25.05.2013 16:18 Merkliste 0

Bilanz: Ein krummes Ding am Semmering

09.05.2012 | 18:13 |   (Die Presse)

Österreich kann es finanziell noch nicht so schlecht gehen: Beim Semmering-Basistunnel wurde die teuerste Variante gewählt. Es ginge auch um eine Milliarde günstiger.

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Ganz Europa ist derzeit auf der Suche nach Sparpotenzialen, um die Budgets wieder ins Lot zu bringen und nebenher noch ein bisschen Geld für einen „Wachstumspakt“ aufzustellen. Österreich hat diese Sorgen offenbar nicht. Denn hierzulande glaubt die Regierung, ein bisschen über eine (völlig unrealistische) Finanztransaktionssteuer zu reden, mache schon den Versuch überflüssig, die von Wifo, IHS und Rechnungshof mit mindestens 20 Mrd. Euro bezifferten Effizienzpotenziale in Verwaltung und Gesundheitswesen zu heben.

Auch sonst dürfte es an Geld nicht mangeln. Der Münchener Bauexperte Rupert Springenschmid etwa macht uns darauf aufmerksam, dass der soeben „spatengestochene“ Semmering-Basistunnel um eine Mrd. Euro billiger gebaut werden könnte. Einfach dadurch, dass man die kürzestmögliche Verbindung zwischen den beiden Tunnelportalen wählt. Und nicht die jetzt geplante Riesenschleife mit mindestens 8,3 Kilometer Umweg, die den Tunnel solcherart um gut ein Drittel verlängert. Eine Milliarde ist heutzutage zwar nicht mehr wirklich viel, man kann damit nicht einmal mehr eine mittelgroße österreichische Bank retten. Aber es ist wahrscheinlich mehr, als Herr Faymann jemals mit seiner geliebten Transaktionssteuer einnehmen wird. Und es sind immerhin knapp 120 Euro pro Österreicher.

Semmering-Basistunnel: Mit 230 km/h durch den Berg

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Springenschmid ist nicht irgendwer: Er ist emeritierter Ordinarius für Baustoffkunde und Werkstoffprüfung an der Technischen Uni München und er war international gefragter Gutachter – auch bei Tunnelprojekten.

Und er ist kein Eisenbahngegner: Er hält einen Eisenbahntunnel zwischen Niederösterreich und der Steiermark im Sinne einer Attraktivitätssteigerung der Südbahn für notwendig.

Um so mehr wundert es ihn, dass der Tunnel nicht, wie bei solchen Verbindungen „seit Menschengedenken“ üblich, die kürzeste Verbindung sucht, sondern unterirdisch 8,3 Kilometer Umweg (siehe Grafik) macht. Das sei „weltweit ein Novum“ und löse „bei Fachleuten im Ausland Kopfschütteln aus“.

Schön für die Bauindustrie allerdings, die 16,6 Kilometer (der Tunnel ist ja zweiröhrig) länger bohren darf, schlecht für die Fahrgäste, deren Fahrzeit wieder um vier bis sechs Minuten zunimmt.

Die Frage ist, wieso dieses krumme Ding so geplant wurde. Technische Gründe seien es nicht, sagt der Experte. Und Umweltgründe seien höchstens vorgeschoben. Was also ist es dann?

Dazu muss man ein bisschen ins Detail gehen: Will man eine „Flachbahn“ bauen (und nur so macht der Tunnel Sinn), dann darf die Steigung nur maximal 8,5 Promille (8,5 Meter auf einen Kilometer) betragen. Das Mürztal liegt deutlich höher als der Ausgangspunkt im niederösterreichischen Gloggnitz. Würde man den Tunnel also halbwegs „gerade“ machen (etwa die Variante Ochsnerhöhe), würde er bei Hönigsberg aus dem Berg kommen.

„Na und?“, fragen Sie. „Mürzzuschlag!“, sage ich.

Mürzzuschlag ist mit seinen 8697 Einwohnern zwar nicht gerade eine vibrierende Weltmetropole. Aber ein Eisenbahnerzentrum mit der – wie Hubertus Godeysen in seinem jüngst erschienenen Buch „ÖBB – Schwarze Löcher, rote Zahlen“ feststellt – höchsten Eisenbahnerdichte des Landes. Und dieses Mürzzuschlag würde nicht mehr an der Südbahn liegen, seine überdurchschnittlich häufig bei der ÖBB beschäftigten Einwohner müssten vier Kilometer auf einer dann zur Nebenbahn degradierten Strecke zum Schnellzug anreisen.

