Alpine: Österreichs gefährlichste Baustelle

02.11.2012 | 18:41 |  von Hanna Kordik (Die Presse)

Im angeschlagenen Baukonzern herrscht maximale Nervosität – auch wegen drohender rechtlicher Zores. Betroffen sind nicht nur Vorstand, sondern auch Aufsichtsrat. Prominentestes Mitglied: Benita Ferrero-Waldner.

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Wetten, dass Alfred Gusenbauer enorm erleichtert ist? Vor zwei Jahren war er noch der Buhmann der Nation – aber er hatte, das muss man ihm neidlos zugestehen, einen guten Riecher: Damals, im April 2010, verließ er von heute auf morgen den Aufsichtsrat des Baukonzerns Alpine und ging just zur Konkurrenz, in den Aufsichtsrat des Baukonzerns Strabag. Das ist natürlich nicht gerade der stilvollste Wechsel, und Gusenbauer musste deswegen auch jede Menge Kritik einstecken. Aber dafür schläft er jetzt sicher besser.

Bei der Alpine geht es derzeit bekanntermaßen rund. Da wäre einmal das enorme Obligo der Firma: Die Bankverbindlichkeiten sollen rund 660 Millionen Euro ausmachen, dazu kommen noch drei Anleihen – womit sich die Verpflichtungen der Alpine auf 950 Millionen Euro summieren. Genau diese Anleihen, die seit dem Jahr 2010 platziert worden sind, sorgen nun für weitere Probleme: Die Alpine räumte vor wenigen Tagen ein, dass sie für das Geschäftsjahr 2012 einen „erheblichen Verlust“ einfahren werde. Die Inhaber der Anleihen traf dies freilich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und somit untersucht nun die Finanzmarktaufsicht (FMA), ob es da nicht zu Verstößen gegen die Informationspflicht des Unternehmens gekommen ist. Die Anleger sind jedenfalls in Rage: Beim Prozessfinanzierer Advofin sind bereits hunderte Anrufe eingegangen – Advofin-Chef Franz Kallinger lässt derzeit prüfen, ob eine Sammelklage gegen die Alpine zielführend wäre.

Zu den ausufernden finanziellen Problemen des Unternehmens könnten also durchaus auch rechtliche kommen. Womit auch die Mitglieder des Aufsichtsrates zum Handkuss kommen könnten. Wird nämlich das Unternehmen geklagt, wird auch die Haftung der Aufsichtsräte schlagend. Alfred Gusenbauer juckt das – siehe oben – herzlich wenig. Anders ist die Situation hingegen für Benita Ferrero-Waldner, mittlerweile die einzige Österreicherin in dem Gremium. Die ehemalige ÖVP-Außenministerin und EU-Kommissarin war im vergangenen Jahr als Ersatz für Gusenbauer Alpine-Aufsichtsrätin geworden. Ironie des Schicksals: Ferrero-Waldner hätte vor wenigen Monaten sogar Präsidentin des Alpine-Aufsichtsrates werden sollen. Sie lehnte ab – weil ihr die Bürde der Verantwortung zu viel war.

„Die Presse“ erreichte Ferrero-Waldner gestern in Spanien. Doch zu ihrem Damoklesschwert wollte sie nichts sagen. Ein schwacher Trost bleibt Ferrero-Waldner wenigstens: Sie ist nicht die Einzige, die sich Sorgen macht. Da wären noch die rund 15.000 Mitarbeiter des Unternehmens. Oder der Alpine-Eigentümer, der spanische FCC-Konzern. Und der Alpine-Vorstand natürlich auch. Nach dem Rauswurf von Kurzzeitchef Johannes Dotter besteht der nur mehr aus zwei Spaniern.

