Eigentlich ist Österreich ja ein unschlagbar tolles Land: Die Luft ist frisch, das Wasser rein, die Lebensqualität hoch, das Sozialsystem nicht gerade kleinlich, das Gesundheitswesen eines der besten der Welt, die Kluft zwischen Arm und Reich klein, die Wirtschaft so stark wie in kaum einem anderen Staat – und an die Menschen gewöhnt man sich früher oder später auch. Und dennoch fliehen jährlich tausende Absolventen österreichischer Hochschulen über die Landesgrenzen, weil sie sich dort ein besseres Leben erhoffen, wie eine von dieser Zeitung jüngst publizierte Studie offenlegt.
Nicht einmal jeder fünfte ausländische Abgänger einer heimischen Universität hält es für eine tolle Idee, sich in Österreich eine berufliche Existenz aufzubauen. Und das, obwohl der Zugang zum Arbeitsmarkt deutlich erleichtert wurde. Auch 20.000 Österreicher verlassen pro Jahr die Insel der Seligen, nicht nur Akademiker. Aber die Abwanderer „sind jung und hoch qualifiziert“, sagt Heinz Fassmann, Migrationsexperte und Vizerektor der Uni Wien.
Ermutigende Landflucht. Das ist ein erfreulicher Befund. Im Ernst. Immerhin dürfte das Ausbildungsniveau besser sein als angenommen, andernfalls fänden heimische Facharbeiter und Akademiker jenseits der Staatsgrenzen keine Jobs. Nicht weniger ermutigend ist, dass eine wachsende Zahl von jungen Menschen nicht mehr gewillt zu sein scheint, dem gekonnten Herunterwirtschaften des Landes tatenlos zuzuschauen. Sie verstehen nicht, warum sie sich nach einem ausführlichen Studium oder einer harten Lehrzeit die Hälfte ihres bescheidenen Arbeitseinkommens vom Staat beschlagnahmen lassen sollen, damit dieser ein Budgetdefizit nach dem anderen einfährt.
Jungen Menschen ist auch kaum zu vermitteln, warum sie jede Menge Geld an die staatliche Pensionskasse abzuliefern haben, nur damit ganze Vorgängergenerationen sanft in den Vorruhestand gleiten können. Zumal das staatliche Pensionssystem kracht wie eine Kaisersemmel und für die Zahler von heute nicht viel mehr bereithalten wird als ein bescheidenes Taschengeld.
Schutzpatron der Mittelmäßigen. Die jungen Leute wissen zwar, dass Österreich ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist. Aber nicht so sehr für gut Ausgebildete und Leistungswillige. Sondern für jene, die über die richtigen politischen „Connections“ verfügen und schon in zarten Jahren von der Politik in Positionen gehievt werden, um dort ihren Gönnern demütige Dankbarkeit zu erweisen. Der große Rest ist zum Frondienst am mächtigen Umverteilungsstaat verdammt. Die Arbeit ist hart, und sie beginnt früh. Wer hierzulande 2500 Euro brutto im Monat verdient, kostet seinen Arbeitgeber 3281 Euro. Davon darf der Beschäftigte netto 1669 Euro behalten, macht eine Besteuerung von flotten 49 Prozent. Bei 2500 Euro brutto. Hinzu kommen noch Verbrauchs- und Umsatzsteuern.
Nun wird den jüngeren Menschen von den Regierenden erklärt, dass auch den „Reichen“ stärker auf den Pelz gerückt werden soll. Vermögenssteuern und Solidarbeiträge sanieren aber weder Budgets, noch verbessern sie die Chancen junger Leute, ein von staatlichen Zuwendungen unabhängiges Leben führen zu können. Ihnen wird vielmehr vorgeführt, dass dem Staat auch jene Bürger nicht durch die Lappen gehen, denen das Kunststück gelungen ist, trotz hoher Steuern auf Arbeitseinkommen zu einem Vermögen zu kommen. Teil zwei der Lektion: Privatvermögen werden toleriert, solange der Schuldenrausch des Staates von den Finanzmärkten finanziert wird. Verliert der Zahlungsstrom an Kraft, wird ungeniert auf die privaten Vermögen der Bürger zugegriffen.
Junge Menschen dürfen hierzulande auch tagtäglich Minister und Regierungschefs bestaunen, die nicht wissen, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Gut bezahlte Manager des Staates, die keine Antwort auf die Frage haben, warum ausländische Delegationen in zehn Jahren Österreich besuchen sollen, um sich bahnbrechende Entwicklungen vor Ort anzusehen. Stattdessen wird den jungen Leuten eingehämmert, dass allein verrückt spielende Märkte für alle Probleme dieser Welt verantwortlich seien und der Staat für alles die Lösung sei. So einfach kann die Sache sein.
Weniger einfach ist es, sich in Österreich selbstständig zu machen. Wer es versucht, braucht vor allem eines: Zeit. Neben einer in staatlichen Schulen antrainierten Risikoaversion zügeln professionelle Bürokraten und Zwangskammern den Unternehmergeist. Bis alle Amtswege zur Firmengründung beschritten sind, vergehen in Österreich 28 Tage. Laut Weltbank bedeutet das Platz 134 von 183 untersuchten Ländern. Wer dann auch noch erfolgreich wirtschaftet, darf den Lohn für seine Mühen und die eingegangenen Risken mit einer unbeteiligten Allgemeinheit teilen. Wer scheitert, wird allein gelassen und als Versager geächtet.
Starke Konkurrenz. Demgegenüber stehen Länder wie Kanada, Neuseeland, Australien oder die Schweiz. Allesamt Staaten mit niedriger Verschuldung, tragfähigen Haushalten, guten Schulen, tadellosen Krankenhäusern und bestens befahrbaren Straßen. Freie Marktwirtschaften, in denen die Mehrheit der Bevölkerung nicht glaubt, dass es der Staat ist, der für hohen Wohlstand sorgt. Sondern gut ausgebildete, talentierte und leistungsbereite Menschen, die auch dementsprechend behandelt werden. Allesamt Länder, die zeigen: Frische Luft, sauberes Wasser und hohe Lebensqualität gibt es nicht nur in Österreich. Jungen Menschen ist es nicht zu verdenken, sich diese Gegenden etwas genauer anzusehen. Im Gegenteil.
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)

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