(c) DiePresse

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Ein Blick auf die Grafik mit den Planungsvarianten zeigt: Die längste, umständlichste und teuerste Variante ist die einzige, die vor Mürzzuschlag das Licht der Steiermark erblickt. Und sie ist die, die verwirklicht wird.

Wie viele andere schließt auch Springenschmid nicht aus, dass das „mit der Tüchtigkeit der Mürzzuschlager Eisenbahnergewerkschaft“ zu tun haben könnte. Bei der Bahn tut man solche Gerüchte natürlich als „Bledsinn“ ab. Ein starkes Indiz dafür gibt es aber: Bei der im vorigen Jahrzehnt geplanten (und unterdessen wieder verworfenen) Tunnelvariante, die genau unter Mürzzuschlag im Berg verlaufen wäre, hatte der SP-Bürgermeister mehrfach gemotzt, dass es nicht anginge, sein Eisenbahnzentrum einfach zu „umfahren“. Woraufhin selbst die damals schwarz-blaue Regierung Pläne für einen 70 Meter unter der Erde liegenden Bahnhof gewälzt hatte.

Schon spannend, wie bei uns weitreichende Investitionsentscheidungen zustande kommen können. Aber selbst wenn die Grundlage für die Letztentscheidung eine ganz andere war: Ein Staat, der bei einer Investitionsentscheidung ohne Not die teuerste Variante wählt – der muss finanziell wohl noch ordentliche Reserven haben. So große jedenfalls, dass er uns nicht ständig mit Steuererhöhungsplänen belästigen sollte.


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2012)

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51 Kommentare
 
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Gast: Ender Wiggin
12.05.2012 20:42
0 0

jetzt erst?

die Trassenentscheidung ist vor 1,5 Jahren gefallen (mit etwas undurchsichtigen Begründungen, nachzulesen im Netz). Und jetzt - nach dem Spatenstich - kommt der Herr Experte und die Presse auf einen Skandal drauf. Bisschen spaet wuerd ich sagen.

Gast: BraS
10.05.2012 13:37
0 0

Münchener Bauexperte Rupert Springenschmid

auch bei Stuttgart 21 und der 2. S-Bahnstammstrecke in München gibts kostengünstigere Lösungen, als die offiziell verfolgten.

Hat sich der Experte dort auch zu Wort gemeldet, und wenn nein, warum eigentlich nicht?

das ist Österreich live

was soll "Mann" da noch tun oder denken

da wünsch ich mir doch die Habsburger wieder ... oder

Gast: landbader
10.05.2012 11:02
4 0

Pröll Kurve

Man sollte den Tunnel Pröll Kurve nennen, denn die Umfahrung wasserführender Gesteinsschichten zur Gesichtswahrung des Herrn Pröll wird ohne entsprechenden Namen in Zukunft in Vergessenheit geraten. Und das wollen die Bauleute wirklich nicht, dass die Nachwelt denken könnte im 21 Jahrhundert hätten wir keine geraden und wasserdichten Tunnel bauen können....

Gast: Eleonora K.
10.05.2012 10:36
6 0

Milliarde

Naja, je höher die Kosten desto höher die "Provisionen".

Gast: knuck1es
10.05.2012 09:02
3 0

Einfache Rechnung

1 000 000 000€ : 8697 = 114982€

Ist zwar eine einfache populistische Rechnung, aber wenn die Politik das große Ganze aus den Augen verliert, weil sich eine priviligierte Minderheit gegenüber jedem gesunden Menschenverstand behaupten kann, darf man sich daran bedienen.
Die Frage die man sich wohl stellt ist, wieviel ist es Wert, das ca 9000 Mürzer(oder wie man sie nennt) ca 10 Minuten früher bei der Arbeit sind. Ich denke mal wohl keine 1 Mrd. Aber sowas zeigt sich auch schon, wenn in jeder kleinen Gemeinde das größte Politikerziel die Autobahnabfahrt und Anbindung ist.

