Gerhard Roiss: Ein Nullgruppler im Staatskonzern

25.03.2011 | 18:17 |  Von Hanna Kordik (Die Presse)

Kommende Woche wird Gerhard Roiss Chef der OMV. Herausforderungen gibt es reichlich, nicht nur auf dem Ölmarkt: Roiss ist der erste OMV-Generaldirektor ohne politisches Netzwerk.

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Es gäbe einfachere Zeiten für einen Karrieresprung dieser Art. Doch die Sache ist halt schon lange ausgemacht: Gerhard Roiss wird am Freitag den Chefsessel in der OMV von Wolfgang Ruttenstorfer übernehmen. Das wird kein Spaziergang: Wegen der EU-Sanktionen gegen Libyen wurden gerade sämtliche Lieferungen aus dem Land gestoppt. Und immerhin stammt ein Fünftel des in der Raffinerie Schwechat verarbeiteten Rohöls aus Libyen.

Andererseits: Roiss sitzt schon seit dem Jahre 1997 im OMV-Vorstand – er betritt also keinesfalls Neuland. „Er verfügt über viel Erfahrung und wird die schwierige Zeit sicher gut meistern“, befindet Energieregulator Walter Boltz.Und zitiert Roiss, der unlängst bei einem Vortrag meinte: „Je bewegter die Zeit, desto spannender ist es, darüber zu reden.“ Gerhard Roiss ist also Herausforderungen gewohnt. Die begleiten seinen Karriereweg auch schon seit Jahren, wenngleich sie nicht immer fachlicher Natur waren.

Der seinerzeitige Konzernchef Siegfried Meysel holte Roiss im Jahre 1990 zur OMV, als Sanierer. Roiss wurde Chef der PCD Polymere GmbH und baute die Kunststoffsparte des Konzerns auf. Sieben Jahre später winkte die erste karrieretechnische Herausforderung: Ruttenstorfer, damals Finanzchef, verabschiedete sich für ein Intermezzo in der Politik. Und Roiss sollte den vakanten Posten im OMV-Vorstand besetzen.

Doch so einfach war das dann doch nicht.

Schuld war – wie so oft in staatsnahen Unternehmen – die Parteipolitik. Denn die SPÖ hatte einen eigenen Kandidaten für den Job im Talon: Marc Hall, seines Zeichens ehemaliger Sekretär von SPÖ-Verkehrsminister Viktor Klima. Es folgte ein Tauziehen, das immerhin neun Monate dauerte: Die SPÖ beharrte auf Hall, der OMV-Großaktionär IPIC (Abu Dhabi) legte sich quer.

Bis sich dann doch ein Kompromiss finden ließ: Hall und Roiss kamen in den Vorstand – beide allerdings lediglich als stellvertretende Vorstandsmitglieder. „Von der hohen Kunst der politischen Intervention“, titelte die „Presse“ damals.

Das war natürlich grob unfair – vor allem Roiss gegenüber. Denn eines kann man ihm sicherlich nicht nachsagen: dass er mit Politik auch nur irgendetwas am Hut hätte. Vor Jahren kursierte das Gerücht, Roiss sei FPÖ-nahe – was wohl daran lag, dass er weder „schwarz“ noch „rot“ ist und unter FPÖ-Verkehrsministerin Monika Forstinger im Aufsichtsrat der Gesellschaft des Bundes für industriepolitische Maßnahmen (GBI) saß. Doch Roiss stritt die Nähe zu den Freiheitlichen stets vehement ab. Er gehört nach wie vor keiner Partei an.

Eine Sprecherin des Konzerns sagt, dass Roiss lediglich „beruflich-professionellen Kontakt“ zur Politik pflegt. „Wir haben uns sehr bewusst vom zu engen Kontakt zur Politik wegbewegt.“ Und auch der frühere Wirtschaftsminister und nunmehrige ÖVP-Energiesprecher Martin Bartenstein meint: „Roiss fehlt die politische Zuordenbarkeit. Und das ist auch gut so.“

Ist es das? Nicht wenige meinen, Roiss könnte durchaus etwas politischer sein. Er gehöre keinem politischen Netzwerk an, heißt es. Und als Chef eines großen, teilstaatlichen Energiekonzerns sei es schon unabdingbar, das Einmaleins der Politik zu verstehen und auch politisch brauchbare Kontakte zu haben.

Womit sich für Roiss als OMV-Chef in spe die nächste Herausforderung auftut: Es ist jedenfalls das erste Mal in der Geschichte des Konzerns, dass ein „politischer Nullgruppler“ die Führung übernimmt. Und das ist schon bemerkenswert.

