Die Österreicher scheinen allen Klischees zum Trotz ein ziemlich robustes Volk zu sein. Sie jammern zwar gerne über schlechtes Wetter und teuren Kaffee, lassen sich aber von einer tobenden Staatsschuldenkrise nicht die Laune verderben, sondern gehen höchst vergnügt durch das Leben. So findet einer aktuellen Umfrage (Spectra) zufolge die Krise für eine breite Mehrheit in der Bevölkerung gar nicht statt. Das heißt freilich nicht, dass die Österreicher überhaupt keine Ängste hätten. Sie fürchten sich vor schlimmen Krankheiten, einem Atomunfall, der Umweltverschmutzung, höheren Lebenshaltungskosten oder gekürzten Sozialleistungen – dem Üblichen halt. Nur eines fürchten sie nicht: eine unzureichende Ausbildung ihrer Kinder in heimischen Schulen.
Das ist bemerkenswert. Schließlich sind in kaum einem westlichen Industrieland so viele Jugendliche mit Leseschwäche anzutreffen wie in Österreich. Erst Anfang September zeigte sich die EU-Kommission erschüttert darüber, dass 27,5 Prozent der heimischen Jugendlichen nicht richtig lesen können. Aus Sicht des zuständigen Unterrichtsministeriums sei das nicht weiter tragisch, schlimm sei vielmehr, dass die EU vor vier Jahren erhobene Daten als neue Studie verkaufe. Womit die jüngsten Erfolge des heimischen Bildungswesens nicht entsprechend gewürdigt werden konnten.
Nun ja, da kann man nur hoffen, dass auch die OECD Daten in ihre brandaktuelle Bildungsstudie gepackt hat, die längst überholt sind. Andernfalls wäre es nämlich so, dass kaum ein industrialisiertes Land den sozialen Status seiner Bevölkerung derart verlässlich einzementiert wie Österreich. Wer hierzulande als Arbeiterkind das Licht der Welt erblickt, hat beste Chancen, auch als Arbeiter in Pension zu gehen. Nur jeder vierte 25- bis 34-Jährige erreicht ein höheres Bildungsniveau als seine Eltern. Sechs von zehn bleiben auf demselben Bildungsstand, für 14 Prozent geht es bergab. Und das, obwohl die Republik Österreich kaufkraftbereinigt um ein Drittel mehr in die Ausbildung ihrer Schüler und Studenten steckt als alle anderen industrialisierten Staaten. In der EU gibt nur noch Dänemark mehr Geld dafür aus als Österreich.
In anderen Worten: Das heimische Bildungswesen ist zwar verdammt teuer, dafür aber auch sehr schlecht. Dass an diesem Befund einiges dran ist, zeigt nicht nur der hohe Anteil von Politikerkindern in den boomenden Privatschulen, sondern auch das erkennbare Bemühen der Regierung, das Bildungssystem radikal zu reformieren. Vom Integrationskindergarten über die flächendeckende Einführung der Gesamtschule bis hin zur Wiedereinführung von Studiengebühren ist so gut wie alles dabei.
Allein, es passiert nicht viel. Tagein, tagaus werden tausende junge Menschen aus sozial schwächeren Schichten um ihre Chancen gebracht. Im Stich gelassen werden sie von ihren Eltern und vom „Lehrer Staat“, der sie mittags nach Hause schickt. Wo in vielen Fällen nur das Fernsehgerät auf sie wartet oder ein überforderter Elternteil. Warum das so ist? Weil der Staat es nicht schafft, ein passendes Angebot zu schaffen. Das allein mit dem Widerstand der Lehrergewerkschaft und dem jeweiligen Regierungspartner zu erklären, ist bei Bildungspolitikern zwar sehr beliebt, hilft den Schülern und Eltern aber nicht wirklich weiter. Dieses Land braucht auch keine zentral gesteuerte Einheitsschule, sondern Wettbewerb zwischen den Schulanbietern samt breiter Auswahl an finanziell leistbaren Bildungsangeboten, die Kinder ungeachtet ihrer sozialen Herkunft bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten.
Öffnen wir doch die Schulen! Wie das funktionieren könnte? Ganz einfach: Der Staat schreibt den Betrieb aller Schulen öffentlich aus und wacht über zu erfüllende Qualitätsstandards. Finanziert werden die Schulen und Universitäten weiterhin über Steuergelder – mit dem Unterschied, dass die Ausbildung nicht mehr „gratis“ ist, sondern von den Eltern der Auszubildenden bezahlt wird. Statt die Schulen zu finanzieren, drückt der Staat den Familien Bildungsschecks für ihre Kinder in die Hand, die an der bevorzugten Bildungseinrichtung einzulösen sind. Die Eltern erhalten ungeachtet ihrer Steuerleistung denselben Betrag, ein ausgebautes Stipendienwesen könnte zudem sicherstellen, dass private Schulen nicht nur Kindern aus begüterten Haushalten zur Verfügung stehen, sondern allen.
In so einem Bildungssystem entscheiden nicht mehr staatliche Organe, welche Schule für ein Kind am besten ist. Sondern die Eltern. Das Rennen macht die Schule mit dem besten Angebot. Bevorzugen Eltern eine öffentliche Schule mit Integrationsklasse – fein. Ist ihnen eine private Schule mit Ganztagsbetreuung lieber – auch gut. Entscheidend ist, dass sie nicht mehr lästige Bittsteller in einem staatlich gesteuerten Gratisschulwesen sind, sondern zahlende Kunden, denen es herzlich egal ist, wer nun das aus ihrer Sicht ungenügende Angebot zu verantworten hat – solange sie die Möglichkeit haben, den Anbieter zu wechseln.
Charme hätte die Sache übrigens auch für die Lehrkräfte. Sie dürften Schulen auch ohne passendes Parteibuch leiten und sie würden nach Leistung bezahlt. Im aufkeimenden Wettbewerb zwischen öffentlichen und privaten Schulen werben die verschiedenen Anbieter natürlich auch um die besten Lehrer – ein Umstand, der nicht gerade dafür bekannt ist, das Gehaltsniveau nach unten zu treiben.
Verklagen wir doch den Staat. Bevor sich der Staat aus den Klassenzimmern zurückzieht, werden wohl die ÖBB einen privaten Eigentümer gefunden haben. Das liegt nicht zuletzt an einer autistischen Elternschaft und wegschauenden Verbraucherverbänden. Während Fluglinien, die ein Prozent der beförderten Gepäckstücke verlieren, mit Sammelklagen eingedeckt werden, dürfen öffentliche Schulen, die es nicht schaffen, Kindern das Lesen beizubringen, ungehindert den Betrieb aufrechterhalten. Prioritäten muss man eben haben im Leben.
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)

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