Sind sie mit der Infrastruktur die der Ort vorgeben nicht zufrieden und es sich wirtschaftlich nicht lohnt diese zu verbessern, sollten sie wohl umziehen. Aber Umziehen und den Heimatort verlassen ist in Österreich leider noch eine nicht gängige Praxis und daher broken wir uns solche volkswirtschaftlichen Fehltritte ein!

Gast: Ob's wenn auffällt?
10.05.2012 08:27
1 0

Wenn die Baufirma den Tunnel gerade baut?

Und die Rechnung für die lange Version der Republik präsentiert, wenn nicht Ostern und Weihnachten für die Baufirma...

Indirekt hat auch die ÖBB wegen weniger Kilometerleistung für die Zukunft einen enormen Vorteil.

(Upsss, ob das jetzt ein Aufforderung zu einer Begehung einer Straftat ist?)

Tunnelbau

Nicht zu vergessen, 1km Tunnel kostet 5-10x so viel wie 1km Freilandstrecke. Bei 8,3km mehr Tunnel kann sichs ja jeder selber ausrechnen und mal auf einer Landkarte schaun, was wir sonst an Bahnstrecken drum bauen hätten können.

Richt auch irgendwie nach Korruption wenn so irrationale Entscheidungen gefällt werden, nicht nur bei diesem Tunnel (Koralm, Semmering). Generell frag ich mich warum wir 3 riesigen Tunnelprojekte bauen, statt den Bestand zuerst auszubauen und wenn wir dort eine Auslastung wie die Schweiz haben erst über Tunnelprojekte nachzudenken.

Würd mich nicht wundern wenn da ein paar Herren der großen Baukonzerne mit Kuverts unterwegs sein.
Und wenn ich mir die Bausummen anschau, kanns leicht sein, dass der BUWOG Skandal im Vergleich eher ein Skandälchen.


Antworten Gast: Vogel Strauss
10.05.2012 08:46
4 0

Re: Tunnelbau

Wie sagte Herr Pöchhacker: 'Große Bauaufträge sind nicht vom politische Milieu trennbar'. Mittel 'politischer Landschaftspflege' via Hr. Hochegger kommen eben solche Projekte zustande. Die Deppen von Steuerzahler zahlens eh!

Gast: Na und?
10.05.2012 07:23
6 0

Werter Hr. Urschitz!

SO funktioniert Österreich!

Infrastrukturprojekte werden politisiert anstatt dem Hausverstand zu folgen.

SPÖ + ÖVP in den Ländern freuen sich über den Triumph über SPÖ + ÖVP im Bund. Lustigerweise sitzen überall die gleichen Leute!

Zahlen sollen/ müssen das sowieso die anderen!

Gast: Tünnel Experte
10.05.2012 07:04
1 0

DA HAT DIE FRAU MINISTER

Wohl das Loch im Berg mit einem Loch im Zahn verwechselt!

Kann vorkommen bei den Roten!

Antworten Gast: Eleonora K.
10.05.2012 11:43
1 0

Re: DA HAT DIE FRAU MINISTER

Gibt es nicht ein Sprichwort: Schmutz schwimmt nach oben?

Gast: Bärenfalle..
10.05.2012 06:25
1 0

Jo mei ..

Wird halt das Verabschiedungsgeld für rot-schwarz inkludiert sein.


4 0

Hr. Urschitz, dass Sie noch nicht verstehen wie Österreich und vor allem die Politik(er) funktioniert? Wozu 1 Stück um 1 bauen, wenn man auch 2 um 2 bauen kann ODER 1 Stück um 3 bauen lassen, dann 1 für dich und 1 für mich, und um 1 lassen wir die anderen das bauen! usw. Das sind Rechenbeispiele die sich überall anwenden lassen. Österreich hat viele Dickschädel, viele Parteifreunde, viele Günstlinge, und vor allem eines: KEINE Integrität, KEINEN Rückgrat, KEINER ist für irgendetwas verantwortlich oder zuständig, und das Gedächtnis der Österreicher leidet schon seit Jahzenten unter Schwund und Schwindel!


Gast: hand auf und mund zu
10.05.2012 05:29
3 1

no change - yes we can

ob schwarz,rot,grün oder blau - mir wird im magen lau.