Ein Österreicher wird zwar als Vorstand dringend gesucht, weil persönliche Kontakte im Baugeschäft enorm wichtig sind – und die Spanier diesbezüglich hierzulande eher weniger zu bieten haben. Aber die Suche ist alles andere als einfach. „Wer soll sich schon auf das Pulverfassl setzen?“, fragt ein hochrangiger Manager des Unternehmens. In der großen Verzweiflung wurde sogar schon bei Alpine-Managern, die das Unternehmen in den vergangenen Monaten entnervt verlassen haben, angeklopft. Doch bei den einstigen Alpine-Shootingstars Karl Weidlinger und Peter Preindl hält sich das Interesse an einem Alpine-Revival erwartungsgemäß in sehr engen Grenzen. Letzter Stand: FCC-Manager Ramón Gómez Andrio soll dritter Alpine-Vorstand werden. Allem Anschein nach kein Österreicher.

Schwamm drüber – Priorität hat jetzt ohnehin, das Werkl am Laufen zu halten. Es gibt einfachere Übungen: Neue Aufträge sind Mangelware. Und dazu kommt die Sorge, dass es im mittleren Management zu einem Aderlass kommen könnte. Derzeit ist es jedenfalls so, dass jeder, der ein Jobangebot bekommt, schleunigst das Weite sucht. Und bei all dem Ungemach müssen die kreditgebenden Banken irgendwie bei Laune gehalten werden. Die Politik natürlich auch: Der Baukonzern hat im Jahre 2009 staatliche Bankkredithaftungen über 180 Millionen Euro gezogen.

Um diese Tour de Force zu schaffen, wurden gleich zwei Maßnahmen ergriffen. Erstens: Der versierte Krisen-PR-Experte Dietmar Ecker ist engagiert worden, um ein gutes Einvernehmen mit Politik, Banken und auch Medien herzustellen. Das alleine zieht natürlich den Karren nicht aus dem Dreck, also Maßnahme Numero zwei: Es wird Geld locker gemacht beziehungsweise beschafft.

Erst vor wenigen Wochen hat der Mutterkonzern FCC 22 Millionen Euro an die Alpine überwiesen, und damit haben die Banken wiederum eine Kreditlinie von 50 Millionen Euro freigegeben. Doch weitere Zugeständnisse waren notwendig: Die Alpine muss Assets verkaufen, um weiteres Geld herbeizuschaffen.

Und so trennt sich das Unternehmen nicht nur von seinem Firmenjet und seiner Jagd im oberösterreichischen Gosau. Sondern auch von drei durchaus profitablen Unternehmen. Lustig: Dabei hatte Hermann Haneder, Alpine-Betriebsratschef und Präsident der Arbeiterkammer NÖ, vor wenigen Tagen noch stolz von seinem Besuch bei FCC-Mehrheitseigentümerin Esther Koplowitz berichtet. Diese habe ihm versichert, dass sie voll hinter den Alpine-Mitarbeitern stehe. Mag sein. Trotzdem wurde Boston Consulting damit beauftragt, die Alpine-Töchter GPS Underground Engineering, die auf Sanierungen spezialisierte Hazet Bau sowie Alpine Energie zu verkaufen.

Vor allem an der Alpine Energie – in Europa führend beim Bau von Ökoenergie-Anlagen – gibt es großes Interesse. So will etwa der Chef des Unternehmens, Helmut Schnitzhofer, ein Management-Buy-out machen. Aber auch der Baukonzern Bilfinger Berger soll angeklopft haben. Und die Strabag ebenso.

Für die Strabag hat dies übrigens Alfred Gusenbauer getan. Eindeutig: Er hätte es durchaus schlimmer treffen können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2012)

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20 Kommentare
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FMA

Wenn die FMA Herrn Staudinger (Waldviertler) so genau schaut,frage ich mich wo war die FMA als die Alpine ihre Anleihe aufgelegt hat.

Antworten Gast: chriscross
03.11.2012 23:47
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Re: FMA

Ihnen ist schon klar, dass die FMA Waldviertler bzw. Hr. Staudinger empfohlen hat, seine Finanzierungen zB in Form einer Anleihe zu legalisieren? Die Alpine hat in der Rechtsform keinen Fehler gemacht, ob sie Berichts- und Offenlegungspflichten seit die Anleihen bestehen verletzt hat, prüft die FMA ohnehin. Hr. Staudinger hat vermutlich Finanzierungen gemacht, die er legal nicht machen durfte.

