Dürfte man sich in ganz Europa einen Job aussuchen, würde die Wahl wohl auf den Posten des norwegischen Ölministers fallen. Man lebte in einem coolen Land mit wunderschöner Natur, könnte im Winter ein wenig langlaufen, im Sommer gemütlich fischen und das ganze Jahr über den Ölpreisen dabei zusehen, wie sie munter nach oben klettern. In diesem Job etwas falsch zu machen ist ungefähr so schwierig, wie als Chefverhandler der Arbeitnehmerseite bei heimischen Lohnrunden einen gröberen Schnitzer zu fabrizieren.
Der Tätigkeitsbereich des Lohnverhandlers fällt nämlich nicht wirklich unter „Rocket Science“: Man lasse sich von seinen Genossen entsenden (das ist der anspruchsvolle Teil) und fordere fortan einfach immer höhere Löhne. Hat das Land ein wirtschaftlich gutes Jahr hinter sich gebracht, wird zur Abgeltung der Teuerung und zum fairen Teilen des gemeinsam Erreichten aufgerufen. Waren die vergangenen zwölf Monate miserabel, werden zu niedrige Löhne als Ursache ausgeforscht – weshalb nun dringend die Kaufkraft der Arbeitnehmer zu stärken sei, damit sich das Land aus der Krise konsumieren könne und die Gefahr der Deflation gebannt sei. Gegrüßet seist du, John Maynard Keynes!
„Sensationell gelaufen“. Und so machten Rainer Wimmer und Karl Proyer vergangenen Mittwoch eben das, was die Chefverhandler der Gewerkschaft um diese Jahreszeit halt so tun: Sie eröffneten die Lohnrunde mit einer üppigen Forderung. Fünf Prozent mehr müssten es schon sein, das Vorjahr sei schließlich „sensationell“ gelaufen. Die Firmen hätten blendend verdient, 70 Prozent der Gewinne abgeschöpft und die Gagen der Manager um 60 Prozent erhöht. Jetzt seien die Arbeitnehmer an der Reihe. Sie hätten sich ordentliche Lohnerhöhungen verdient, damit sie auch „im Geldbörsel etwas spüren“.
Wie wahr. Schließlich sind die Folgen der lockeren Geldpolitik nicht mehr zu übersehen. Künstlich nach unten gedrückte Zinsen helfen ja nicht nur verschuldeten Staaten dabei, sich günstig zu finanzieren. Auch Investoren können sich günstig Geld pumpen, um es in Immobilien oder boomende Rohstoffe zu stecken. Wie Weizen, Mais, Erdöl, Silber oder Gold. Mit der von allen vier großen Notenbanken der Welt gleichzeitig betriebenen „Nullzinspolitik“ ist die Flucht in diese boomenden Anlagen längst zur Massenbewegung angeschwollen – und damit zu einer Art Selbstläufer geworden. Unglücklicherweise verteuern sich damit auch die Preise dahinterliegender Produkte. Die Folge: Preisinflation. Allein in den vergangenen zweieinhalb Jahren hat sich der wöchentliche Einkauf um 13 Prozent verteuert. Hinzu kommen teurer werdende Immobilien, die nicht spurlos an den Mietern vorübergehen.
Nun muss man kein neokapitalistischer Peitschenknaller sein, um zu fragen, warum eigentlich die Unternehmer die Kosten der staatlichen Geldpolitik abzugelten haben? Zumal sich wirtschaftlich schwierige Zeiten wie diese nicht dadurch auszeichnen, dass den Firmen die Produkte aus den Händen gerissen werden.
Steigende Löhne erhöhen ja nicht nur die Kaufkraft, sondern auch die Kosten. Sie verteuern also die menschliche Arbeitskraft gegenüber der maschinellen. Was also werden die Arbeitgeber tun? Sie ersetzen Menschen durch Maschinen, wo immer das möglich ist. Die Nachfrage nach Arbeit sinkt und damit üblicherweise das Lohnniveau. Warum machen die Unternehmer das? Aus reiner Gier? Gut möglich. Vor allem aber, um nicht weiter Marktanteile gegenüber günstiger anbietenden Konkurrenten aus anderen Erdteilen zu verlieren. Womit sich ein unschöner Kreislauf in Bewegung setzt, dessen Opfer jene Arbeitnehmer sind, die ihren Job los sind. Sie zahlen also letztlich die Rechnung, nicht die Arbeitgeber.
Wachsende Arbeitslosenraten reduzieren freilich die Steuereinnahmen und erhöhen die Sozialausgaben. Zudem drücken sie auf die Stimmung. Die Bevölkerung bekommt es mit der Angst zu tun. Niemand weiß, wer als nächster dran ist. Das dämpft den Konsum und führt zu einem Anstieg der Sparquote („Angstsparen“). Womit auch klar ist, warum die Geschichte von steigenden Löhnen, mit deren Hilfe sich ein Land aus der Krise konsumiert, glatt gelogen ist. Wäre es anders, wäre Griechenland nicht Pleite, sondern Modellregion. Die steigende Kaufkraft privater Haushalte ist eben nicht Ursache kräftigen Wachstums, sondern dessen Resultat.
Dürfen Löhne nicht mehr steigen? Keineswegs. Alle, die an der Herstellung von Gütern beteiligt sind, die auch nachgefragt werden, müssen am Erfolg teilhaben. Die menschliche Arbeitskraft wie das eingesetzte Kapital. Wachsen die Löhne aber schneller als die erarbeitete Produktivität, kosten sie dauerhaft Jobs. Deshalb ist Griechenland nicht Modellregion, sondern Pleite.
Wer also an nachhaltig hoher Kaufkraft interessiert ist, lässt die Löhne nie schneller wachsen als die bereits realisierte Produktivitätssteigerung. Und wer eine dauerhaft hohe Beschäftigung will, hofiert innovative Unternehmen. Sie sind es, die Jobs schaffen und auch mit steigenden Löhnen konkurrenzfähig bleiben. Nicht schaden könnte freilich ein schlanker Staat, der nicht seine Beschäftigten im Auge hat, sondern jene, die diese über Steuern und Abgaben bezahlen. Sinkende Steuern stärken nämlich unmittelbar die Kaufkraft, ohne die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft zu schwächen und damit produktive Jobs zu vernichten.
Wer das weiß, eignet sich aber nicht für den zweitbesten Job, den Europa zu vergeben hat. Jenen des gewerkschaftlich approbierten Lohnverhandlers in Österreich.
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2012)

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