Jahrzehntelang galt die OMV als roter Konzern – nicht nur, weil ihr letzter Chef, Wolfgang Ruttenstorfer, SPÖler ist. Nein, Ruttenstorfers Vorgänger waren sogar allesamt dem schwarzen Lager zuzurechnen: von Herbert Kaes über Siegfried Meysel bis zu Richard Schenz. Doch intime Kenner des Konzerns meinen, dass dies machtpolitisch nicht aussagekräftig sei. In Wahrheit hätten die Sozialdemokraten über die Jahre via Aufsichtsrat und der seinerzeit rot eingefärbten ÖIAG das Sagen in der OMV gehabt.

Wie eng der Kontakt zwischen OMV und SPÖ war, lässt sich ganz gut an diversen Karrieren erkennen: Der ehemalige OMV-Manager Caspar Einem wurde SPÖ-Innenminister, Ruttenstorfer war vorübergehend SPÖ-Staatssekretär, der einstige Konzernvorstand Viktor Klima brachte es sogar zum Bundeskanzler. Und, nicht zu vergessen: OMV-Manager Kurt Eder saß bis Ende 2007 für die SPÖ im Nationalrat. Doch auch heute sind die Bande OMV– SPÖ nicht durchtrennt: Jüngst unterbreitete SPÖ-Vorschläge zum neuen Gaswirtschaftsgesetz wurden von OMV-Vertretern formuliert.

Dem hat Roiss bloß ein Netzwerk in seiner Heimat Oberösterreich entgegenzusetzen: Zur dortigen Wirtschaftselite hat er einen guten Draht. Über die Landesgrenzen hinaus beschränken sich seine Politkontakte auf die Freundschaft zu Wirtschaftskammer-Chef Christoph Leitl, seinem einstigen Studienkollegen. Den ebenfalls oberösterreichischen ÖVP-Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner kennt er auch schon lange.

Beide schätzen Roiss, den Marathonläufer, als „ungeheuer dynamischen Manager“ (Leitl), der „zielstrebig, konsequent und strategisch arbeitet“ (Mitterlehner).

Roiss hat es dennoch bestens verstanden, sich im Konzern eine gewisse Hausmacht zu sichern. Über die Jahre hat er einen überaus engen Kontakt zum Großaktionär IPIC aufgebaut. Während Ruttenstorfer eher introvertiert ist, hat Roiss – so wird erzählt – keine Gelegenheit ausgelassen, mit in Wien weilenden IPIC-Vertretern auch „privat“ Zeit zu verbringen.

Deswegen wurde Roiss wohl auch zwei Jahre vor Ruttenstorfers Abschied als neuer OMV-Chef designiert – eine ungewöhnlich lange Vorlaufzeit.

Auch im Führungsstil könnten Roiss und sein Vorgänger unterschiedlicher nicht sein: Während Ruttenstorfer als sehr ruhig und diskussionsbereit beschrieben wird, ist Roiss von einigermaßen aufbrausendem Naturell.

Widerspruch soll er auch nicht für angebracht halten. Angeblich soll es nicht wenige im Konzern geben, „die bei Sitzungen mit Roiss vor Angst schwitzen“, erzählt ein Manager.

Die Herausforderungen warten also. Nicht nur auf Roiss.

Zur Person

Gerhard Roiss, Jahrgang 1952, kam 1990 zur OMV, wo er die Kunststoffsparte aufbaute. 1997 wechselte er in den OMV-Vorstand. Seit Anfang 2002 ist er Generaldirektor-Stellvertreter, zuständig für Raffinerien und Marketing inklusive Petrochemie.

Am 1.April übernimmt er den Chefsessel von Wolfgang Ruttenstorfer, der in den Ruhestand gehen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2011)

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3 Kommentare
Gast: Plach2
27.03.2011 18:13
0

"Sozialistisch heißt nicht sozial"!

Ein Beispiele ist die tiefrote OMV.

Davon können sich die Autofahrer seit vielen Jahren an den Tankstellen überzeugen.

Weiterhin haben sich SPÖ+ÖVP den Staat im Proporz aufgeteilt, werden Parteigünstlinge mit hochbezahlten Jobs versorgt.

Es ist eine Glaubensfrage (ich glaub´s oder ich glaub`s nicht) ob unter einem ÖVP Wirtschaftsminister wirklich kein "parteinaher Manager" bei der OMV bestellt wird.

Ruiss statt Roiss?

Ich fordere, dass der Gerhard Roiss zurücktritt und der Gerhard Ruiss zum Präsidenten ernannt wird. Der ist ein armer Poet und hätte sich den Posten verdient. Außerdem: Ruiss klingt besser. Noch besser klänge Ruass.

Gast: suderant
25.03.2011 19:43
0

wers glaubt wird seelig

das ist dann der erste blutleere - nullgruppler - aus oberösterreich

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