Vielleicht sind die Gesetze reformbedürftig (klar, dass kleine und mittlere Unternehmen, die noch dazu in wirtschaftlich nicht blühenden Regionen wichtige Impulse liefern, sich keine Armee an Anwälten leisten kann wie ein Großkonzern und dass das alles Gewicht haben muss - in der Zukunft). In der Frage, wie vergangene Rechtsverstöße zu ahnden sind, finde ich es auch wichtig, ein derart positives Unternehmen nicht zu zerschlagen bzw in Gefahr zu bringen. Was mich nur ein wenig wundert - wäre die uneingeschränkte Sympathie für recht gesetzwidrige Finanzierungen genauso gegeben, wenn es nicht ein sympathisches Ökounternehmen wäre, sondern ein geschniegelter Investor aus unsympathischen Kapital- und Industriegefilden? Dass gleiches Recht für alle gelten muss, bar Sympathien, sollte selbstverständlich sein..



Gast: ökono-mist
03.11.2012 16:03
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Bittere Erkenntnis für Herrn Benito Ferrero:


Espanophilität zahlt sich nicht immer in barer Münze aus...

Tröstliche Erkenntnis für Don Alfredo:

Kasachophilsein ist auf der Höhe der (Demokratie-End-)Zeit...

P. S.: Selbst der kürzeste Kommentar hat nun sein Ablaufdatum bekommen:
Am fünften November kommt er zu spät. Und steht vor verschlossenen, schalldichten Toren - wobei man die Toren zwar verorten kann, sie aber trotzdem nicht zu fassen kriegt, die Aale...

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der Rettungsschirm muß her

warum immer nur Banken?

Gast: Selfmade Man
03.11.2012 12:47
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Jessas nau.....

dort wo's die Gusenbauers u. Consorten brauchen können möcht ich nicht investiert sein !! Auf Dauer wird's alle aufstellen (eben nicht zeitgleich,eben auf Dauer u. deshalb fällts dem gemeinen Volk nicht so auf) die nicht auf der Ebene des ehrbaren Kaufmannes handeln !! ps: Ich verkaufe auch buchstäblich Aktien von Unternehmen sofort wenn mir so Unterkommergeschichten zu Ohren kommen u. bin damit immer richtig gelegen !!

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Natürlich berichtet im ALPNE-Fall neimand über die Ostgeschäfte unserer österreichischen Banken und Firmen

Die größten Ausstände hat ALPINE in ihrem Engagement in Polen, Rumänien, Slowakei und Bulgarien eingefahren. Am einfachsten machen es sich beispielsweise die Polen, sie zahlen einfach nicht. Und dann müsste man sich auch die Frage stellen, wer aus den früheren Aufsichtsräten, aus dem Vorstand und den Banken diese Ostgeschäfte angeleiert hat. Und ob da nicht endlich energisches Engagement unserer Regierung in Richtung Zahlungsmoral bei realen Geschäften unserer östlichen Nachbarn notwendig wäre anstatt ständig unseren Banken Milliarden nachzuwerfen.

2007/08..

..platzte in spanien eine immobilienblase. die banken waren unter druck ob der vielen faulen häuslbauerkredite. die banken wurden gerettet - und die baukonzerne bekamen ihr geld, machten teils (wie die FCC) rekordgewinne. so konnte die FCC die alpine kaufen.

der führungswechsel dürfte nicht ganz so leicht und erfolgreich gewesen sein. persönliche kontakte zählen im baugewerbe viel - das kann man auch viel unschöner formulieren. dass die spanische führung hier sicher keine tore geöffnet hat scheint einleuchtend, dass einige mitarbeiter ob der neuen leader - die doch eigentlich nicht effizienter oder besser, vielleicht im gegenteil, sondern einfach nur grösser waren - wenig euphorisch waren verwundert nicht. welcher vorteil bot sich für die alpine durch den wechsel?

die auftragslage in der branche ist schlecht. die öffentliche hand will zwar bauen, kann die projekte aber nicht vorfinanzieren - weswegen an land gezogene aufträge nicht starten, solange unklar ist wann/ob bezahlt wird.

jetzt ist die FCC schwer angezählt und veräussert was verkäuflich ist. sieht echt nicht gut aus für die alpine. wohl eine marktbereinigung - wäre die nicht auch schon in spanien fällig gewesen?

