Die Wirtschaft sucht händeringend nach Fachkräften, hören wir. Deshalb muss man jetzt schon aktiv versuchen, qualifizierte Arbeitskräfte in von Arbeitslosigkeit geplagten Krisenländern abzuwerben.
So manche einheimische Fachkraft hört das mit Verwunderung. Etwa jene hoch qualifizierten Techniker, die den diversen Kündigungswellen der heimischen Elektro- und Elektronikindustrie zum Opfer gefallen sind und jetzt – trotz Arbeitswillens und umfangreicher Requalifizierungen – keinen Job mehr finden, weil sie „überqualifiziert“, also über 50 Jahre alt sind.
Das Pensionsalter muss angehoben werden, hören wir ebenfalls. Denn Österreich gehört zur Weltspitze bei der Zahl der Frühpensionisten. Ein unhaltbarer, das Pensionssystem insgesamt gefährdender Zustand. Die Zahl der Invaliditätspensionen explodiert, seit die Pensionierung „krankheitshalber“ zumindest für ASVG-Versicherte das letzte verbliebene Schlupfloch in die „Rente“ ist.
Wie das zusammenhängt? Wer mit offenen Augen durchs wirkliche Leben geht (und das spielt sich außerhalb von schwarzen Jagdgesellschaften und roten Toskana-Zirkeln ab), der erkennt hier sehr schnell einen Mechanismus, der wegen seiner Milliardenkosten zum Sprengsatz für das gesamte Sozialsystem geworden ist: Frühpensionierung wird nicht nur bei der Bahn und im öffentlichen Dienst (wo das ja offen zugegeben wird) als Arbeitsmarktinstrument eingesetzt.
Dass dabei Milliarden verbrannt und ganz nebenbei auch teuer erworbene Qualifikationen in großem Ausmaß verschleudert werden, stört offenbar niemanden. Denn kurzfristig bringt es ja allen (vermeintliche) Vorteile:
•Unternehmen können teure „Alte“ loswerden. Solange die von den Sozialpartnern ausgehandelten Lohnstrukturen zumindest bei Angestellten das Dienstalter stärker belohnen als die tatsächliche Leistung, ist das durchaus rational und nachvollziehbar.
•Die Arbeitnehmerseite muckt dagegen nur rhetorisch auf, denn ein früherer Pensionsantritt widerspricht ihrer Arbeitsleid-Ideologie nicht wirklich.
•Und die hinauskomplimentierten Beschäftigten, die begreiflicherweise keine große Lust haben, jahrelang in Arbeitslosigkeit zu verharren (und dabei ihre Pensionsansprüche zu schmälern), nehmen dankbar Schlupflöcher wie die Invaliditätspension an. Auch das ist aus Sicht der Betroffenen nachvollziehbar, zumal es als eine Art „Notwehr“ gesehen wird.
Nur: Unterm Strich kommt solcherart ein von Unternehmern und Arbeitnehmern (mit Unterstützung durch einen Teil der Ärzteschaft, das muss man auch sagen) gemeinsam orchestrierter Sozialmissbrauch heraus, den wir uns eigentlich nicht leisten sollten.
Die vielen Phrasen, die wir in dieser Angelegenheit vorgesetzt bekommen, wollen wir jetzt eigentlich nicht mehr hören. Hier existiert ein wachsendes Problem, das analysiert und dann gelöst gehört. Dafür haben wir eigentlich die Sozialpartner, die sich ja sonst auch wichtig genug sehen. So wichtig, dass sie sich in die Verfassung reklamiert haben.
Man kann nicht sagen, dass es keine Ansätze gibt. Die sind aber leider Stückwerk und deshalb nicht brauchbar.
Das Bonus-Malus-Modell von Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl beispielsweise, das Pensionsantritte nach 65 finanziell belohnt und frühere Pensionsantritte finanziell bestraft, ist ein gutes, international bereits erprobtes Modell. Es hilft nur denen nichts, die der Personalchef mit 59 mit erhobenen Brauen fragt, wann sie endlich ihren wohlverdienten Ruhestand anzutreten gedächten.
Die verbesserte Rehabilitation, wie sie von Arbeitnehmerseite zur Eindämmung der Invaliditätspension vorgeschlagen wird, ist ebenfalls eine feine Sache. Sie ist nur dort völlig wirkungslos, wo die Invaliditätspension als Schlupfloch aus der Altersarbeitslosigkeit benutzt wird. Das ist, wissen wir, nicht legal. Aber es geschieht.
Es wäre also gut, wenn die Sozialpartner ihre regelmäßigen Rhetorikübungen einstellen und sich ernsthaft zur Lösung des Problems zusammensetzen würden. Das lässt sich nicht im Vorbeigehen erledigen, weil es eine totale Systemreform mit sich brächte.
Geredet werden müsste etwa über Neugestaltungen der Kollektivverträge samt Neugestaltung der Lebenseinkommenskurven. Solange ein 50-jähriger Buchhalter doppelt so viel kostet wie ein 30-jähriger, ist es nämlich durchaus rational, den 50-Jährigen zu kündigen. Die Kollektivvertragsgestaltung ist also das genaue Gegenteil von sozial.
Und dann wird man über Flexibilität in den Betrieben reden müssen, wobei wieder die Arbeitgeber gefordert sind. Denn das man innerhalb eines Unternehmens in „altersgemäße“ Jobbilder wechselt, ist hierzulande leider nicht die Regel.
Dabei muss man die Welt nicht neu erfinden, denn es gibt (nicht nur in Skandinavien) eine Reihe von Ländern, die das Problem der Altersbeschäftigung schon gut im Griff haben.
Die Sozialpartner haben hier eine Herkulesaufgabe vor sich, bei der sie ihre Existenzberechtigung einmal wirklich beeindruckend nachweisen können. Wenn sie wollen.
Was aber nicht mehr geht, ist wegzuschauen. Denn eine Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Koalition für ganz offensichtlichen Sozialmissbrauch von beiden Seiten – das kommt die Bürger dieses Landes entschieden zu teuer zu stehen.
E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2012)

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