgerentscheid????

Ich denke, das Ding ist aus der Welt, wenn es dazu einen Bürgerentscheid geben würde, wo dem Bürger vorgerechnet wird, wieviel er in den kommenden 50 Jahren mehr an Steuern für diese Tunnels zu bezahlen hätte. Stimmt er/sie dann noch zu? Westlich von uns macht man das so, und die Sache ist dann gegessen...

um 55 mrd euro, baue ich jede autobahn 12 spurig aus (pro fahrtrichtung)

sogar um den berg herum, ohne tunell und habe danach immer noch 15 mrd uebrig ...

der bankrotte laden oebb wird noch der sargnagel fuer die finanzen der republik

Gast: oko
22.03.2012 00:19
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krankenkassen

meine herren
denken sie mal nach was 36 sinnlose krankenkassen kosten

milliarden
gebäude
sekretärinnen
chef
usw


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Dieses Sparpaket ist ein reines Schummel- und Belastungspaket

Aber hoffentlich wird der Wähler das bis 2013 nicht vergessen, wenn SPÖ und ÖVP zusammen mal so auf 45% kommen.
Die jetzige Regierung hält die Bevölkerung für debil, sonst würde sie nicht versuchen so alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen.

Antworten Gast: nestbeschmutzer
22.03.2012 08:50
1 0

Re: Dieses Sparpaket ist ein reines Schummel- und Belastungspaket

Ich fürchte,ich muss sie enttäuschen; bis zur Wahl hat der Ösi das wieder vergessen (Nationale Alzheimer) und wählt wieder brav die wahlzuckerlverteilenden Paddeien (das zahlt ja eh der Staat!) . So ist das immer schon Tradition in Ösiland....

Re: Re: Dieses Sparpaket ist ein reines Schummel- und Belastungspaket

Na hoffentlich durchbricht mal der Wähler diesen Teufelskreis.