Re: 2007/08..

Selbstverständlich wäre die Marktbereinigung in Spanien auch schon fällig gewesen. Nur die Spanier als Nation haben mehrere Deppen gefunden die zahlen. Wir Österreicher eben nicht.

Gast: Roter November
03.11.2012 09:25
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Venceremos

Genosse Ecker wird mit seinen Genossen Gusenbauer und Strauss das Problem Alpine sicher rasch lösen

Eine Frage

was sucht ausgerechnet eine Benita Ferrero-Waldner im Alpine-Aufsichtsrat?

Re: Eine Frage

Gusi hat den Braten gerochen und sich wegen der Spanier vertschüsst.
Benita hat keinen Durchblick,was die Spanier lieben und ist eitel und geldgierig genug, um voller Stolz in die(zu großen???) Fußstapfen von Gusi zu treten.

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Re: Eine Frage

spricht perfekt spanisch :)

Re: Re: Eine Frage

Und sonst?
Andererseits hat sie von Tuten und Blasen keine Ahnung.

Re: Re: Re: Eine Frage

woher wissen sie das? waren intim?

Der Ausverkauf hat begonnen

Jeder Manager wäre ein Trottel würde er jetzt in den Vorstand der Alpine gehen. Die Mutter FCC selbst de facto Pleite. Die FCC, so hört man, aufgrund "gesundheitlicher" Probleme der Eigentümerin führungslos. Last but not least, hat der Ausverkauf des österreichischen Traditionsunternehmens schon begonnen. Die Mitbewerber Porr und Strabag werden angesichts der schrumpfenden Märkte froh sein,wenn die Alpine vom Markt verschwindet. Da trifft es sich gut das als Krisen PR Experte der Buddy von Porr Chef Strauss und Strabag AR Chef Dietmar Ecker von der Alpine verpflichtet wurde.

Re: Der Ausverkauf hat begonnen

Danke für die Info. Und ich wollte mich eigentlich dieses Wochenende für einen an und für sich hochinteressanten IT-Job bei denen bewerben.

Antworten Antworten Gast: Halbwissen
03.11.2012 11:14
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Re: Re: Der Ausverkauf hat begonnen

Da sehen Sie welche Probleme auf Alpine zukommen !

Die finden jetzt keine fähigen Mitarbeiter.


Zahlen bitte.....

und welche Zwangverpflichtungssteuerzahlende gelernte Österreicher kommen für diese Betrüger und oder Dummköpfe wieder auf?
Bin neugierig wie sich WIR oben genannten im Superwahljahr 2013 dankbar zeigen werden.

Gast: Halbwissen
02.11.2012 22:21
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Gusenbauer hatte keinen Riecher sondern gewusst das Schwierigkeiten auf Alpine zukommen!

Aber jeder der nur abkassieren wollte und seine Hausaufgaben nicht gemacht hat ( Fererro, Anleihegläubiger, etc ) wurde überrascht.

Ja, Geld verleihen ist harte Arbeit !
Der Zinseszins existiert nämlich nur in der Fantasie der Ahnungslosen.

Antworten Gast: chriscross
03.11.2012 23:52
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Re: Gusenbauer hatte keinen Riecher sondern gewusst das Schwierigkeiten auf Alpine zukommen!

Von wegen "abkassieren wollen": Falls Sie's nicht wissen, die Alpine hat massive unter MitarbeiterInnen geworben, Anleihen zu kaufen. ArbeitnehmerInnen gehen da leider oft recht blauäugig in die Investition (aus ihrer Sicht gehts dem Unternehmen super, weil sie selbst fleißig sind muss es ja so weitergehen, und Probleme, die das Management schon lange kennt, erfahren sie zuletzt). Von "abkassieren wollen" kann bei DENEN keine Rede sein.

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