In den ÖBB geht's ja wieder einmal ganz schön turbulent zu. Zuerst die Krankenstandsaffäre, dann das alles andere als ermutigende Gutachten des Unternehmensberaters Roland Berger zur wirtschaftlichen Situation der Bundesbahnen. Und zuletzt sind auch noch einigermaßen kuriose Spesenabrechnungen von ÖBB-Aufsichtsräten an die Öffentlichkeit geraten. Das reinste Tohuwabohu.
Dafür herrscht bei den ÖBB anderweitig absolute Klarheit. Zum Beispiel über die Zukunft von ÖBB-Chef Peter Klugar. Erst im Mai vergangenen Jahres hat er den damals geschassten Martin Huber als obersten ÖBBler abgelöst. Doch jetzt schon ist klar: Klugar, dem ein ausgeprägter Hang zur Führungsschwäche vorgeworfen wird, braucht sich um eine Verlängerung seines Vertrags erst gar nicht zu bemühen. Somit wird er Ende 2010 gehen. Spätestens.
In den ÖBB werden jedenfalls schon erste Vorbereitungen für die Klugar-Nachfolge getroffen. Doch das ist natürlich alles gar nicht so einfach.
Derzeit besteht der Vorstand der ÖBB-Holding aus drei Personen: Peter Klugar, Josef Halbmayr und Gustav Poschalko. Schon mit dem Abgang von Martin Huber ist politisch vereinbart worden, dass der ÖBB-Vorstand von der politischen Farbenlehre her wieder ein ausgewogenes Bild ergeben soll. Sprich: Bleiben sollte der rote Klugar als Chef, ihm zur Seite stehen sollte der schwarze Finanzvorstand Halbmayr. Poschalko hingegen sollte verabschiedet werden. Er ist ein Roter zu viel.
Seit Monaten wird also mit Poschalko über dessen vorzeitigen Abgang verhandelt. Keine einfache Sache, da ihm nichts vorzuwerfen ist. Im Gegenteil: Offenbar fühlt man sich wegen des Kaufs der ungarischen MÁV Cargo, für den Poschalko verantwortlich zeichnete, zu großem Dank verpflichtet. Aber ausgemacht ist eben ausgemacht, und jetzt sind die Modalitäten rund um Poschalkos Abschied endlich ausverhandelt. Poschalko muss nur mehr unterschreiben.
Sobald das passiert ist, ist der Weg für eine groß angelegte Rochade in den ÖBB frei. Dann will ÖBB-Aufsichtsratspräsident Horst Pöchhacker einen neuen ÖBB-Vorstand ausschreiben lassen. Hintergedanke: Der Neue solle dann im Laufe des nächsten Jahres auch gleich den Alten, nämlich Klugar, beerben. Aus drei Köpfen sollen dann wieder zwei werden.
Wenn's so einfach wäre. Das Problem ist nämlich, dass der Vorstandsjob von politischer Seite offenbar gleich mehreren Kandidaten versprochen wurde. Friedrich Macher, Vorstand der ÖBB-Tochter Rail Cargo, zum Beispiel soll intern bereits eine entsprechende Zusage haben. Scheint tatsächlich so zu sein, denn ein Nachfolger für Macher als Rail-Cargo-Vorstand wird intern auch schon genannt: Dabei handelt es sich um Andreas Fuchs,seines Zeichens Konzernstratege der ÖBB.
Macher allerdings hat den nicht unwesentlichen Makel, dass er der „schwarzen“ Reichshälfte zugerechnet wird. Das ist gar nicht gut. Zumal die SPÖ darauf beharrt, dass die ÖBB-Chefetage keinesfalls „schwarze“ Schlagseite bekommen darf.
Doch dagegen ist ein Kraut gewachsen. Diesfalls ist das Andreas Matthä, Vorstand der ÖBB-Infrastruktur AG. Der hat sich zwar intern heftige Kritik zugezogen, weil er sich gegenüber den Unternehmensberatern von Roland Berger eher unkooperativ gezeigt haben soll. Andererseits wird Matthä der SPÖ zugerechnet und genießt maximale Unterstützung der Eisenbahnergewerkschaft. Wenn das kein Ass im Ärmel ist.