Die Mürzzuschläger hätte man auch mit einem U-Bahnhof, der längsten Rolltreppe der Welt und einem Strukturkrankenhaus entschädigen können


Gast: dergeblockte
10.05.2012 00:45
0 2

trotzdem blogge ich jetzt mal

mal sehen obs funktioniert

1 0

Re: trotzdem blogge ich jetzt mal

Meinst du hier im Forum posten? Bloggen ist etwas anderes.

Gast: Ein Wurmloch!
10.05.2012 00:37
3 0

Die Zeitungen kommen aber nicht ungeschorren davon jetzt!

Bisher hat keine Zeitung es gewagt über dieses Wurmloch zu reden oder zu schreiben, vielleicht hat's wer geschrieben in irgendeinem Blog, daraus eine Schlagzeile zu machen war dann doch zu viel verlangt (Man kann mich Korrigieren wenn dem so nicht ist, zumindest wurde das sehr kleinlaut gebracht...)

Aber in dem Land muß man ja schon froh sein wenn überhaupt für die Bahn was Investiert wird, und das auch fertig wird, die Westbahn wird jetzt seit mehr als 30 Jahren gebaut, die ersten Anschnitte werden inzwischen wieder Generalsaniert, somit dürfte das Bauwerke wohl eine ewige Baustelle bleiben...

Ach ja die Geographie ist so schwierig, schon komisch das Dinge die in Spanien, Frankreich und Deutschland samt dem Kanaltunnel in wenigen Jahren gehen, bei uns nie fertig werden...

Bleibt bei dem Tunnel nur mehr eine Frage wann wird der Tunnel für den Tunnel gebaut?

Gast: Karl Zone
09.05.2012 23:46
1 0

ich finde das super.....

...in Mürzzuschlag gibts eine gute Pizzeria, freue mich schon wenn diese Strecke fertig ist, dann fahre ich öfter auf eine Pizza nach Würzzuschlag!
Mit mir könnt ihr rechnen
Euer zukünftiger Vorteilskartenimeiltempozurpizzeriafahrender Karl Zone!
Be.es: ich mag mich!

Halloooo

ist da jemand? der letzte Artikel wurde um 22:33 gepostet, jetzt haben wir 23:22 !!!
keine reedakteure oder nur leute die keine befugnis haben ??

ich will meine 120 € zurück (!)

oder investiert es in sinnvollere öbb projekte, eine milliarde ist einfach zuviel für die direktanbindung an mürzzuschlag

Antworten Gast: Die Wurschtsemmel!
10.05.2012 01:23
0 0

Re: ich will meine 120 € zurück (!)

Bei 10 Jahren Bauzeit, macht das jährlich 12 Euro aus, im Monat um einen Euro, ganz ehrlich der Spaß ist mir den Euro Wert, und um das Ding bekommt man heutzutage ja nicht mal mehr ein Wurschtsemmel!

So Stichworte die mir einfallen, Eurowurm, Niederösterreichischeslandeshauptmanndenkmal, Vizebundeskanzlerdenkmal, und eigentlich sofort zum Weltkulturerbe erklären!

Das Tunnelprotal auf der Seite von Nierderösterreich dann als Niederösterreichischeslandeshauptmanndenkmalamt ausbauen...

Ihr verstehts das alles nicht

es ist doch wichtig, dass die polnischen Kartoffel, die zum Schälen nach Italien gebracht werden, 1-2 Stunden früher am Zielort sind!! Schließlich müssen die geschälten Kartoffel dann über das Brenner-Basistunnel rasch nach Holland gebracht werden, um sie dann als typisch Amsterdamer Spezialität als Pommes verkauft zu werden!
Habts ihr in Geo nicht aufgepasst?

Hallo, was soll die Aufregung !?

warum soll sich ein seit jahrzehnten gepflegter Usus ändern, nur weil jetzt ein paar Unschuldsvermutungen vor Gericht sitzen? Das wir auch in den nächsten 50 Jahren so weitergehen, also schade um die Energie und die Nerven; ich hab da schon längst kapituliert und genieße das schöne Wetter an der Alten Donau!

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Die Dummheit der österreichischen Regierung

kennt halt einfach keine Grenzen oder vielleicht wird ja schon wieder brav geschmiert!

 
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