SuperMarkt: Hungern für die Chefideologen

Einer aktuellen Studie der Weltbank zufolge könnten die Bauern Afrikas den gesamten Kontinent ernähren. Wenn man sie nur nicht daran hinderte. Die Produktion im eigenen Land wird knapp gehalten.

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(c) AP (SAURABH DAS)

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler zählt zu jenen beneidenswerten Menschen, die für die komplexesten Probleme die einfachsten Erklärungen parat haben. So ist es für den bekennenden Marxisten kein allzu großes Mirakel, dass noch immer so viele Menschen in afrikanischen Ländern den Hungertod sterben müssen. Sie sind Opfer eines Völkermordes, der von ultraliberalen Kräften organisiert und vorangetrieben wird. Verbrecherische Multis und mit Lebensmitteln hantierende Spekulanten hätten Millionen von Hungertoten auf dem Gewissen, jedes Kind, das heute verhungert, werde von diesen Leuten ermordet, sagt Ziegler.

Nun könnte man sich natürlich fragen, was die Meinung eines Mannes zählt, der die weltberühmten Menschenfreunde Fidel Castro, Robert Mugabe oder Muammar Gaddafi noch vor Kurzem für unterstützenswerte Zeitgenossen hielt. Das würde nur nichts daran ändern, dass Herr Ziegler in seiner Analyse grundsätzlich recht hat: Die Lage in vielen afrikanischen Ländern ist erschütternd, und es ist tatsächlich ein himmelschreiender Skandal, dass alle fünf Sekunden ein Kind den Hungertod stirbt, während in derselben Zeit die westliche Wohlstandsgesellschaft ihre Mülleimer mit Essbarem versorgt.


Blinde Flecken. Verdammt schade nur, dass Leute wie Jean Ziegler nur auf einem Auge gut sehen (es ist nicht das rechte). Wer nämlich glaubt, dass der Westen bloß seine Militärausgaben kappen müsse, um für die Hungernden endlich Nahrung kaufen zu können, ist so drollig wie jemand, der meint, es gäbe in Europa nur deshalb Jugendarbeitslosigkeit, weil die Militärs zu viele Abfangjäger angeschafft haben. Und wer tatsächlich glaubt, dass es in ganz Afrika warme Küche gibt, wenn der Westen dem Spekulantentum abschwört, wird zwar bei wohlhabenden Globalisierungsgegnern jede Menge Applaus abräumen, den hungernden Menschen in aller Welt aber nicht wirklich weiterhelfen.

Wo anzusetzen wäre, zeigt eine aktuelle Studie der Weltbank, derzufolge Afrikas Landwirte den gesamten Kontinent ohne größere Schwierigkeiten mit Nahrung versorgen könnten („Africa can help feed Africa“). Wenn man sie nur ließe. Der größte Gegner hungernder Menschen sind nämlich keineswegs profitgeile Spekulanten, erpresserische Konzerne oder hartherzige Menschen aus dem reichen Norden. Es sind protektionistische Regierungen, die mit hohen Importzöllen und Ausfuhrbeschränkungen ihre eigenen Bauern von der Konkurrenz abzuschotten versuchen und so dafür sorgen, dass die Nahrungsmittel nicht dorthin kommen, wo sie auch nachgefragt werden.


Fruchtbarer Boden liegt brach. Zudem wird die Produktion im eigenen Land knapp gehalten. Wenn beispielsweise Landwirten aus Uganda auf ihrem Weg zum Marktplatz bei zahlreichen Straßensperren vier Fünftel des erwarteten Verkaufspreises als Wegezoll abgeknöpft werden, bleiben sie lieber gleich zu Hause. Und wenn dann auch noch europäische Bauern ihre hochsubventionierte Überproduktion mit saftigen Exportförderungen auf den afrikanischen Handelsplätzen abladen, fliegen auch die wettbewerbsfähigsten Bauern aus der Region in hohem Bogen vom Markt. Das alles führt dazu, dass 90 Prozent des fruchtbaren Ackerlandes in Afrika nicht zum Anbau von Nahrungsmitteln genutzt werden, sondern brach liegen.

Derartige Erkenntnisse sind in unseren Breiten nicht besonders populär. Sie haben nämlich etwas höchst Unsympathisches an sich. So, als würde den hungernden Menschen in den ärmsten Regionen der Welt gesagt: Selber schuld, baut doch einfach eure Handelshemmnisse ab und schon habt ihr zu essen! Dabei sind nicht sie die Adressaten derartiger Botschaften, vielmehr deren Anwälte. Wie die Vereinten Nationen, die vielen Hilfsorganisationen, die einen tapferen Kampf gegen den Hunger führen. All jene, die lieber die Abschaffung der Marktwirtschaft propagieren und gleichzeitig mehr Geld fordern, statt den europäischen Förderfetisch anzuprangern und gemeinsam mit westlichen Regierungen für freien Handel zwischen afrikanischen Staaten zu werben. Allein mit dem Abbau von Handelshemmnissen könnte Afrika den Hunger weitgehend besiegen, so die Weltbank.

Das alles erschüttert freilich die seit Jahren gepredigte These, wonach erst das „neoliberale Gesindel“ den Hunger in die Welt gebracht hätte. Dabei sind freie Märkte nicht das Problem, sondern die einzige Hoffnung auf ein Leben in Anstand und Würde. Was wiederum kein ideologisches Glaubensbekenntnis ist, sondern funktionierende Realität, wie sich an den letzten Freilichtmuseen profitloser Gesellschaften ziemlich unschön beobachten lässt.


Auch Kuba hat es begriffen. So gibt es im Norden Koreas weder multinationale Konzerne, die kleine Bauern auspressen, noch ruchlose Hedgefonds, die mit Essbarem spekulieren. Dafür jede Menge leere Regale in den Geschäften und knapp fünf Millionen Menschen, die laut UNO vom Hungertod bedroht sind. Während im Süden der Halbinsel der Hunger längst vertrieben wurde und den tüchtigen Einwohnern dank funktionierender Märkte ein sagenhafter wirtschaftlicher Aufstieg geglückt ist.

Hungersnöte sind auch der Grund dafür, dass sich Kuba der Marktwirtschaft öffnet. Nach fünf Jahrzehnten Planwirtschaft lag die Hälfte des fruchtbaren Bodens brach, weshalb ihn die Kommunisten nun schrittweise privatisieren. Fidel Castro ist eben auch nicht mehr das, was er einmal war. Nur Jean Ziegler ist noch immer derselbe.

franz.schellhorn@diepresse.com

In Zahlen

95

Prozent der Getreideimporte afrikanischer Staaten kommen von nichtafrikanischen Anbietern. Bis 2020 wird sich in Afrika der Bedarf an Grundnahrungsmitteln verdoppeln, schätzt die Weltbank.

400

Millionen Hektar Land sind in Afrika fruchtbar. Nur knapp zehn Prozent dieser Fläche werden von der Landwirtschaft genutzt. Zum Vergleich: Die landwirtschaftlich genutzte Fläche der EU liegt bei 173 Millionen Hektar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2012)

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