Zwei Kandidaten für einen Posten also – das kann sich nicht ausgehen. Doch es wären nicht die ÖBB, gäbe es nicht probate Lösungen. Variante eins: Macher und Matthä werden in den Vorstand gehievt. Wobei Matthä als Poschalko-Ersatz in die Chefetage käme. Macher wiederum würde den schwarzen Halbmayr ersetzen. Was allerdings eher unrealistisch ist: Gründe für einen Abschied Halbmayrs gibt es jedenfalls weit und breit keine.
Variante zwei wiederum ist im großkoalitionären Österreich durchaus realistisch: Demnach würde der ÖBB-Vorstand auf vier Personen zulegen. Zwei „rote“ und zwei „schwarze“ natürlich.
Auch in diesem Fall würden Matthä und Macher in den ÖBB-Vorstand kommen, Halbmayr würde bleiben – und für ÖBB-Chef Peter Klugar würde ein externer Kandidat gesucht werden. Ein Roter selbstverständlich, darüber gibt es großkoalitionären Konsens.
Doch woher nehmen und nicht stehlen? Im Personalreservoir der SPÖ herrscht ja bekanntlich Ebbe. Die Liste möglicher Kandidaten ist dementsprechend dürftig: Siemens-Chefin Brigitte Ederer wird angeblich immer wieder bekniet, den undankbaren Job zu machen. Doch sie will nicht. Neuerdings geistert in der SPÖ die Idee herum, dass Porr-Chef Wolfgang Hesoun ein brauchbarer Kandidat wäre – zumal auch Martin Huber und Horst Pöchhacker seinerzeit aus dem Baukonzern zu den Bundesbahnen kamen. Vereinzelt fällt auch der Name Herbert Kasser – das ist der Generalsekretär im Infrastrukturministerium von Doris Bures.Immerhin: Als Aufsichtsrat der ÖBB-Holding und der ÖBB-Infrastruktur AG ist Kasser fachlich bewandert und wird von Politikern aller Couleurs geschätzt. Als fachlich unumstritten gilt auch Csaba Székely. Der war einst Sprecher von Verstaatlichtenminister Viktor Klima. Seit über zehn Jahren ist Székely Chef der Raaberbahn.
Die Chefsuche wird also zweifellos eine große Herausforderung für Aufsichtsratschef Pöchhacker. Allerdings könnte es sich um seine letzte große Aufgabe für die Bundesbahnen handeln. Gerüchten zufolge sind auch seine Tage in den ÖBB gezählt – angeblich soll Bures mit seinem Wirken einigermaßen unzufrieden sein. Die Vertrauenbasis dürfte jedenfalls nachhaltig gestört sein. Außerdem scharrt schon ein möglicher Nachfolger Pöchhackers in den Startlöchern: Angeblich würde Kurt Eder, früherer SPÖ-Abgeordneter und ÖBB-Aufsichtsrat, den Job des Aufsichtsratspräsidenten nur zu gern machen.
Vorher muss aber noch ein schwarzer Aufsichtsratsvize gefunden werden. Der Linzer Rechtsanwalt Eduard Saxinger hat sein Mandat ja bereits im Sommer zurückgelegt, seitdem ist der Posten vakant. Mittlerweile hat sich die ÖVP auf Ex-Staatssekretär Helmut Kukacka als Nachfolger geeinigt. Doch der Segen der SPÖ steht noch aus.
■Entgleisungen gibt es bei den ÖBB derzeit laufend: Die Krankenstandsaffäre und überbordende Spesenabrechnungen für Aufsichtsräte haben für Skandale gesorgt. Zuletzt hat das Beraterunternehmen Roland Berger vor einer wirtschaftlichen Katastrophe gewarnt. Die Konsequenz: Für ÖBB-Chef Peter Klugar wird ein Nachfolger gesucht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2009)

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