Wieder ein neues Hotel in Wien: Im August wird es in Simmering eröffnet. 157 Zimmer zählt es, und Gerhard Wendl, Chef des Errichters Jufa (Jugend- und Familiengästehäuser), freut sich natürlich.
So weit, so gewöhnlich. Und doch: Das neue Hotel ist keine Selbstverständlichkeit. Vielmehr ist es so, dass Wendl schon seit Jahren ein Projekt dieser Art in Wien verfolgt. Einmal war er schon sehr nahe dran, doch wenige Tage vor der Vertragsunterzeichnung überlegte es sich die Gemeinde Wien wieder anders: Ein zugesagtes Grundstück wurde kurzfristig doch einer anderen Verwendung zugeführt.
Und damit kommen wir zum Kern der Sache: Jufa ist in politischen Kreisen vielen nicht ganz geheuer. Weil es der Beweis dafür ist, dass ein wirtschaftlich darbendes Unternehmen eine überaus erfolgreiche Entwicklung nehmen kann – sofern es sich erst einmal vom politischen Einfluss befreit hat. Und vom Proporz.
Wir schreiben das Jahr 2012, und Österreich ist immer noch fein säuberlich in „Rot“ und „Schwarz“ aufgeteilt, vom Autofahren bis zum Bergsteigen: Es gibt nach wie vor Autofahrerclubs beider Couleurs – den bürgerlichen ÖAMTC und den sozialdemokratischen Arbö. Es gibt den schwarzen Turnverein Union mit dem roten Pendant Askö; die rote Volkshilfe/das schwarze Hilfswerk; den schwarzen Alpenverein/die roten Naturfreunde.
Da dürfen die Jugendherbergen des Landes natürlich auch nicht auslassen. Vorhang auf für den SPÖ-nahen Jugendherbergsverband. Und natürlich auch für das ÖVP-nahe Jugendherbergswerk. Zwei Vereine also. Mit einer Handvoll Gästehäuser, verteilt auf neun Bundesländer.
Wendl kam im Jahre 1991 in die Branche – als Geschäftsführer des steirischen Ablegers des Jugendherbergsverbandes. Er war einigermaßen konsterniert: Sein Verband zählte in dem Bundesland gerade einmal drei Gästehäuser. Detto das Jugendherbergswerk. Und die sechs Häuser gaben darüber hinaus ein eher trostloses Bild ab: Sie waren ziemlich abgewohnt, angesichts der überschaubaren Gästezahlen keine große Überraschung. Geld für Investitionen war jedenfalls rar.
Wendl erkannte also bald: In dem Business würde es wenig Erfolgserlebnisse geben. Und reichlich skurril war es obendrein. Jedenfalls schienen nicht alle mit der parteipolitischen Aufteilung glücklich zu sein – es gab also mitunter diskrete Umgehungsversuche: So machte sich etwa der „schwarze“ Bürgermeister von Fürstenfeld für eine Jugendherberge in seiner Gemeinde stark. Aber die sollte bitteschön vom „roten“ Jugendherbergsverband errichtet werden, weil der ihm qualifizierter erschien. So geschah es auch – und man einigte sich darauf, die ungewöhnliche Zusammenarbeit nicht an die große Glocke zu hängen.
Und doch reifte in Wendl ein nachgerade sündhafter Gedanke: Was, wenn Jugendherbergen im politikfreien Raum entstehen würden? Was, wenn die fein säuberliche Trennung in Rot und Schwarz aufgehoben würde? Einfach so?
Im Jahre 1997 wurden der rote und der schwarze Verein in der Steiermark fusioniert. Allerdings nicht „einfach so“.
Wohl war er sich rasch mit den damaligen steirischen Parteichefs Waltraud Klasnic (ÖVP) und Peter Schachner-Blazizek (SPÖ) einig. Massive Anfeindungen gab es allerdings aus den eigenen Reihen: Der Präsident des roten Jugendherbergsverbandes, der ÖGBler Günter Weninger,machte Wendl das Leben schwer. Dessen Dissidententum hatte den SPÖ-Granden offenbar ins Mark getroffen. Nicht auszudenken, wenn das Schule machte. Es würde im Endeffekt einen empfindlichen Machtverlust bedeuten. Und die feinen Versorgungsjobs für verdiente Parteifreunde wären somit auch Geschichte.
Wendl versucht die eher unerfreuliche Begleitmusik von damals herunterzuspielen: „Sagen wir es so: Ich war halt mit allen möglichen nicht positiven Meldungen konfrontiert.“ Aber er ging seinen Weg. In Gesprächen mit den steirischen Politikern bestand er darauf, dass er frei von politischem Einfluss arbeiten dürfe – keine Geschäftsführung im Proporz, Jobs ausschließlich für Qualifizierte. „Ich weiß, das ist eine seltene Geschichte“, sagt er heute, „aber irgendwie hat es funktioniert.“ Was wohl auch daran lag, dass er Jufa sicherheitshalber zu einer gemeinnützigen Privatstiftung machte. Damit waren Interventionsversuche ohnehin sinnlos.
Wirtschaftlich bekam sein Projekt jedenfalls rasch eine erfreuliche Eigendynamik. Nach und nach wurden Politiker in anderen Bundesländern hellhörig: Da gab es doch glatt einen jungen Steirer, der mit viel Verve und Elan durchaus ansehnliche Gästehäuser errichten ließ – für Urlauber mit kleinen Geldbörsen. Das wollten sie auch – um touristisch einigermaßen brachliegenden Regionen einen Impuls zu geben.
Das vorläufige Ende der Geschichte: Als Wendl im Jahre 1991 startete, war er mit 21 Mitarbeitern für drei Gästehäuser verantwortlich. Heute sind es 780 Mitarbeiter – und im Schnitt 2700 Gäste pro Tag in 44 Häusern. 38 davon stehen in Österreich, fünf in Deutschland, eines in Ungarn. Damit zählt Jufa zu den größten Beherbergungsbetrieben des Landes.
Jetzt kommt auch noch das erste Hotel in Wien dazu – die Gemeinde Wien hat ihren jahrelangen, erbitterten Widerstand gegen dieses „Symbol wider den Proporz“ aufgegeben.
Das nächste Großprojekt ist schon im Bau – und es wird wohl auf weltweites Interesse stoßen: Im Kärntner Knappenberg will Jufa im Jahre 2013 ein Gästehaus eröffnen – im Rahmen des geplanten Tibetzentrums. Zu Erinnerung: Das Projekt war schon vor Jahren in Angriff genommen worden, 2006 hatte Landeshauptmann Jörg Haider mit dem Dalai-Lama den Grundstein gelegt. Allerdings scheiterte das Projekt an wechselnden Investoren, die schlussendlich alle abgesprungen sind.
Die Sache galt als endgültig erledigt, bis das Land Kärnten auf Wendl aufmerksam gemacht wurde. Jetzt ist die Sache auf Schiene. Ganz ohne politisches Hickhack.
[Foto: TVB Saalbach Hinterglemm]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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